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Anja Harteros: 20-jähriges Bühnenjubiläum in München "Timbre als Fingerabdruck der Seele"

1999 gewann die Sopranistin Anja Harteros einen der bedeutendsten Internationalen Gesangswettbewerbe: den Cardiff Singer of the World der BBC. In der Jury saß Sir Peter Jonas, damals Intendant der Bayerischen Staatsoper. Er verpflichtete Anja Harteros noch im selben Jahr. Jetzt feierte die Sopranistin ihr 20-jähriges Bühnenjubiläum im Münchner Nationaltheater.

Sopranistin Anja Hateros | Bildquelle: © Markus Tedeskino

Bildquelle: © Markus Tedeskino

Tosca – eine der Paraderollen von Anja Harteros, ist man versucht zu sagen. So gesehen hat sie etwa 20 davon. Sie hat die wichtigsten Mozartpartien im jugendlich-dramatischen Fach gesungen, so gut wie alle bedeutenden Verdi-Rollen, viele davon als Münchner Debüt, dazu Puccini und einiges von Wagner und Richard Strauss: Eva, Elsa, Elisabeth, Arabella, Feldmarschallin.

Purer Wohllaut und dramatische Gestaltungskraft

Was macht die stimmliche Weltklasse der Anja Harteros aus? Zum einen eine fantastische Technik. Sie muss nichts "vorbereiten", muss sich nicht auf Technisches konzentrieren, sie kann einfach lossingen und gestalten. Peter Jonas hat einmal gesagt, man bekomme bei Anja Harteros gar nicht mit, wenn sie den Turbo einschalte. Das stimmt. Da hört man keine Übergänge, diese überreiche Stimme überrollt einen mit purem Wohlklang und dramatischer Gestaltungskraft. Sie kann genauso stufenlos wieder zurückschalten ins Piano und Pianissimo. Es ist eine faszinierend schöne Stimme mit hohem Wiedererkennungswert – mit einem "Timbre als Fingerabdruck der Seele auf den Stimmbändern", wie es der Musikwissenschaftler Jens Malte Fischer formuliert. Das hatte auch eine Mirella Freni, das hat die Netrebko, die Garanca, das hat Jonas Kaufmann oder Joseph Calleja. Man muss nur ein paar Töne hören, um zu wissen, wer da singt.

Auch schauspielerisch in der ersten Riege

Szene aus "Tosca" bei den Osterfestspielen Salzburg | Bildquelle: OFS/Forster Anjua Harteros als "Tosca" in München. | Bildquelle: OFS/Forster Mit Jonas Kaufmann hat sie in München viel Verdi gesungen. Und immer, wenn diese beiden auf der Bühne stehen, brodelt und knistert es auch schauspielerisch. Wie viel Spannung Anja Harteros erzeugt, selbst wenn sie nicht unbedingt vom Partner getragen wird, sieht man in der Münchener "Tosca" mit einem darstellerisch eher ungelenken Stefano La Colla als Cavaradossi. Sie liebt ihn über alle Maßen und das zeigt die Harteros mit Gesten, Berührungen und Blicken; auch im zweiten Akt, wo sie furios gegen den sadistischen Fiesling Scarpia anspielt. Spannender, überzeugender, runder als Charakter geht das nicht. Željko Lučić als abstoßend schmieriger römischer Polizeichef ist stark. Aber Anja Harteros ist stärker – in der Unbedingtheit ihrer Liebe; ihrem Ekel vor Scarpias Zudringlichkeiten; ihrem Entsetzen an der eigenen Tat, nachdem sie ihren Peiniger umgebracht hat. 

Klopfen auf die Bretter, die die Welt bedeuten

Am Ende der Vorstellung kam Staatsopernintendant Nikolaus Bachler persönlich auf die Bühne, um Anja Harteros zu ehren – für ihre Kunst und auch für ihre Treue zum Münchner Haus: 24 Rollen in 20 Jahren an über 240 Abenden. Außerdem wurde ihr die Meistersinger-Medaille der Staatsoper überreicht. Dankbar und sichtlich bewegt ließ die Sopranistin danach die Ovationen des vollbesetzten Nationaltheaters über sich ergehen. Am Ende kniete sie sich hin, um auf die Münchner Bühnenbretter zu klopfen, die für sie die Welt bedeuten.

Sendung: Allegro am 4. November 2019 ab 6.05 Uhr auf BR-KLASSIK.

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