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Nikolaus Brass über Helmut Lachenmann Kollege, Mentor, Freund

Bis heute ist er ein Unbequemer, ein (Hinter)Fragender. Kaum ein Komponist hat unsere Hörgewohnheiten so revolutioniert wie er. Am 27. November 2015 feierte Helmut Lachenmann seinen 80. Geburtstag. Eine Würdigung von Komponistenkollege Nikolaus Brass.

Helmut Lachenmann "80 Jahre Jubiläum" | Bildquelle: Astrid Ackermann

Bildquelle: Astrid Ackermann

Provokateur und Spassbremse

Die Musik von Helmut Lachenmann muss heute nicht mehr durchgesetzt werden. Sie hat sich selbst durchgesetzt. Das war nicht immer so. Noch in den 1980er Jahren ging selbst in Donaueschingen, der Hochburg der Avantgarde, Lachenmanns Musik krachend in Gelächter, Gezische und Gejohle unter. Nur sein beherztes, vom Balkon ins Orchester gerufenes: "Beginnt noch einmal von vorn", sorgte dafür, dass die Uraufführung der "Tanzsuite mit Deutschlandlied" im Oktober 1980 dann doch noch wenigstens halbwegs ungestört über die Bühne gehen konnte.
Lachenmann erregte die Gemüter.  Nicht nur der Hörer, lange Zeit auch die der Musiker. Er wurde als "Apostel der Negativität" tituliert. Seine Musik gebe nur "dem Hässlichen" Raum, emanzipiere – die Musikgeschichte missachtend – unsinnigerweise das Geräusch, "verweigere" den Schönklang. Seine Musik sei ruinös, gefährde die Gesundheit der Musiker und Sänger. Er war der Provokateur, der Bürgerschreck, die Spaßbremse.
Warum? Nur weil er einmal davon gesprochen hatte, dass Schönheit etwas mit der Verweigerung des Gewohnten zu tun hatte? Nur, weil er die physikalische Wirklichkeit des Töne-Erzeugens mit komponierte und das Bewusstsein des Hörers lenkte auf "das Gemachte" der Musik, nicht nur auf das "zu Empfindende". Immer wieder wurde er verkürzt auf den, "der den Musikern den schönen Ton verbietet". Der das "Kratzen salonfähig machen will". Dem aufkommenden Hedonismus der Wohlstandgesellschaft der alten Bundesrepublik kam der "Verweigerer" Lachenmann als Gemeinschaft stiftender Buhmann gerade recht.

Erfahrung von Freiheit

Helmut Lachenmann "80 Jahre Jubiläum" | Bildquelle: Emilio Pomàrico Der Komponist Helmut Lachenmann | Bildquelle: Emilio Pomàrico Nicht, dass diese Ressentiments ganz verschwunden wären. Wer sie aber heute noch so ungeschützt vorbringen wollte wie vor etwa 35 Jahren, der stellte damit wohl eher seine musikalische Unbildung aus denn seinen "guten" Geschmack. Die Musik Lachenmanns spricht heute die Menschen an, man kann sagen: auf der ganzen Welt. Und nicht nur die "Eliten". Aufführungen seiner Musik, wie beispielsweise seiner Oper „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“, sind fast schon Kult.
Warum? Nicht wegen eines gelungenen Marketingkonzepts, nicht weil ein Multi diese Musik verbreitet. Nein, weil immer mehr Hörer bemerken, dass diese Musik im Stande ist, etwas einzulösen, was an aller großen Musik zu gewärtigen ist: Musik als existenzielle Erfahrung.  Was kann damit gemeint sein?
Dahin zu gehen, wo ich noch nicht war – dieser einfache Satz genügt eigentlich, um zu verdeutlichen, was die Musik Lachenmanns ausmacht. Sie geht vom abendländischen Kanon aus, orientiert sich an ihm überaus kenntnisreich und überschreitet dessen Grenzen. Dieses utopische Moment, die Suche nach einem Ort, "an dem ich noch nicht war", ist eine neue Erfahrung, ist – wenn sie gelingt – eine Erfahrung der Freiheit. Und zu dieser Erfahrung kann die Musik Lachenmanns verhelfen.                                                                                               

Der Autor

Nikolaus Brass, geboren 1949 in Lindau am Bodensee, studierte Komposition bei Peter Kiesewetter, Frank Michael Bayer und Helmut Lachenmann. Lange Zeit arbeitete er parallel als Arzt und Redakteur einer medizinischen Fachzeitschrift sowie als Komponist. Seine Werke – Kammer- Orchester- und Vokalmusik – erklingen regelmäßig auf Festivals sowie in namhaften der Neuen Musik gewidmeten Konzertreihen, nicht zuletzt auch im Rahmen der musica viva des Bayerischen Rundfunks.

Schönheit als Ziel

Wie kein Zweiter hat sich Helmut Lachenmann denkend, schreibend und komponierend mit dem Begriff der Schönheit auseinander gesetzt. Alle Epochen ringen um diesen Zielpunkt künstlerischen Schaffens. Viele ersetzen Schönheit durch Gefälligkeit. Andere beziehen sich auf das Erhabene, welches neben der Schönheit den Schrecken zur Sprache bringt. Was aber kann Schönheit in der Musik sein? Lachenmann hatte von "Schönheit als Verweigerung von Gewohnheit" gesprochen und  sah diese "Hilfsdefinition", wie er selbst sagt, im "Zerrspiegel der Blödmacherei" als Verweigerung von Genuss uminterpretiert. Was er eigentlich wollte, war "den Schönheitsgedanken nicht moralisch, calvinistisch, masochistisch" abzuschaffen, "sondern ihn im Gegenteil mit all seinen Tugenden von Reinheit, Klarheit, Intensität, Reichtum, Menschlichkeit in Anspruch zu nehmen". So hat er es später formuliert.

Hören und Horchen

So gilt es in seiner Musik nach diesen Kriterien zu horchen. Wobei die Haltung des Horchens, also des gerichteten Hörens, eine der wichtigsten Grundvoraussetzung dafür ist, durch Lachenmann zu einem beschenkten Hörer zu werden. Denn seine Musik lebt nicht vom Reiz des Klingenden allein, obwohl dieses Kriterium an sich schon ein großes Vergnügen bereiten kann, nicht vom rhythmischen "Drive", nicht vom Verblüffenden und Faszinierenden der Instrumentalkombinationen. Sie lebt von der Lebendigkeit ihrer inneren Ordnung. Lachenmann spricht oft von einer "Polyphonie von Ordnungen", also einer Zusammenstimmung und Zusammenführung von unterschiedlichen Ordnungen des musikalischen Materials und des Umgangs mit ihm, die es sowohl  in der alten, wie in der klassischen und der modernen Musik als deren Wesensmerkmal zu entdecken gäbe. Zu richten sei also die Aufmerksamkeit des "Kunstgenießers" auf das alte Spiel des Geistes, wie er den Künstler im gewählten Material, hier also der klingenden Materie, den Geist der Ordnungen dieses Materials aufspüren und zur Darstellung bringen lässt. Zu achten wäre also auf eine "Ordnung" bzw. auf eine "Hierarchie von Ordnungen", in die Klang und Stille, Ton und Geräusch, Dichte und Leere, Erwartung und Erfüllung, Vorwegnahme und Einlösung vom Künstler gebracht werden. Hört man auf diese Weise, erfährt man etwas von Reinheit, Klarheit, Intensität und Reichtum, ohne dass diese Begriffe mit musikalisch-rhetorischen Mitteln aufgezeigt würden. Sie ereignen sich.  Als der Geist des Klingenden selbst.

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