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Eartha Kitt zum 90. Geburtstag Catwoman und Diva

Man nannte sie "Catwoman". Kein anderer Showstar konnte so fauchen - und so die Krallen zeigen - wie Eartha Kitt. Am 17. Januar wäre die Diva, die einst als "Königin der Nachtclubs" gefeiert wurde, 90 Jahre alt geworden. Erinnerungen an eine Künstlerin, die Journalisten im Interview auch mal die kalte Schulter zeigte - dann aber doch kein Blatt vor den Mund nahm. So erlebt von unserem Autor 1995 in Atlantic City.

Jazzsängerin Eartha Kitt | Bildquelle: picture-alliance / Globe-ZUMA

Bildquelle: picture-alliance / Globe-ZUMA

Eartha Kitt war eine Frau, die sich Gehör verschaffte - und kein Blatt vor den Mund nahm. Nur ganz wenige Showstars vereinten Glamour und Bewunderung von Fans und großen Kollegen so sehr mit der entschiedenen Bereitschaft zum Anecken wie diese Sängerin, Entertainerin und Schauspielerin, die am 17. Januar 1927 in einer Baracke bei einem Baumwollfeld in der Nähe eines Orts namens North in South Carolina geboren wurde. Sie sang das französische Chanson "C’est si bon" so verführerisch wie sonst niemand - und in dem Evergreen "Just an old fashioned girl" konnte niemand die Sätze "I want an old fashioned house with an old fashioned fence - and an old fashioned millionaire" mit einer ähnlich blitzenden Schalkhaftigkeit tremolieren. Sie kannte die Gosse und die große Welt, machte aus beidem kein Geheimnis - und bewahrte sich bis zu ihrem Tod am ersten Weihnachtsfeiertag 2008 ein so markantes Profil wie nur die wenigsten ihrer Branche.

Schlimme und glamouröse Zeiten

Eartha Mae Kitt hieß sie mit vollem Namen. Und Gegensätze (wie der Ortsname North in South Carolina) prägten ihr Leben. Als Tochter einer afroamerikanisch-indianischen Mutter und eines Weißen, den sie nie kennenlernte, erlebte sie Rassismus von beiden Seiten. Ihr Stiefvater, mit dem die Mutter zusammenzog, als Eartha Kitt acht war, verstieß sie wegen ihrer hellen Haut, und sie wurde von einer Tante zur nächsten gereicht. In den schlimmsten Zeiten klaubte sie das, was sie zum Essen brauchte, aus Mülltonnen zusammen. Und in den besten Zeiten trank sie mit dem Aga Khan Champagner, aß Torte mit Albert Einstein und brachte in London einen Maharadscha zu dem Ausruf: "Ravissante! Ich bin vernichtet!" Der Filmregisseur, Autor und Schauspieler Orson Welles nannte sie einmal "die aufregendste Frau der Welt". Eartha Kitt selbst meinte in einem Fernseh-Interview dazu nur: "Ich glaubte ihm alles, was er sagte."

Showstar mit Krallen

Eartha Kitt, die in den 1960ern die "Catwoman" in der "Batman"-Fernsehserie spielte und wegen ihres eindringlichen Blicks und ihres scharf geschnittenen Munds später gern die "Catwoman" des Showgeschäfts genannt wurde, war einer der schillerndsten US-amerikanischen Stars in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auch Politiker wie John F. Kennedy bewunderten diese Künstlerin. Doch 1968, während Lyndon B. Johnsons Amtszeit, führte eine Äußerung Eartha Kitts während eines Damenkränzchens von Lady Bird Johnson zu einem harschen Karriere-Knick der Sängerin in den USA. Die First Lady wollte die Meinung der Entertainerin über den Vietnam-Krieg wissen. Und Eartha Kitt antwortete: "Ihr schickt die Besten des Landes raus, um ermordet oder verkrüppelt zu werden. Kein Wunder, dass die Kids rebellieren und Hasch rauchen." Lady Bird Johnson soll daraufhin in Tränen ausgebrochen sein. Aber für Eartha Kitt waren die Folgen schlimmer: Jahrelang wurde sie von amerikanischen Rundfunkanstalten und Veranstaltern boykottiert. Eine Verfemte, die sich in den folgenden Jahren auf Auftritte in Europa und Asien konzentrierte. Erst 1978 wurde sie in den USA durch Jimmy Carter rehabilitiert. Schon von 1956 an hatte sie unter Bewachung der CIA gestanden.

Gurrender Lockruf und stolze Chanson-Eleganz

Eartha Kitt auf der Bühne - ein Rausch der Herausforderung. Etwa zum Jahreswechsel 1995/1996 konnte man sie mehrere Wochen lang im Deutschen Theater München erleben. Da war sie 67 ("So steht es wenigstens in meinem Pass!"), wirbelte im schwarzen, hochgeschlitzten Tüll-Kleid auf die Bühne, fixierte das Publikum mit forschem Blick, reckte die Hüfte provozierend vor und ließ langsam ein Knie aus der Robe hervorblitzen. Und mit einem Song von Stephen Sondheim aus dem Musical "Follies" schien sie in wenigen Sätzen ihr Leben zu erzählen: "Good times and bum times, I’ve seen them all, and, my dear, I’m still here". Jubel im Publikum - für so viel Authentizität im glitzernden Umfeld. Und für so viel Begabung. Jeder Schritt und jede Geste saßen, und wenn sie sich auf einem Diwan räkelte, um das Bekenntnis des altmodischen Girls von sich zu geben, knisterte es. Ihr Gesang war eine Mischung aus gurrendem Lockruf und stolzer Chanson-Eleganz - und er tat Jahrzehnte lang seine Wirkung. Und auch damals, rund um Silvester 1995.

Nett sein - wieso? Ein Interview in Atlantic City

Wer zu jener Zeit die Gelegenheit hatte, Eartha Kitt alleine für ein Interview zu treffen, der konnte die schroffen Gegensätze dieser beeindruckenden Frau ebenfalls erleben. Szene: die Spieler-Stadt Atlantic City, ein zweites Las Vegas, gelegen eine Flugstunde südlich von New York. Ein Hotel- und Casino-Komplex des Trump-Imperiums, ein Riesen-Gebäude mit bunten Plastik-Zwiebeltürmen, ein Tempel für Lautes, Grelles und Pompöses. Dort war Eartha Kitt zur Vorweihnacht 1995 gelandet - für das Vorprogramm zu dem puerto-ricanischen Sänger und Gitarristen José Feliciano ("Feliz Navidad"). Nächster Tag: Interview in ihrer Hotelsuite. Eartha erscheint an der Tür, mit einem Turban-artigen Wickeltuch um den Kopf, im Jogging-Anzug und mit monströsen Turnschuhen, blickt unfroh und zischt, nachdem sie Einlass gewährt hat, ein knappes: "Eiskalt hier drinnen, nicht wahr". Und es gab anschließend viel Eis zu brechen in einem Gespräch, das von ihrer Seite her eine ganze Weile einsilbig blieb. Nett sein? Immer lächeln? Das hat sie noch nie gemacht. So die unausgesprochene Botschaft viele lange Augenblicke lang.

Keine Ehrfurcht vor großen Namen

Sie taut auf, als wir über andere Musiker sprechen - und zieht vom Leder. Miles Davis? "Ich weiß nicht, wieso alle Welt ihn als Klassiker feiert. Mir hat seine Musik nie etwas gesagt." Michael Jackson? "Er hat nur eine einzige gute Platte gemacht, 'Bad', und die war nur deshalb gut, weil die Hauptarbeit von Quincy Jones stammte." Madonna? "Ich mag ihren Namen gar nicht nennen, da mach‘ ich nur Werbung für sie. Ich bin ja nicht neidisch auf sie selbst, nur auf ihr Geld." Als das Gespräch auf - damals - aktuelle Songs kommt, sagt sie, die heutigen Songwriter seien doch alle ziemlich schwach. "Cole Porter und die Gershwins schrieben noch Lieder mit witzigen Texten, die Sinn gaben. Die wussten, wie man zeitlose Songs schreibt. Nicht zu vergleichen mit dem Yip-Yap-Zeug, das man heute so hört. Überhaupt, was einem alles als neu verkauft wird: Rap zum Beispiel habe ich schon immer gemacht, denn Rap bedeutet, zur Musik zu sprechen. Und dann die neuen Musicals, dieser, wie heißt er gleich, Andrew Lloyd Webber …" Da hält sie sich dann die Hand vor den Mund und flüstert etwas kaum Verständliches, das wie "horrible" klingt.

Engagierte Frau mit Rückgrat

Ein Erlebnis, diese Begegnung mit der kralligen Catwoman, die an dem Gespräch am Ende offenbar doch noch Gefallen findet und mit nichts mehr hinter dem Berg hält. Auch politisch äußert sie sich da: "Warum fühlen sich amerikanische Präsidenten immer bemüßigt, der Welt zu zeigen, wie gut wir sind?" Das war während der Ära Bill Clinton. Es wäre spannend zu hören, was sie heute sagen würde, diese große Entertainerin, die stets einen Standpunkt hatte. Viele Jahrzehnte hat sich Eartha Kitt für Arme und Diskriminierte engagiert, war Friedens- und Frauenaktivistin, trat für gleichgeschlechtliche Ehe ein ("Ich bin eine ausgestoßene, unterdrückte Person, und so verstehe ich sie, so gut ich nur kann, obwohl ich selbst heterosexuell bin") und fand in ihren Shows Songs wie den Wirtschafts-Depressions-Klassiker "Brother, can you spare a dime" besonders wichtig. Über dieses Lied sagte sie 1995: "Ein Lied, das für mich sehr aktuell ist, weil die Welt zwar heute reicher aussieht als vor Jahrzehnten, es in ihr aber immer noch dieselbe Armut gibt." Auch da könnte Eartha Kitt, diese Entertainerin mit Haltung, heute noch viel deutlichere Worte finden. Das müssen jetzt andere tun. Auch deshalb ist der 90. Geburtstag dieses Showstars ein Tag voller möglicher Inspirationen. Ein "Old fashioned girl" mit Vorbild-Potenzial.

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