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Zum Tod des Free-Jazz-Revolutionärs Cecil Taylor Marathon-Mann der kantigen Töne

Er war der wildeste Pianist der bisherigen Jazzgeschichte: ein Marathon-Mann kantig-verschränkter Klänge, einer, der auf den Klaviertasten verwegene Trommel-Symphonien improvisierte. Jetzt ist, wie unter anderem die Jazzzeitung und die Neue Zürcher Zeitung berichten, der große Musiker Cecil Taylor im Alter von 89 Jahren gestorben.

Jazzpianist Cecil Taylor | Bildquelle: picture-alliance / akg

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Er donnerte. Er wirbelte. Er grollte. Und das alles mit den Tasten. Den Pianisten Cecil Taylor zu erleben, das hieß: ein Klavier so zu hören, wie man es noch nie vorher gehört hatte – es sei denn, bei ihm selbst. Dieser Musiker, ein kleiner, magerer Mann, der in seiner Erscheinung fast etwas Zartes hatte, spielte bei seinen Improvisationen so wilde und heftige Töne wie niemand vor ihm. Töne formten sich bei ihm zu schroffen Klang-Zusammenballungen, sie klirrten wie splitterndes Glas und dröhnten wie naher Donner.

Wetterleuchtende Musik-Ereignisse waren Konzerte von ihm – und dabei weit entfernt von reinem Spektakel. Seine Kunst war eine, die aus starker Substanz kam und mit der die Ausdrucksmöglichkeiten des Tasteninstruments bis in vorher ungeahnte Extreme ausgereizt wurden. Cecil Taylor gehörte zu den weltweit bedeutendsten Musikern des frei improvisierten Jazz: in einer Reihe mit Free-Jazz-Größen wie Ornette Coleman, Albert Ayler oder auch dem späten John Coltrane.

Frühe Faszination für Bartók und Stockhausen

Erst vor Kurzem konnte er seinen 89. Geburtstag feiern. Knapp zwei Wochen danach ist der radikalste Jazzmusiker der letzten fünf Jahrzehnte jetzt für immer verstummt. Am 25. März 1929 wurde Cecil Percival Taylor in New York geboren. Er teilte den Geburtstag übrigens - worauf er selbst in einem Interview mit dem BR hinwies - mit der Soul-Sängerin Aretha Franklin, die am selben Tag, aber dreizehn Jahre nach Taylor auf die Welt kam. Er erhielt, angeregt durch seine Mutter, eine Tänzerin, mit sechs Jahren Klavierunterricht, später besuchte er das New England Conservatory in Boston, wo er einen Abschluss in Komposition und Arrangement machte. Nicht zuletzt die Musik von Béla Bartók und von Karlheinz Stockhausen sollen ihn schon früh fasziniert haben.

Vom Tellerwäscher zur Ikone der Freien Musik

Von 1955 an, als er in New York ein Ensemble zusammen mit dem Saxophonisten Steve Lacy und dem Bassisten Buell Neidlinger gründete, setzte sich Taylor immer mehr in der Jazzszene fest, doch es dauerte noch ein paar Jahre, bis er sich als ungewöhnlicher Neuerer der Töne einen Namen machte. Erste Schritte dazu waren bereits seine Alben "Jazz Advance" von 1956 und "Looking Ahead!" von 1959, in denen sich schon Züge seines später berühmten, energiegeladenen Spiels zeigten. Doch noch in den 1960er Jahren musste Taylor zeitweise sein Geld als Tellerwäscher verdienen.

Erst mit Veröffentlichungen wie "Unit Structures" von 1966 konnte er seine Stellung als führender Avantgardist festigen – und denjenigen Cecil Taylor, den später viele kannten – als Solo-Pianist von ungekannter Intensität -, dokumentierten erst Aufnahmen in den 1970er Jahren: etwa "Silent Tongues" von 1974. Die größte künstlerische Anerkennung wurde ihm 1988 zuteil: Damals veranstaltete die Berliner "Free Music Production2 eine Reihe von Konzerten mit ihm in unterschiedlichsten Kombinationen mit anderen Weltgrößen der Freien Musik; daraus wurde ein Box-Set aus 11 CDs, damals in limitierter Auflage veröffentlicht und heute ein gesuchtes Liebhaber-Objekt.

Stürmisch gefeiert - auch in Bayern

Seine Konzerte, oft auch zusammen mit dem Schlagzeuger Tony Oxley, führten Cecil Taylor nicht zuletzt an so traditionsreiche Orte wie das Münchner Prinzregententheater, wo ein aus weitem Umkreis angereistes Kennerpublikum ihn stürmisch feierte. Auch bei der Internationalen Jazzwoche Burghausen hatte er – im Jahr des 20. Jubiläums 1989 - einen überwältigenden Auftritt. Im sogenannten Stadtsaal spielte er damals solo eine gute Stunde nonstop, sprang nach dem Konzert auf, um ritualartige Tänze rund um den Flügel zu vollführen und dann noch zart hingehauchte Miniaturen als Zugaben zu spielen.

Wie eine Naturgewalt

Cecil Taylor  | Bildquelle: Barbara Woike-dpa Bildquelle: Barbara Woike-dpa Cecil Taylors Musik war ein Existenz-Erlebnis. Es ging nicht um die Demonstration von Spieltechnik, nicht um schnelles Verblüffen mit Effekten, sondern es ging um die Tiefendimension einer Musik, die vorbehaltlos radikal war. Diese Musik, die rhythmisch stets sehr stark akzentuiert war, konnte nur gespielt werden von einem Pianisten mit ungemein sicherer Technik. Und der Kraftaufwand, dissonante Tontrauben und wirbelnde Fortissimo-Läufe über eine längere Zeitstrecke ohne Einbrüche durchzuhalten, war stets einer, der andere Musiker nur zum Staunen brachte.

Cecil Taylor betrachtete - das wird oft zitiert -, das Klavier als ein Drumset mit 88 gestimmten Trommeln. Seine Musik hat dadurch eine ungewöhnliche Dichte, sie klingt wirklich wie die von jemandem, der auf dem Klavier Schlagzeug spielt. Elegant geformte Melodien, wie in der klassisch-romantischen Klaviertradition Europas, oder swingende Pointen wie im Jazz eines Duke Ellington oder Count Basie, hatten da keinen Platz. Aber die Klavierkunst etwa des viele Generationen überstrahlenden Soloklavier-Monuments Art Tatum, des Bebop-Virtuosen Bud Powell oder auch des sperrig-unorthodoxen Jazz-Neudenkers Thelonious Monk führte Taylor durch seine Kunst auf eigene, ganz radikale Art fort.

Mit Poesie und Tanzbewegungen

Nicht lyrisch, aber poetisch war seine Musik durchaus. Gerade in späteren Jahren prägten sein Spiel immer wieder Momente, in denen die Gewitterstürme innehielten und seine Musik eine bannende Ruhe nach dem Sturm - oder vor dem nächsten – entfaltete. Oft rezitierte Taylor zwischen Klavier-Improvisationen auch mit schnarrend-näselnder Stimme eigene Gedichte, was er meistens durch eigenartige Tanzbewegungen begleitete, und schuf dadurch eine ganz eigene Art der poetischen Verschränkung von Künsten.

Cecil Taylor war einer der prägnantesten und ausdrucksstärksten Künster der afroamerikanischen Kultur in den letzten sechs Jahrzehnten. Ein Musiker, der seine Töne nie durch eventuelle kommerzielle Überlegungen oder gesellschaftliche Konventionen glätten oder gar einschränken ließ. Ein Unangepasster – ein Magier einer Musik, die sich jedesmal neu erschuf.

Nachruf auf BR-Klassik:

9. April 2018 ab 23:05 Uhr in der Jazztime
Der kantige Marathon-Mann am Klavier: Pianist Cecil Taylor, eine der Ikonen des Free Jazz und bisher wildeste Pianist der Jazzgeschichte, ist am 5. April im Alter von 89 Jahren gestorben. Ein Nachruf - unter anderem mit Auszügen einer Live-Aufnahme des BR von 2011 aus dem Jazzclub Birdland in Neuburg an der Donau.
Moderation und Auswahl: Roland Spiegel

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