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Niccolò Paganini 24 Capricen für Violine solo

In ganz Europa feierte Niccolò Paganini Erfolge. Aber erst mit 38 Jahren gab der "Teufelsgeiger" sein erstes Werk in Druck: die 24 Capricen für Violine solo. Susanna Felix stellt zusammen mit dem Geiger Thomas Zehetmair diese "Starken Stücke" vor.

Porträt Niccolò Paganini | Bildquelle: picture-alliance/dpa

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Das starke Stück zum Anhören

Technisch gehören die 24 Capricen von Paganini mit zum Schwierigsten, was je für die Geige komponiert wurde. "Dedicati agli artisti" - "den Künstlern gewidmet" schrieb Paganini auf das Deckblatt seines Opus 1. Soviel ist klar: Wer diese Stücke spielen will, muss - im wahrsten Sinne des Wortes - etwas von seinem "Handwerk" verstehen. Die Capricen sind kurz, zum Teil dauern sie keine zwei Minuten. Und jede von ihnen hat ihre eigenen technischen Schwierigkeiten. Hat Paganini sie als Übungsstücke komponiert? Als Etüden? Letzteres wohl kaum, meint Thomas Zehetmair: "Jedes einzelne Stück behandelt einen gewissen geigerischen Aspekt, aber auch einen eigenen Charakteraspekt. Die sind alle sehr gut geeignet, um gewisse technische Anforderungen zu üben. Nur, sie als Etüden zu bezeichnen, da würde ich sagen: Thema verfehlt."

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"Launisch, witzig, improvisiert"

Thomas Zehetmair | Bildquelle: picture-alliance/dpa Thomas Zehetmair | Bildquelle: picture-alliance/dpa Zehetmair jedenfalls sieht mehr in den Capricen. Ihn interessiert vor allem der musikalische Aspekt. Capricci - diesen Titel wählte Paganini nicht zufällig. Bereits im 17. Jahrhundert bezeichnete man so Instrumentalstücke, die sehr launisch, witzig, ja nahezu wie improvisiert klangen. Knapp 90 Jahre vor Paganini schrieb der Geiger Pietro Locatelli auch schon 24 Capricen für die Violine. Ob sie dem Genueser wohl als Vorbild gedient haben? Auf jeden Fall zeugen auch Paganinis "Capricci" aus dem Jahr 1820 mit manchen überraschenden Wendungen von einem launenhaften und spontanen Charakter. Paganini war ein großartiger Improvisator. Er konnte aus dem Stegreif Melodien kunstvoll und virtuos verzieren. Deshalb nimmt sich auch Thomas Zehetmair die Freiheit heraus, die Stücke teilweise leicht zu verändern: "Das sind absolut subjektive Stücke, die geradezu Improvisation und Freiheit verlangen. Das Element des Moments, des Gedankenblitzes und des Spielens mit den Mitteln der Geige, das ist vielleicht so das Ziel."

Paganini hat ja die Menschen zum Schluchzen gebracht mit seiner Geige.
Thomas Zehetmair

Im Bunde mit dem Teufel

Die meisten der Capricen sind in einer ABA-Form geschrieben, wo am Schluss der Anfang noch einmal wiederholt wird. Und gerade hier bietet es sich an, zu variieren. Diese so genannten Dacapo-Teile zu verzieren, ist eine alte Tradition, die schon in der Barockmusik üblich war. Thomas Zehetmair benutzt dafür beispielsweise Flageoletts, also Töne, die durch leichtes Auflegen der Fingerkuppe erzeugt werden und dem Klang einer Flöte ähneln.
"Der Teufel lacht, wenn Paganini seine Geige erklingen lässt" - Zeit seines Lebens wurde Paganini die Gerüchte um seine Person nicht los: Weite Lagenwechsel, absurde Grifftechniken, Glissandi, Oktaventriller und fliegende Staccati - wer so virtuos spielen kann, der muss mit dem Teufel im Bunde sein. "Paganini hat nicht nur mit seiner Virtuosität beeindruckt", sagt Thomas Zehetmair. "Das, was die Menschen berührt hat, waren er, sein Ton und seine unglaubliche Ausdrucksfähigkeit. Der hat ja die Menschen zum Schluchzen gebracht mit seiner Geige. Und das empfinde ich schon als die Aufgabe des Violinsolisten dieses Ziel anzustreben: wirklich die Zuhörer direkt anzusprechen, direkt bei der Seele zu erwischen und auch dementsprechend zu lenken."

Ein eigener kleiner Zyklus im Zyklus

Zehetmair ist einer der wenigen Interpreten, der Paganinis Capricen als kompletten Zyklus auch im Konzert spielt. Sehr häufig nur als Zugabe gegeben wird die 24. und damit letzte der Capricen. Von ihr ließen sich viele andere Komponisten zu Bearbeitungen und neuen Werken inspirieren, wie beispielsweise Liszt, Brahms oder Rachmaninow. Und gerade diese letzte Caprice spielt auch im gesamten Zyklus eine besondere Rolle: "Sie ist eigentlich schon ein Zyklus in sich, die vierundzwanzigste, mit den ganzen Variationen", erklärt Thomas Zehetmair. "Diese Variationen sind ja auch schon unglaublich kontrastreich, mit den Oktaven, mit den Dezimen, mit dem Linken-Hand-Pizzicato und Akkordbrechungen in der letzten Variation, Kunststücke mit der rechten Hand, fliegende Staccato in der ersten Variation, also: Es ist an sich, als ob’s ein eigener kleiner Zyklus im Zyklus ist.

Musik-Info

Niccolò Paganini - 24 Capricen, op. 1

Thomas Zehetmair (Violine)
Label: ECM Records

Sendung: "Das starke Stück" am 07. November 2017, 19.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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