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Bruckners 7. Symphonie wird verrissen "Großthuerei und Armseligkeit"

Wien, 3. April 1886. Anton Bruckners Symphonie Nr. 7 wird nach einer Aufführung verrissen. Das ist weiß Gott keine neue Erfahrung für den unter Selbstzweifeln leidenden Komponisten. Dabei sollte gerade die Siebte ihrem Schöpfer großen Erfolg bescheren...

Anton Bruckner, Gemälde von Hermann Kaulbach | Bildquelle: picture-alliance / akg-images

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Auf die Symphonien von Anton Bruckner hat in dieser Stadt zu Lebzeiten des Komponisten eigentlich keiner gewartet – mit Ausnahme der Musikkritiker. Kaum ein Komponistenkollege wirkte auf die Herrschaften so inspirierend wie Bruckner. Unbeherrscht ließen die Krittler ihren galligen Worten freien Lauf. Auch als die 7. Symphonie in Wien aufgeführt wird, hagelt es von den Bruckner-Dauernörglern spöttische Vergleiche:

"Bruckner komponiert wie ein Betrunkener" oder auch "Bruckners Symphonie ist der wüste Traum eines durch zwanzig Tristan-Proben überreizten Orchester-Musikers."

Brucknerphobie

Anführer der an "Brucknerphobie"-leidenden Schreiberlinge ist Eduard Hanslick, bekennender Brahmsianer und damit automatisch Bruckner-Gegner. Mit vor Boshaftigkeit triefenden Wortschlangen spiegelt Hanslick die symphonischen Riesenschlangen Bruckners wieder. Und zieht damit eine ganze Schar Jünger an. Vor allem in Wien. Die interessiert es auch nicht die Bohne, dass man sich in Leipzig, wo Bruckners Siebte unter Arthur Nikisch uraufgeführt wurde, bereits anfreundet mit den neuen Klangfarben.

Bruckners musikalische Liebeserklärung an Wagner

Und so blasen diese Kritiker selbstverständlich aus einem Rohr, oder sagen wir mal, aus einer Wagnertuba, als Bruckners Siebte in Wien gegeben wird – in der hat Bruckner sogar ein Wagnertuben-Quartett eingesetzt! Zu verstehen ist das nicht als Provokation, sondern eher als Liebeserklärung an den von Bruckner vergötterten Richard Wagner. Der nämlich ist während der Entstehung der Siebten gestorben. Auf alle Fälle gießt diese Instrumentierung Öl auf die Mühlen der Musikkritiker, die darin "bleierne Langeweile und fieberhafte Überreizung" hören. Max Kahlbeck fasst das Werk knapp zusammen: "Seine siebente Symphonie ist nichts mehr als eine theils anlockende, teils abstoßende musikalische Stegreifkomödie, ein in bunten Farben gemaltes Bild nach Motiven von Beethoven und Wagner!".

Bleierne Langeweile und fieberhafte Überreizung
Kritiker über Bruckners Siebte

Erstaunlich, dass ausgerechnet diese "Stegreifkomödie" als erste Symphonie Bruckners einen Siegeszug durch die Konzertsäle antritt, sogar in Amerika. Was wiederum zeigt, dass man in Wien damals, rein musikalisch betrachtet, hinter dem Mond lebte.

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Bruckner: Symphony No. 7 | Celibidache & the Berlin Philharmonic | Bildquelle: DW Classical Music (via YouTube)

Bruckner: Symphony No. 7 | Celibidache & the Berlin Philharmonic

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