BR-KLASSIK

Inhalt

Jean Sibelius Violinkonzert d-Moll, op. 47

Es ist das einzige Solokonzert, das Jean Sibelius geschrieben hat: das Violinkonzert d-Moll, op. 47. Sibelius hat der Violinliteratur damit ein Konzert geschenkt, in dem sich geigerische Extreme perfekt miteinander verbinden: Das Werk verlangt vom Solisten einerseits Virtuosität und Spielfreude, andererseits absolute Durchsichtigkeit und Klarheit in Ton und Phrasierung. Die Geigerin Julia Fischer spielte es bereits mit elf Jahren. Seitdem zählt sie es zu ihren Lieblingswerken. Zusammen mit Andrea Lauber stellt sie dieses Starke Stück vor.

Jean Sibelius | Bildquelle: Erik Tawaststjerna, "Jean Sibelius", Salzburg 2005

Bildquelle: Erik Tawaststjerna, "Jean Sibelius", Salzburg 2005

Das starke Stück zum Anhören

Järvenpää: ein kleines Dorf, 40 Kilometer von Helsinki entfernt, am Ufer des Tuusulanjärvi-Sees. Dorthin flüchtet Jean Sibelius im September 1904 zusammen mit seiner Frau und den fünf Töchtern, gezeichnet vom exzessiven Künstlerleben in Helsinki. Ainola – so heißt die Villa, in die er zieht und die nach seiner Frau Aino benannt ist. Ainola ist schlicht, jedoch nach den Wünschen des Komponisten eingerichtet. Aus dem Fenster seines Arbeitszimmers im 1. Stock kann er direkt auf das Ufer des Sees blicken. Für das Esszimmer hatte sich Sibelius einen grünen Kamin ausgesucht. Fließendes Wasser gibt es nicht. Alles ist darauf ausgerichtet, dass sich Sibelius auf das Wesentliche konzentrieren kann: das Komponieren. "Meine Kunst fordert ein anderes Milieu", sinnierte der Komponist. "In Helsinki starb aller Gesang in mir. Ich sehne mich nach Stille und Ruhe."

Knappes Geld in Helsinki

Der Geiger Willy Burmester. Foto um 1910 | Bildquelle: picture alliance/akg-images Der Geiger Willy Burmester (Foto um 1910). Er sollte Sibelius' Violinkonzert ursprünglich uraufführen. | Bildquelle: picture alliance/akg-images Die erste Fassung des Violinkonzerts entstand 1903, noch vor dem Umzug nach Ainola. Den Anstoß zur Komposition hatte Sibelius von Willy Burmester bekommen, der zu dieser Zeit Konzertmeister in Helsinki war. Geplant war, dass Burmester das Konzert in Berlin uraufführen sollte – für ihn eine große Ehre, da er Sibelius sehr bewunderte. Sibelius hatte in Helsinki das Leben eines Bohemiens geführt. Da er gleichzeitig eine Familie zu ernähren hatte, war das Geld oft knapp. So beschloss er kurzerhand, die Uraufführung auf den Februar 1904 vorzuverlegen. Da Burmester das Konzert wegen anderer Engagements so schnell nicht einstudieren konnte, verpflichtete Sibelius den Geiger Viktor Nováček. Dieser war jedoch den technischen Schwierigkeiten des Konzertes nicht gewachsen. Und die Kritiker schonten nach der Uraufführung weder den Solisten noch den Komponisten. Ein harter Schlag für Sibelius, denn für die Geige zu komponieren war ihm eine Herzensangelegenheit! Geigenvirtuose zu werden war schon der Jugendtraum "Jannes", wie er auch genannt wurde.

Podcast

"Das starke Stück - Musiker erklären Meisterwerke" gibt es auch als Podcast: Jetzt abonnieren!

Klare Linien und Strukturen

"Mein Violinkonzert ziehe ich zurück, erst nach zwei Jahren kommt es heraus", vermerkte Sibelius nach der missglückten Uraufführung. "Mein heimlicher Kummer dieser Tage. Der erste Satz muss umgearbeitet werden, im Schnitt auch das Andante. Ich lass das Konzert ein wenig liegen. Es wird schon noch gut werden." Im folgenden Jahr arbeitete Sibelius mit Unterbrechungen immer wieder an der Neufassung. Mittlerweile hatte er sich in sein Refugium Ainola zurückgezogen. Die bösen Geister der Metropole Helsinki ließen sich dort leichter vertreiben. Und es gelang Sibelius, sein Violinkonzert von allem überflüssigen Pomp zu befreien und in eine Form zu gießen, die von klaren Linien und Strukturen geprägt ist – wie die Landschaft um Järvenpää.

Die Musik ist doch geprägt von Melancholie und Einsamkeit.
Julia Fischer über den Anfang von Sibelius' Violinkonzert

Sibelius als Naturkomponist

Julia Fischer | Bildquelle: Felix Broede Julia Fischer | Bildquelle: Felix Broede Das Konzert beginnt mit einer glasklaren, wunderschönen Melodie der Solovioline über einem geheimnisvollen Schleier der Streicher. Für die Geigerin Julia Fischer ein magischer Augenblick: "Ich bin normalerweise niemand, der mit Bildern hantiert, aber das ist schon so ein Moment – ich sehe eine lange, weite Landschaft, schneebedeckt, grauem Himmel, kein schönes Wetter und ein einsamer Mensch, der diese Melodie singt, spielt, denkt. Es ist geprägt von Melancholie und Einsamkeit. Ich glaube, dass Sibelius ein Naturkomponist war und die Natur zeigt ja auch genau diese Extreme: Es kann an einem Tag schönes Wetter sein und am nächsten Tag kommt der Sturm. Und damit assoziiere ich das Sibelius-Konzert am meisten: Diese verschiedenen Naturkatastrophen, die passieren können. Plötzlich kommt ein starker Wind, und dann Eis, dann ist es wieder sehr warm und schön und man fühlt sich wohl, so wie am Anfang des zweiten Satzes."

Man kann fast nicht stillsitzen, wenn man zuhört:
Julia Fischer über das Finale des Konzerts

Polonaise für Eisbären

Das Finale, von Sibelius als "Danse macabre" beschrieben, bietet dem Solisten Gelegenheit zu virtuoser Brillanz. Den Musikwissenschaftler Sir Donald Tovey erinnerte der etwas stampfende Grundrhythmus jedoch eher an eine "Polonaise für Eisbären". "Vielleicht ist es ein bisschen mit Humor gesagt worden", amüsiert sich Julia Fischer über diesen Vergleich. "Es ist ein Totentanz, und damit ist es auch ein Tanz. Dieser Rhythmus geht ja auch den ganzen Satz hindurch. Man kann fast nicht stillsitzen, wenn man zuhört."

Später Durchbruch

Das Desaster der Uraufführung wiederholte sich nicht bei der Aufführung der zweiten Fassung in Berlin, am 19. Oktober 1905. Dafür hatte Sibelius Willy Burmester allerdings ein zweites Mal übergangen und stattdessen eine prominentere Besetzung gewählt: Den Solo-Part spielte der tschechische Geiger Karel Halir. Dirigent war Richard Strauss. Trotzdem – der richtige Durchbruch fand nicht statt. Vielleicht war Sibelius bereits zu sehr auf seine Rolle als Schöpfer von Symphonien und Tondichtungen festgelegt, vielleicht war auch das Diktum, man könne nach Brahms kein Violinkonzert mehr schreiben, Schuld daran, dass die große Euphorie ausblieb. Erst als grandiose Instrumentalisten wie Jascha Heifetz, David Oistrach oder Ginette Neveu viele Jahre später das Konzert in ihre Programme aufnahmen, verwandelte es sich zu einem Repertoirestück. Und mittlerweile ist aus dem Geheimtipp längst ein echtes "Starkes Stück" geworden.

Musik-Info

Jean Sibelius:
Konzert für Violine und Orchester d-Moll, op. 47


Julia Fischer (Violine)
Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
Leitung: Lorin Maazel

Mehr Orchestermusik

    AV-Player