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BR-KLASSIK feiert Beethovens 250. Geburtstag

Beethoven-Symphonien-Selfie #9 An die Freude

Es ist Beethoven-Jahr. Darum hören Sie nicht nur bei uns seine Stücke, die bekannten wie die weniger bekannten, sondern wir lassen Beethovens Symphonien auch persönlich zu Wort kommen; das haben sie sich echt verdient. In dieser Folge unserer "Beethoven-Symphonien-Selfies" stellt sich seine Neunte vor.

Beethoven-Symphonien-Selfie 9 | Bildquelle: BR/Alexander Naumann

Bildquelle: BR/Alexander Naumann

Beethoven-Symphonien-Selfie #9

An die Freude

Freunde! Bitte lasst mich mal etwas klarstellen. Dass ich klingend dem Frieden diene, vor allem hier in Europa, ist natürlich schön und ehrenwert, aber wer würde beim Witz immer nur die Pointe erzählen? Alle singen nur meinen Schlusssatz. Natürlich, auf den läuft ja auch alles hinaus. Aber ein Buch immer nur im letzten Kapitel beginnen? Ich bitte Sie, äh Euch! Wie soll man da den Sinn geistig fassen und mit der ganzen Seele erleben?

Mein Ruhm ist mir auch wirklich egal. Und dass ich formale Grenzen der Symphonie überschreite: Wen interessiert's? Die neidische EROICA vielleicht! Ich bin so, weil ich nicht anders KANN! Die vorigen acht Symphonien will ich ja nicht schlecht machen; die durften bereits Entscheidendes sagen: über die Natur, das Leben, die Kunst, das Kämpfen. Aber mit mir kommt nun etwas hinzu, was KEINE der vorigen konnte: ein Aufruf, ein Stimme-Erheben, ein Stimme-Sein! Ist ja klar, was ich dazu benötige: eine Stimme! Einen Chor von Stimmen!

Ludwig van Beethoven - Symphonie Nr. 9 | Bildquelle: dpa / Montage BR

Bildquelle: dpa / Montage BR

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Beethoven - Symphonie Nr. 9

Werk-Info

Mit seiner Neunten ist Beethoven dann nochmal in Neuland vorgestoßen: durch den Einsatz der menschlichen Stimme. Mit Schillers Pathos formuliert Beethoven die Utopie von einer besseren Welt: "Alle Menschen werden Brüder". Vor die populäre Hymne hat Beethoven allerdings eine dornige Wegstrecke gesetzt. (Uraufführung Mai 1824)

Hier alle Neune im Überblick

Und um diese Grenze überschreiten zu können, brauche ich nun mal einen besonders langen Anlauf. Mehr als zehn Jahre nahm sich der Beethoven nach der Achten für mich. Aber auch in der Komposition selbst ist Geduld gefragt! Ich muss quasi im NICHTS anfangen, im leeren Tonraum. Ahnt Ihr, was das für ein immenser Weg ist von hier bis zum Schlusschor? Dafür brauche ich halt meine Dreiviertelstunde. (milder) Aber dann lasse ich schließlich den Menschen über sich selbst hinauswachsen und die Welt küssen.

Freiheit! Brüderlichkeit!

Und wie dankt man es mir? (wütend) Man vereinnahmt mich! Immer findet sich eine Krise, Aufbruchs- oder Wendestelle, an der ich die Menschen für dieses oder jenes anstacheln soll. Bis zur Wiedervereinigung lag meine Partitur sogar getrennt in Ost und West. Mitten durch den vierten Satz verlief die Mauer. Deutschland! Sozialismus! Freiheit! Brüderlichkeit! Ja selbst im Corona-Lockdown erklang ich vom Balkon. Dazu bin ich wieder gut genug, ha! Gleichzeitig unterstellt man mir Plattheit oder gar Mängel – und verkennt dabei, dass das alles Absicht ist, so sein muss! Nur indem ich Plattes enthalte, kann ich die Plattitüde überwinden. Kann der Mensch die Menschheit küssen! Das muss im Wider-Spruch geschehen. DIA-LEKTISCH. Warum versteht das denn keiner? Ludwig! LUUUDD-WIIIIIG! (entfernt sich dabei vom Mikrofon).

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