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Musikkulturen im Dialog Classic goes Orient

Ob Janitscharengetöse oder opulente sinnliche Klangwelten wie aus Tausendundeiner Nacht: Exotisch und geheimnisumwoben, übte der Orient über Jahrhunderte hinweg eine besondere Faszination auf die europäische Kultur aus und hinterließ auch in der Musik seine Spuren.

"Arabian Passion according to J. S. Bach" - Sarband | Bildquelle: © Jaro Medien

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"Musik der Welt" vom 17. September 2022

Classic goes Orient

Mit diesem Erbe gehen Musikerinnen und Ensembles heute eher spielerisch um, indem sie auf die östlichen Inspirationen in der klassischen Musik mit Augenzwinkern reagieren – wie das Noisten Ensemble, das sogar von Beethovens Schaffen eine Brücke in den Orient zu schlagen vermag. Das in Wuppertal ansässige Quartett um den Klarinettisten Reinald Noisten inklusive eines indischen Perkussionisten, hat aus purer Freude an musikalischen Grenzgängen zum 250. Geburtstag des großen Komponisten sein Programm "Klezmer-Pastorale" aufgelegt. Darin werden nicht nur Beethovens "Chor der Derwische", sondern auch die "Ode an die Freude" aus seiner 9. Symphonie und das Thema des 1. Satzes seiner 6. Symphonie, der Pastorale, zu Klezmer-Tänzen.

Türkische Musiker spielen mit französischem Renaissance-Ensemble

Ensemble Noisten | Bildquelle: © Noisten Das Noisten Ensemble hat Freude an musikalischen Grenzgängen. | Bildquelle: © Noisten Wenn es darum geht, die einigende Kraft der Musik zu beschwören, ist Ludwig van Beethoven einer der ersten Namen, der Vielen in den Sinn kommen mag – und zwar in West wie in Ost. Ein besonderes Interesse des Komponisten an der Musikkultur des Orients ist allerdings nicht dokumentiert. Im Gegensatz zu vielen seiner Kolleginnen und Kollegen, die in ihren Werken gerne die exotische Klangwelt des Morgenlandes imaginiert haben und sich dabei auch von musikalischen Klischees inspirieren ließen.

Der türkische Ney-Spieler und Ensemble-Leiter Kudsi Ergüner hat sich für sein kulturübergreifendes Projekt "La Porte de Felicité" vorsorglich die Mitwirkung des französischen Renaissance-Ensembles Doulce Mémoire gesichert. Die beiden Musikgruppen richten ihren Blick gemeinsam auf das Jahr 1453, das als der Fall Konstantinopels in die Geschichte einging. Damals hatten die Osmanen die Hauptstadt des Byzantinischen Reichs, das heutige Istanbul, erobert und damit eine Phase des kulturellen Austauschs über Grenzen hinweg eingeleitet.

Die europäischen Instrumentalisten, die in Konstantinopel lebten, konnten die Musik der Janitscharen hören, die überall in der Stadt gespielt wurde.
Denis Raisin Dadre

Doulce Mémoire | Bildquelle: © doulcememoire Das französische Renaissance-Ensemble Doulce Mémoire ist neugierig auf Musik anderer Kulturen. | Bildquelle: © doulcememoire "Die Lautenisten konnten nicht gleichgültig gegenüber der Oud sein, der Ahnin ihres Instruments. Genauso wenig wie die Geigerinnen gegenüber der Kemençe, die Hackbrettspieler gegenüber dem Kanun und Flötenspielerinnen gegenüber der Ney", meint Denis Raisin Dadre, der Leiter von Doulce Mémoire. Besonders in der Alten Musik aus vorbarocker Zeit waren die Grenzen zwischen den Kulturen noch durchlässiger und offener für fremde Einflüsse von außen. Den Geist einer solchen Offenheit und Toleranz tragen viele der kulturübergreifenden Projekte heute als Botschaft in sich. Oftmals schließen sich darin Musikerinnen und Musiker beider Kulturen zusammen wie das Kudsi Ergüner Ensemble und Doulce Mémoire mit "La Porte de Felicité".

Musikgruppe Sarband: Brückenschlag zwischen Orient und Okzident

Andererseits gibt es Musikgruppen, die sich von Anfang an auf den Brückenschlag zwischen Ost und West spezialisierten, wie das Ensemble Sarband. Der Name "Sarband" ist dabei Programm: in der Musiktheorie des Nahen Ostens bezeichnet er eine improvisierte Verbindung zwischen zwei Stücken einer Suite. So setzt sich das Ensemble aus Musikerinnen und Musikern sowohl des Morgen- als auch des Abendlands mit ihren Instrumenten zusammen. Über die Idee hinter der ungewöhnlichen Besetzung heißt es bei Sarband:

Die Zusammenarbeit innerhalb des Ensembles ist kein modisches Crossover, sondern ein gleichberechtigter Dialog.
Sarband

Ensemble Sarband | Bildquelle: © Sarband.de Das Ensemble Sarband: ein interkulturelles musikalisches Experimentierfeld. | Bildquelle: © Sarband.de "So wird Sarband ein interkulturelles musikalisches Experimentierfeld für Verständigung und Toleranz." Ähnliches streben viele Musikerinnen, Musiker und Ensembles an, die abendländische Klassik mit der Vielfalt der musikalischen Traditionen des Orients in Kontakt und in Austausch bringen. Beispielsweise widmet sich auch der Gambist, Musikforscher, Komponist und Dirigent Jordi Savall mit seinem Faible für humanistisch geprägte, kultursensible Projekte dem Thema. Zusammen mit seinem Ensemble Hespérion XXI kombiniert er auf der CD "Orient – Occident, Eine Hommage an Syrien" syrische Musik mit europäischen Stücken aus Sammlungen des 13. Jahrhunderts. Das Programm ist laut Savall als ein solidarischer Akt mit den Leidtragenden des Krieges und der politischen Unterdrückung in Syrien zu verstehen.

Bachs Passionsmusik mit arabischen Klängen

Ebenfalls eine Botschaft, die über die Musik hinausreicht, sendet das Ensemble Sarband mit seinem Programm "The Arabian Passion". Dabei überträgt es die Passionen von Johann Sebastian Bach in eine Welt, in der Orient und Okzident einander auf großartige Weise berühren:

Die Arabische Passion ist eine musikalische Bitte um Frieden.
Sarband

"Eine Bitte, die in dem Vertrauen ruht, welches die Grundlage von Bachs Passionen ist: dass eines Tages alles Leid ein Ende finden wird." Unabhängig davon, ob bei den vielfältigen musikalischen Brückenschlägen zwischen Ost und West auch außermusikalische Botschaften eine Rolle spielen: die interkulturellen Projekte fördern spannende Erkenntnisse zutage. Zum einen werden dabei Orient-Klischees enttarnt. Andererseits wird deutlich, dass die Unterschiede zwischen Ost und West nicht dominieren und dass Musik die Macht hat, Trennendes zu überwinden.

Sendung: Musik der Welt am 17. September 2022 ab 23:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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