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Donaueschingen, 18. Oktober 1980 Lachenmann bricht Uraufführung ab

Das Publikum der Donaueschinger Musiktage hat ja schon einiges mitgemacht: die kühl kalkulierten Dissonanzen eines Pierre Boulez oder die dröhnenden Orchestermassen eines Krzysztof Penderecki. Und John Cage hat auf der Vogelpfeife gepfiffen. Aber so etwas hat es im Mekka der Neuen Musik noch nicht gegeben.

Helmut Lachenmann 80 Jahre | Bildquelle: © Emilio Pomarico

Bildquelle: © Emilio Pomarico

Das Berner Streichquartett sitzt auf dem Podium, umgeben vom riesigen Sinfonieorchester des Südwestfunks. 80 hochkonzentrierte Musiker - aber zu hören ist nichts. Fast nichts. Nur ein Rauschen, ein Zischen, ein Schaben. Und das soll sie sein, die "Tanzsuite mit Deutschlandlied" von Helmut Lachenmann, die im Programmheft angekündigt wurde? Im Saal wird es unruhig: Gelächter, Gezische, Gejohle.

Die Zuhörer signalisierten uns Musikern: 'Jetzt spielt doch bitte!' Dabei spielten wir schon längst!
Sylvain Cambreling

Erst hören, dann protestieren!

Der französische Dirigent Sylvain Cambreling  | Bildquelle: dpa - Fotoreport Der französische Dirigent Sylvain Cambreling dirigierte 1980 die Uraufführung. | Bildquelle: dpa - Fotoreport "Aber die Leute wollten die minimalen Aktionen zu Beginn des Stücks nicht akzeptieren", erinnert sich der Dirigent Sylvain Cambreling. "Und da hat Helmut vom Balkon 'Stopp' geschrien. Er stand auf und sagte: 'Bitte hören Sie zuerst das Stück bis zum Ende und protestieren Sie dann.' Und an mich gerichtet: 'Sylvain, bitte, lass uns das Stück nochmal von vorn spielen!' Und so fingen wir nochmal von vorn an."

Zweite Chance für Lachenmanns "Tanzsuite"

Jetzt hören die Leute zu. Und plötzlich hören sie wirklich etwas: schattenhafte Überreste eines Walzers, eine knarzende Polka, ein geklopftes Wiegenlied. Am Ende ist der Kritiker der Wochenzeitung "Die Zeit" zwar noch etwas verwirrt, gesteht aber, dieses Stück sei "das vielleicht wichtigste der diesjährigen Donaueschinger Musiktage!"

Und Helmut Lachenmann, der hintersinnige Komponist aus Stuttgart, hat sein Ziel wieder einmal erreicht: "Die große Musik, die hat provoziert im Sinne einer menschlichen Einladung, sich zu öffnen, sich zu verändern, seine Möglichkeiten entdecken und dabei eben hellhörig zu werden."

Ausschnitt aus Lachenmanns "Tanzsuite" mit den Bamberger Symphonikern unter Jonathan Nott

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