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Buchtipp – Eva Baronsky "Die Stimme meiner Mutter" Ein Plädoyer für Maria Callas

1959 geht die zu jener Zeit berühmteste Sängerin der Welt, Maria Callas, in Monte Carlo an Bord der "Christina", der Luxusyacht des griechischen Milliardärs Aristoteles Onassis. Drei Wochen dauert die Kreuzfahrt durch die Ägäis, und danach ist nichts mehr wie zuvor. Die Callas verliebt sich in Onassis – und er sich in sie. Quasi unter den Augen ihrer Ehepartner, die ebenfalls an Bord sind, werden sie ein Paar – ein Skandal. Die Geschichte ist bekannt. Eva Baronsky hat einen Roman daraus gemacht und bedient sich, was die Erzählperspektive angeht, eines ganz besonderen Kunstgriffs.

Buchcover – Eva Baronsky: Die Stimme meiner Mutter | Bildquelle: Ecco Verlag

Bildquelle: Ecco Verlag

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Es gibt Augenblicke im Leben, in denen sich alles ändert. Für Maria Callas war es der, "als sie von ihrem Teller aufsah und in eine Fratze blickte. Nicht, dass Meneghinis Visage an diesem Abend anders ausgesehen hätte als sonst – außer dass er vielleicht noch dümmlicher dreinschaute –, dennoch schien ihr der Anblick so unfassbar, dass sie glaubte, eine Halluzination zu erleben, eine groteske Offenbarung von etwas Unsichtbarem."

Eine raffgierige Diva?

Maria Callas ist 35 Jahre alt. Seit zehn Jahren ist sie mit Giovanni Battista Meneghini verheiratet. Der Industrielle, ein Musikliebhaber und Mäzen, hat sie entdeckt und gefördert. Sie sollte ihm dankbar sein – was sie auch war. Doch mit einem Schlag erträgt sie ihn nicht mehr. Seine Plumpheit, seine Selbstgerechtigkeit. Seine maßlosen Gagenforderungen, die sie als raffgierige Diva erscheinen lassen.

Kurz und bündig

Dieses Buch wird lieben, …
…  wer die "Diva" Maria Callas gern ein bisschen besser verstehen möchte.

Dieses Buch ist ein Lesegenuss, weil  es …
…  brillant geschrieben ist und betörende Bilder schafft.

Dieses Buch liest man am besten …
… bei Sonnenuntergang am Meer, bei gut gekühltem Vermentino und einer großen Portion Spaghetti alle vongole veraci. Und wenn im Hintergrund Maria Callas die Medea oder die Gioconda singt, schadet es auch nichts ...

Gnadenlose Porträts

Dieser Roman beginnt furios – und er hält das Niveau über 400 Seiten. Eva Baronsky formuliert brillant, sorgt mit starken Bildern für Sommeratmosphäre auf hoher See. Flirrende Hitze, Haute Cuisine auf dem Oberdeck, erotisches Knistern und Champagner schon zum Frühstück. Gnadenlos brennen sich einem die Portraits der illustren Gäste ein die argwöhnische Verwandtschaft von Aristoteles Onassis, der notorisch übel gelaunte Meneghini, der ewig schläfrige, Zigarre rauchende Winston Churchill: "Er atmete tief ein. Vor ihm tauchte die Sonne ins Wasser, und die Geschwindigkeit, mit der sie das tat, verblüffte ihn jedes Mal. Alles war glutrot. In ein paar Momenten würde alles blau werden, und er bedauerte, dass es nicht möglich war, beide Zustände in einem Bild zu vereinen. Er räusperte sich: 'Ich habe Hunger', sagte er zu Ari." Noch während der Reise werden Onassis und Maria ihre erste gemeinsame Nacht verbringen.

Genialer Kniff

Giovanni Battista Meneghini, seine Frau Maria Callas und Aristoteles Onassis stehen im September 1957 am Badestrand von Venedig hinter der Hollywood-Klatschkolumnistin Elsa Maxwell (vorn). | Bildquelle: picture-alliance / dpa | Publifoto Giovanni Battista Meneghini, Maria Callas und Aristoteles Onassis | Bildquelle: picture-alliance / dpa | Publifoto Eva Baronsky spielt lustvoll mit diesem "So könnte es gewesen sein". Die Psychologie stimmt, alle Aktionen und Reaktionen sind nachvollziehbar. Genial der Kniff, einen ungeborenen Sohn, Omero, als Ich-Erzähler einzuführen. Das Gerücht, dass die Callas 1960 ein Kind von Onassis zur Welt brachte (das kurz nach der Geburt starb), ist nie bestätigt worden, schwirrt aber seitdem durch die Welt. Natürlich ergreift Omero Partei für seine Mutter (die sich mit Onassis aus ihrem fremdbestimmten Leben gerettet hat), ist aber zugleich ihr strengster Kritiker:
"Es gehört zur Tragik meiner Mutter, dass sie sich selbst für liebenswert hielt. Tatsächlich wäre sie für jeden liebenswert gewesen, dem sie erlaubt hätte, sie so kennenzulernen, wie sie sich selbst kannte. Aber man muss sich meine Mutter vorstellen wie den Mond: Kaum jemand brachte es fertig, ihre verborgene Seite zu entdecken."

Eine Stimme für Maria Callas

"Die Stimme meiner Mutter" das ist keine Huldigung der Sängerin, sondern eine Stimme für Maria Callas, die bei Aristoteles Onassis zumindest für kurze Zeit das Glück ihres Lebens gefunden hat:
"Da war etwas in Aris Blick, das er kannte, das Wort 'entrückt' kam ihm in den Sinn, und plötzlich spürte Winston, welche Art von Entrückung es war. Er sah ein drittes Mal hin. Ohne Zweifel. Und nun sah er auch, wem diese Entrückung galt. Sie lehnte ein paar Schritte entfernt an der Reling und tat, als genieße sie den Sonnenuntergang, doch Winston sah deutlich, dass sie immer wieder zu Ari blickte, mit einem Lächeln, das eindeutiger nicht hätte sein können."

Infos zum Buch

Eva Baronsky:
Die Stimme meiner Mutter

Ecco Verlag, 2021
Gebunden, 400 Seiten

Preis: 22,00 Euro

Sendung: "Leporello" am 24. August 2021 ab 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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