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Der Dirigent Christian Thielemann im Interview Über den "Wagnerklang" und Zukunftspläne

Für Wagner-Fans sind die Festspiele in Bayreuth ein Muss. Das liegt nicht zuletzt am legendären "Wagnerklang". Wie man den als Dirigent hinkriegt – und welche Rolle dabei der berüchtigte Graben im Festspielhaus spielt? BR-KLASSIK hat bei Christian Thielemann nachgefragt. Außerdem spricht Thielemann über die Zukunftspläne nach seiner Zeit bei der Sächsischen Staatskapelle.

Christian Thielemann dirigiert das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in der Philharmonie im Gasteig, München. Gespielt werden von Richard Strauss die Sonatine Nr. 1 F-Dur für 16 Bläser "Aus der Werkstatt eines Invaliden" und von Robert Schumann die "Ouvertüre, Scherzo und Finale" für Orchester E-Dur, op. 52. | Bildquelle: BR/Astrid Ackermann

Bildquelle: BR/Astrid Ackermann

BR-KLASSIK: Können Sie sich daran erinnern, wie Sie als junger Assistent den besonderen Klang in Bayreuth zum ersten Mal erlebt haben? 

Christian Thielemann: Ich hatte in Bayreuth schon in den Siebzigern als Wagner-Stipendiat "Götterdämmerung" und "Parsifal" gehört. Das war natürlich ganz besonders, und ich hatte das Gefühl, als ob beim "Parsifal"-Vorspiel im dritten Akt die Musik zwischen den Sitzen herauskam. Ich hatte so etwas noch nicht gehört. Man hat das Gefühl, dass das ganze Haus mitsingt – oder mitspielt. Als Assistent habe ich dann erfahren, dass es dabei auf den Dirigenten ankommt. Und dass man im Graben sehr viel – und ganz anders – proben muss.

Im Bayreuther Graben muss man auf die Assistenten hören.
Christian Thielemann

Viele Dinge habe ich erst hier in Bayreuth gelernt: zum Beispiel flüssiger zu dirigieren, als ich es davor getan habe, Mittelstimmen noch stärker herauszuarbeiten oder klarer zu konturieren. Und: nichts geht ohne gute Assistenten! Das ist auch etwas, das man hier lernt. Es ist nämlich keine Ein-Mann-Show. Ich wäre nicht dort, wo ich hingekommen bin, ohne meine vortrefflichen Assistenten. Und deswegen stehen sie auch alle mit auf dem Programmzettel – zu Recht. 

Im Bayreuther Graben gibt es ein anderes Zeitgefühl

BR-KLASSIK: Was ist es genau, was die Assistenten machen müssen, was Sie unten im Graben nicht alleine vollbringen können?

Dirigentenpult im verdeckten Orchestergraben mit Ansicht vom Saal im Richard-Wagner-Festspielhaus, Bayreuth | Bildquelle: picture alliance / imageBROKER | Günter Gräfenhain Dirigentenpult im Graben vom Festspielhaus Bayreuth | Bildquelle: picture alliance / imageBROKER | Günter Gräfenhain Christian Thielemann: Langsam, nach all den langen Jahren, weiß ich Bescheid: Man muss eben sehr auf die Assistenten hören. Unten im Graben muss ich mich entscheiden: Mache ich, was die sagen oder weiß ich alles besser? Bei mir war damals noch Wolfgang Wagner dabei, der sehr deutlich war mit seinen Anzeigen. Er hatte ja diesen burschikosen Charme, und man hörte ihm besser zu. Ich fand mich zu schnell bei der Generalprobe. Ich fand mich selbst schlecht. Doch da stand dann Wolfgang Wagner vor mir und sagte: Ja, so müssen Sie das machen. Und ich stand da wie ein begossener Pudel … Es ging mir völlig gegen den Strich. Aber ich habe gelernt, dass man im Graben ein völlig anderes Tempo- und Zeitgefühl hat – dadurch, dass er abgeschlossen ist, und man die Dinge unten direkt hört. Und übrigens: Auch wo die Sänger auf der Bühne stehen ist auch ganz wichtig. Wenn sie zu nah am Proszenium vorne stehen, dann gellt das zu sehr – und es scheppert. 

Auf das Tempo des Dirigenten kommt es an

BR-KLASSIK: Wie ist es mit dem Dirigentenschlag? Sie müssen ja gleichzeitig zwei Ebenen bedienen: oben die Darstellerinnen und Darsteller – und unten das Orchester. Wie funktioniert das? 

Christian Thielemann: Der Dirigent muss das Tempo unten im Graben halten und die anderen müssen mitmachen. Unten am Pult kann es passieren, dass ich zum Beispiel den Chor einen ganz kleinen Tick später höre. Da muss man stoisch das Tempo halten. Und die Sänger und Sängerinnen werden ja noch zusätzlich vom Chordirektor mit den schönen roten Lämpchen von der Seite dirigiert. Ich muss im Sommer in Bayreuth meine normalen Ohren quasi abschrauben und die Bayreuth-Ohren aufschrauben. Man muss hier völlig anders hören. Und deswegen ist es auch gut, wenn man nicht woanders dirigiert, wenn man in Bayreuth ist.

Im Sommer muss ich die Bayreuth-Ohren aufschrauben.
Christian Thielemann

Manch Debütant findet sich in Bayreuth nicht so schnell zurecht

BR-KLASSIK: Die Sitzordnung im Orchester ist in Bayreuth ja auch anders als üblich. Was bewirkt das? 

Christian Thielemann: Es gibt ein Grundproblem mit dem Bayreuther Graben: Dass die Holzbläser nicht wie ein Fettauge auf der Suppe schwimmen, wie man das sonst gewöhnt ist. Manchmal muss man auch die Streicher ein bisschen zurücknehmen. Gute Dirigenten bekommen es hin, aber brauchen meistens ein paar Jahre dafür. Ich habe zum Beispiel Glück gehabt, aber es gibt auch Debütanten, die sich nicht so schnell zurechtgefunden haben. Man sagt: Ab dem dritten Jahr fängt es an, besser zu werden. Die ersten Jahre sind immer schwieriger. Und da muss man als Zuhörer auch gnädig sein.

BR-KLASSIK: Sie haben seit Jahren ein sehr gutes Verhältnis zu Bayreuth und zur Familie Wagner. Heuer haben Sie erstmals aber nicht mehr den Posten des Musikdirektors inne. Welche Hintergründe hat diese Entscheidung? 

Festspielleiterin Katharina Wagner und Christian Thielemann 2012 in Bayreuth | Bildquelle: picture-alliance/dpa Christian Thielemann und Katharina Wagner 2012 in Bayreuth | Bildquelle: picture-alliance/dpa Christian Thielemann: Das hat überhaupt keine Hintergründe. Es sollte sowieso alles verändert werden und wir haben uns überlegt, was dafür vonnöten ist. Eigentlich ist der Titel "Musikdirektor" ja falsch. Es klingt danach, als hätte man einen Einfluss zu nehmen auf andere. Man müsste eher sagen: Er ist ein Ratgeber, wenn er gewünscht wird. Man muss die Kollegen völlig schalten und walten lassen. Und vielleicht können das die Assistenten sogar besser, was manche Details angeht. Wenn mich jemand fragt: Worauf soll ich bei dem Stück achten? Ich könnte dazu ein paar Tipps geben, mische mich aber überhaupt nicht in die Tempi ein und mache auch nichts vor – um Gottes willen! Das hätte ich selbst ja auch nicht schön gefunden, wenn das einer bei mir gemacht hätte. 

Thielemanns Neuorientierung für die Zeit nach Dresden

BR-KLASSIK: Um Ihren Zukunftsplan gab es ja Aufsehen, nachdem Ihr Vertrag bei der Staatskapelle Dresden nicht verlängert wurde. In der Passauer Neuen Presse haben Sie diesbezüglich von "einer Chance auf Qualitätssicherung" gesprochen. Wie haben Sie das gemeint? 

Christian Thielemann fordert die Sächsische Staatskapelle Dresden | Bildquelle: OFS/Matthias Creutziger Christian Thielemann dirigiert die Sächsische Staatskapelle | Bildquelle: OFS/Matthias Creutziger Christian Thielemann: Vom Herzen her will man in Dresden bis zum Ende seiner Tage bleiben, weil es dort so schön ist. Aber genau das ist gefährlich. Ich habe manchmal die Angst, auf zu ausgetretenen Pfaden zu gehen. Und gerade weil es mit diesem Orchester eine Traum-Zusammenarbeit ist, ist es gut, nach 14 Jahren zu sagen: Ich gehe dann, wenn die Leute sagen, warum denn? Wir wollen ja, dass es weitergeht. Aber das Chef-Sein ist das, was so schwierig ist. Ich komme zum Beispiel nicht dazu, Repertoire zu spielen, das ich seit Jahren machen will  russisches oder französisches Repertoire, zeitgenössische Stücke. Einfach weil ich so im Geschirr gefangen bin, auf Tournee gehen zu müssen, die Stücke spielen zu müssen, die das Publikum mit mir und der Staatskapelle Dresden hören will. Nichts gegen Brahms und Bruckner, aber ich muss auch mal eine ganz andere Schiene bedienen. Und ich spüre, dass das jetzt die richtige Zeit dafür ist. 

Wenn Not am Mann ist, stehe ich zur Verfügung.
Christian Thielemann

BR-KLASSIK: In Bayreuth gibt es heuer also den Posten des Musikdirektors nicht mehr, aber Sie sind nun mal DIE Dirigentenfigur am Grünen Hügel. Sie dirigieren dieses Jahr auch eine "Parsifal"-Aufführung am 10. August. Haben Sie sich schon mit der Debütantin Oksana Lyniv unterhalten, die die Eröffnungspremiere leitet?  

Christian Thielemann: Nein, ich kenne sie überhaupt nicht. Ich war in keiner einzigen Probe, weil dieses Jahr alle, die nichts vor Ort zu tun haben, gar nicht reindürfen. Ich finde das auch richtig, denn da kommen ohnehin so viele Menschen zusammen: Chor, Technik usw. Wenn sich da dieses Virus durchfrisst, dann sind die Festspiele gefährdet. Wir müssen jetzt alle Disziplin haben und an die Sache denken. Die Leute können mich aber immer anrufen. Und wenn Not am Mann ist, dann stehe ich gerne bereit.

Sendung: "Meine Musik" mit Christian Thielemann am 7. August 2021 ab 11:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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