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Eine Liebeserklärung an das Streichquartett Musik, die alles zu wissen scheint

Was macht das Streichquartett so einzigartig? Was hat diese faszinierende Gattung, die seit Jahrhunderten als Gipfel, als Prüfstein für höchste Kompositionskunst gilt, was Solo- oder Orchestermusik nicht hat? Eine Huldigung von Bernhard Neuhoff.

Collage von Instrumentenzeichnungen im Querschnitt | Bildquelle: Montage BR/Nadja Pfeiffer

Bildquelle: Montage BR/Nadja Pfeiffer

Jeder hat seine eigene Vorstellung vom Paradies. Der Himmel, Palmen, wie auch immer. Für mich verkörpern das vollkommene Glück die langsamen Sätze aus Beethovens späten Streichquartetten, etwa der aus dem Es-Dur-Quartett op. 127. Musik, die schwebt, träumt, vom Boden abhebt. Aber auch alles zu wissen scheint, das Helle und Dunkle im Leben. Diese Musik sollte nie aufhören. Das ist jedenfalls mein Gefühl, wenn ich sie höre. Denn sie macht mich glücklich.

Man hört vier vernünftige Leute sich untereinander unterhalten
Johann Wolfgang von Goethe über das Streichquartett

Warum? Nur so viel will ich verraten: Man kann sich beim Streichquartettspielen ziemlich leicht verlieben. In die Musik sowieso, aber auch in Mitspielende. Doch schon bevor mir das passiert ist, war ich fasziniert von dieser sehr speziellen Kunstform. Die hat ja leider ein etwas elitäres Image. "Königsdisziplin der Kammermusik". Was immer das heißen soll.

Filmstill aus dem Dokumentarfilm "4" | Bildquelle: DOK.fest München "4" Dokumentarfilm über das Streichquartett Quatuor Ebène | Bildquelle: DOK.fest München

Und dann Goethe: "Man hört vier vernünftige Leute sich untereinander unterhalten, und glaubt, ihren Discursen etwas abzugewinnen". Vernünftig. Von wegen. Immer wenn ich das lese, würde ich dem alten Goethe am liebsten die wunderbare Kino-Dokumentation über das Quatuor Ebène zeigen. Wie die vier sich vor und nach dem Konzert die Köpfe heiß reden. Wie sie beim Proben jede Phrase umdrehen. Wie sie im Konzert dann trotzdem das Unkalkulierbare suchen und zugleich fürchten. Wie sie sich beim Spielen verausgaben, emotional ausziehen – ist das wirklich: vernünftig? Goethe hätte also eher sagen sollen: Man hört, wie vier völlig verrückte Leute leidenschaftlich und hemmungslos aufeinander einreden, und was sie sagen, ist ziemlich abgefahren.

Mit Bauch Herz und Kopf

Trotzdem: mit der Idee, dass Quartettspielen etwas mit einem Gespräch zu tun hat, hatte Goethe recht. Und natürlich ist neben Bauch und Herz auch der Kopf beteiligt. Schließlich ist der pure vierstimmige Satz eine Herausforderung für Komponisten. Jedenfalls dann, wenn wirklich alle Instrumente etwas Eigenes sagen dürfen, und die Mittelstimmen nicht bloß Begleitcombo für die Melodie sind. Vermutlich deswegen hat die Gattung Streichquartett ein irgendwie intellektuelles Image: Es fehlen die bunten Farben und die überwältigende Wucht des Orchesters. Aber jeder weiß, dass ein Gespräch unter vier Augen aufregender sein kann als ein großes Palaver in der Gruppe. Wer im kleinen Kreis spricht, sagt die wirklich wichtigen Sachen. Und lautes Reden macht das Gesagte ja noch lange nicht interessant.

Mir persönlich ist das klargeworden, als ich zum ersten Mal die Streichorchester-Bearbeitung von Schuberts Streichquartett "Der Tod und das Mädchen" hörte, die immerhin von Gustav Mahler stammt. Der wollte dieser Musik helfen. Für mich war der Effekt jedoch umgekehrt: Die Orchesterfassung wirkt seltsam lasch und matt, ja unglaublich harmlos, verglichen mit dem Original für nur vier Streicher. Wenn die zu viert spielen, geht es um Leben und Tod. Wenn vierzig Leute die gleiche Musik spielen, plätschert sie unverbindlich vor sich hin. Warum? Weil sich die individuellen Stimmen im Streichorchester gegenseitig neutralisieren. Im Streichquartett dagegen kann sich niemand hinter dem Pultnachbarn verstecken. Jeder muss sich zeigen, mit allem, was er fühlt und sagen will, mit seiner Unverwechselbarkeit als Mensch.

Ein vollkommenes Miteinander

Ludwig van Beethoven, Skizzenblatt zum Streichquartett op. 127, 4. Satz, Partiturskizze, Autograph | Bildquelle: Beethoven-Haus Bonn Ludwig van Beethoven, Skizzenblatt zum Streichquartett op. 127 | Bildquelle: Beethoven-Haus Bonn

Und doch ist beim Quartettspielen kein Platz für Egoshows – alles muss gemeinsam geatmet und erspürt werden. Vielleicht ist das der Schlüssel für die einzigartige Kraft dieser Musik: Sie formt ein vollkommenes Miteinander. In dem kann jeder einzelne aufgehen und dabei trotzdem unverwechselbar bleiben. Und das wäre doch wirklich ein Glückszustand, eine Utopie: eine echte Gemeinschaft, die dem Einzelnen seine Freiheit lässt. Wem das schon wieder zu verkopft ist, der kann ja einfach die Augen zumachen, zuhören und sich verzaubern lassen. Mein Tipp wäre: ein langsamer Satz aus einem späten Beethoven-Quartett.

Sendung: "Allegro" am 29. April 2019 ab 06:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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