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Erstbegegnung mit dem Jazz in München Wer Jazz sagt, meint die Unterfahrt

"Jazzclub - nur was für alte Leute!" Mit dieser Einstellung gingen die Schüler:innen des Gymnasium Eggenberg in ihr Projekt-Seminar "Jazz" und betrachteten die Münchner Unterfahrt, ihre Geschichte und Struktur genauer - mit erstaunlichem Ergebnis.

Lisa Wulff Quartett beim Konzert in der Unterfahrt am 26. November 2020 | Bildquelle: TJ Krebs

Bildquelle: TJ Krebs

Etwas versteckt inmitten des pulsierenden Münchner Nachtlebens liegt der Jazzclub Unterfahrt. Klein und unscheinbar ist das Schild in einer Einfahrt, das durch einen großen Torbogen in eine geheimnisvolle Unterführung hinunterführt. Leise hallt einem der sanfte Klang von Bass und Trompete entgegen, während man eine steinerne Treppe hinunterläuft, die in einen kalten schmalen Gang mündet. Das Ende kaum zu sehen, wirkt die dumpfe Musik wie ein großes unerreichbares Mysterium. Am Ende des Ganges öffnet sich eine kleine rote Tür wie ein Tor zu einer anderen Dimension, in der man von warmer, goldener Beleuchtung und Musik in euphorischer Lautstärke eingehüllt wird. Die Unterfahrt zieht nicht nur Publikum sondern auch die Mitarbeitenden in ihren magischen Bann!

Oft gibt es Wochen, da möchte ich jeden Abend hier sein
Antonia Haseneder

Das sind die Worte einer jungen Frau, die zum Team der Unterfahrt gehört. Träger des Jazzclub Unterfahrt ist der "Förderkreis Jazz und Malerei München e.V.", Michael Stückl ist dessen Vorstand und für das Programm in der Unterfahrt verantwortlich, Antonia Haseneder kümmert sich um die Organisation und Durchführung der Konzerte. Fast jeden Tag gibt es Live-Musik in der Unterfahrt. Die junge Jazzliebhaberin arbeitet mit voller Hingabe im Jazzclub und engagiert sich mit ganzem Herzen. Seit einigen Jahren ist sie schon im Team, jedoch beginnt die Geschichte der Unterfahrt schon lange Zeit früher.

Von der Eisenbahner-Kneipe zum Jazzclub

Die "alte" Unterfahrt (1978-1998) | Bildquelle: Unterfahrt In der "alten" Unterfahrt | Bildquelle: Unterfahrt Im Jahr 1978 wurde der Jazzclub Unterfahrt in München gegründet und zieht seitdem zahlreiche Jazzfans und Musiker:innen in seinen Bann. Ins Leben gerufen wurde der Club von den Jazzmusikern Fritz Otto, Herbert Straub und Mike Uitz, die ihre Leidenschaft für Jazz und den Wunsch, einen eigenen Ort zu schaffen, um gemeinsam Musik zu machen, in die Tat umsetzten. Die Geburtsstunde des Clubs fand in einem ehemaligen Eisenbahner-Lokal namens "Zur Unterfahrt" in der Münchner Kirchenstraße statt und schon bald wurde das Lokal ein beliebter Anziehungspunkt für Musikfans und internationale Jazzstars, die schon in den 1980er auf der Bühne der "alten" Unterfahrt standen.

Anziehungspunkt für die Szene - auch in der Pandemie

Aufgrund der knappen finanziellen Mittel nach der Gründung gab es kein Geld für ein neues Schild, somit behielt man einfach den Namen "Zur Unterfahrt" der Eisenbahnerkneipe bei. Bis 1998 hatte der Jazzclub sein Zuhause in der Kirchenstraße nahe den Eisenbahnschienen, dann war der Club auf der Suche nach einer neuen Heimat und ist seither im ehemaligen Brauereikeller des Unionsbräu in der Einsteinstraße zu finden. Selbst in der Corona-Zeit, als andere Veranstaltungsorte massive Probleme hatten, konnte sich die Unterfahrt mit ihrer Streaming-Plattform über Wasser halten. Heute ist dieser Jazzclub der bedeutende Jazzort für die Münchner Szene und weit darüber hinaus. Internationale Stars des aktuellen Jazz, aber auch Local Heros sind auf der Bühne der Unterfahrt zu erleben.

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Peter O'Mara Big Band Project 65th Birthday Concert Unterfahrt Munich 9th December 2022 | Bildquelle: Peter O Mara (via YouTube)

Peter O'Mara Big Band Project 65th Birthday Concert Unterfahrt Munich 9th December 2022

Unser Weg zum Jazz

In unserem Projekt-Seminar "Die Unterfahrt - Geschichte und Bedeutung eines Münchner Jazzclubs von internationalem Ruf" haben wir Schüler: innen des Gymnasiums Eggenberg die Jazzmusik rund um die Unterfahrt unter der Leitung unseres Musiklehrers Henner Beermann erkundet. Zu Beginn des Jahres verbanden wir Schüler: innen mit "guter" Musik vor allem Musikgenres wie Pop, Rap oder Techno. Der Jazz war in unseren Augen nicht präsent und wurde als "langweilig" oder "nur was für alte Leute" gesehen, auch mit Improvisation konnten wir überhaupt nichts anfangen und der Reiz dahinter schien uns fremd.

Im Rahmen des Projektes hatten wir Schüler: innen jedoch die Chance diese Stereotypen abzulegen und einen näheren Einblick zu erhalten in den faszinierenden Kosmos des Jazz, seine fesselnden Rhythmen, seine komplexen Harmonien, die virtuosen Improvisationen, sowie vor allem seine unerwartete Vielgestaltigkeit.

Entdeckungsreise zum Jazz

Michael Stückl, Vorstand des Vereins "Förderkreis Jazz und Malerei München e.V." und Porgrammgestalter des Jazzclubs Unterfahrt. | Bildquelle: Ralf Dombrowski Michael Stückl, Programmgestalter der Unterfahrt und Vorstand des Förderkreis' Jazz und Malerei München e.V. | Bildquelle: Ralf Dombrowski Der erste Stopp unserer musikalischen Erkundungstour waren eine Reihe von Interviews mit einigen renommierten Jazzmusiker: innen. Wir durften hierbei nach persönlichem Musikgeschmack oder Bauchgefühl Musiker: innen anhand der sogenannten "Investigates"-Interviews des Pianisten Pablo Held  in der Klasse vorstellen. Hierbei kamen wir zum ersten Mal mit persönlichen Erfahrungen und Einblicken ins Leben und Denken von Jazzmusiker: innen in Kontakt.

Eine konkretere Idee von Jazz, sowie erste Eindrücke zur Unterfahrt sammelten wir durch kleine Interviews mit Künstler: innen, die bereits in der Unterfahrt auftraten. Danach führten wir, in Gruppen längere Interviews mit Verantwortlichen aus dem Unterfahrt-Team, wie Michael Stückl und Antonia Haseneder, sowie Mitgründern, wie Michael Uitz.
Jedes dieser Gespräche enthüllte uns neue Aspekte zur Geschichte und Bedeutung des Jazzclubs für die Stadt München und darüber hinaus.

Nach so vielen Erfahrungen, Begegnungen, Annäherungen an den Jazz und die Unterfahrt, machten wir uns, begleitet von unserem Seminarleiter Herrn Beermann abschließend noch vor Ort, bei einem Live-Konzert ein eigenes, beeindruckendes Bild.

Vom Klassenzimmer in die Welt des Jazz

Inspiriert durch die Gespräche mit jungen und erfahrenen Jazzmusiker:innen, die selbst Jazz in der Unterfahrt spielen und erleben durften, gingen wir daran mit Unterstützung von Jazzredakteur Roland Spiegel, eine Radiosendung vorzubereiten. Wir tauchten in die Welt des Jazz ein und entdeckten die Tiefe der Harmonien und den freien Fluss der Rhythmen.

Ein neuer Blick auf den Jazz

Anfangs hat unsere Gruppe dem Jazz voreingenommen entgegengelächelt, jedoch erkannten wir bald die emotionale Stärke und Ausdruckskraft, die diese Musikrichtung zu bieten hat, und wir änderten unsere Meinung völlig.

Sendung: Jazztime am 21. September 2023 ab 23.05 Uhr auf BR-KLASSIK
Abenteuerlust im Keller: Die Münchner Unterfahrt - Geschichte und Bedeutung eines Jazzclubs von internationalem Ruf

Die Jazztime-Sendung und der Webartikel entstanden im Rahmen eines Projekt-Seminars des Gymnasiums Eggenberg im St. Anna Colleg.
Autor:innen: Theresa Orth, Clara Thome, Felix Frank, Moritz Geissler, Matteo Schuler, Benjamin Kurig, Adit Schäfer und Niklas Kern
Projektleitung: Henner Beermann und Roland Spiegel

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