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Gemeinsam Singen während der Corona-Pandemie FAQ für Chöre – was geht, was geht nicht?

Singen ist für viele Menschen fester Bestandteil ihres Alltags, egal ob alleine für sich oder in einem Chor. Durch die Kontaktbeschränkung sind derzeit aber Proben in bekannter Form nicht möglich. Hier die wichtigsten Antworten zum Singen in Pandemie-Zeiten.

Chorprobe findet wegen Corona draussen statt | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Bildquelle: picture-alliance/dpa

Dürfen sich Chöre aktuell treffen und gemeinsam singen?

Gemeinsames Singen in Chören ist aktuell in Bayern nicht möglich, wie die Pressestelle des Bayerischen Kunstministeriums BR-KLASSIK am 7. Mai schriftlich mitteilt. Das betrifft alle Arten von Vokalensembles – Profi- wie Amateurchöre. Es gilt weiterhin die 4. Bayerische Infektionsschutzmaßnahmenverordnung. Demnach dürfen sich aktuell Angehörige von maximal zwei Haushalten treffen – also etwa zwei Familien, zwei Paare oder die Mitglieder aus zwei Wohngemeinschaften. Dabei müssen alle in der Öffentlichkeit weiterhin einen Mindestabstand von 1,5 Metern einhalten.

Aber es dürfen sich doch auch wieder große Gruppen treffen ...?

Treffen im Sinne des Versammlungsgesetzes, ja. Seit dem 4. Mai 2020 dürfen unter Auflagen wieder Versammlungen stattfinden – mit bis zu fünfzig Personen und im Freien. Chor- oder Stimmgruppenproben sind dagegen private Treffen, die weiterhin verboten sind.

Wieso durften die Berliner Philharmoniker am 1. Mai ein Konzert geben?

Musiker der Berliner Philharmoniker spielen mit Sicherheitsabstand im großen Saal der Berliner Philharmonie beim Europakonzert 2020 | Bildquelle: Berliner Philharmoniker Beim Europakonzert der Berliner Philharmoniker gab es eine Ausnahmegenehmigung. | Bildquelle: Berliner Philharmoniker Das Europakonzert der Berliner Philharmoniker war aufgrund einer Ausnahmegenehmigung möglich. Grundsätzlich geht das laut Kunstministerium auch in Bayern: "Für Veranstaltungen bzw. Aufführungen unter freiem Himmel können Ausnahmegenehmigungen von der zuständigen Kreisverwaltungsbehörde erteilt werden, soweit dies im Einzelfall aus infektionsschutzrechtlicher Sicht vertretbar ist."

Wie wird das Coronavirus übertragen?

Laut Robert Koch-Institut (RKI) scheint der Hauptübertragungsweg die Tröpfcheninfektion zu sein, wenn virushaltige Tröpfchen an die Schleimhäute der Nase, des Mundes und ggf. der Augen gelangen. Eine Übertragung über Aerosole im "normalen gesellschaftlichen Umgang" sei bisherigen Untersuchungen zufolge nicht wahrscheinlich. Eine abschließende Beurteilung ist derzeit aber nicht möglich.

Was ist überhaupt ein Aerosol?

Kurz: Atemnebel mit Tröpfchen. Die Langfassung: Aerosole sind winzigste Speicheltröpfchen, die kleiner als fünf Mikrometer sind. Sie gelangen beim Ausatmen in die Luft und können dort für eine gewisse Zeit schweben.

Bei welchem Abstand wird das Singen gefährlich?

Am 7. Mai wurden Experimente der Universität der Bundeswehr München veröffentlicht. Diese zeigen, "dass die Luft beim Singen nur im Bereich bis zu einem halben Meter vor dem Mund in Bewegung versetzt wird, unabhängig davon wie laut der Ton war und welche Tonhöhe gesungen wurde." Das Fazit von Christian J. Kähler und Rainer Hain vom Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik:

Eine Virusausbreitung über die beim Singen erzeugte Luftströmung ist daher über einen halben Meter hinaus äußerst unwahrscheinlich.
Christian J. Kähler und Rainer Hain

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Musizieren waehrend der Pandemie | Bildquelle: LRT7 (via YouTube)

Musizieren waehrend der Pandemie

Warum sind Aerosole in geschlossenen Räumen ein Problem?

Laut Bernhard Richter, HNO-Arzt und Leiter des Freiburger Instituts für Musikermedizin, ist es problematisch, wenn sich mehrere Menschen in einem Raum aufhalten, "und die über einen längeren Zeitraum tief ein- und ausatmen, dann bleibt es nicht so sehr direkt vor dem Sänger, sondern der gesamte Raum wird sich dann in etwa 15 Minuten füllen." Wäre ein Infizierter unter den Sängern, würde sich auch das Virus im Raum verteilen.

Eine Studie, die Mitte März im "New England Journal of Medicine" veröffentlicht wurde, kam zu dem Ergebnis, dass mit Sars-CoV-2 belastete Aerosole im Labor bis zu drei Stunden lang infektiös blieben. Deswegen spielt die Größe des Raums eine wichtige Rolle. Sie sollte mindestens zwanzig Quadratmeter pro Person im Raum betragen.

Welche Empfehlungen für Sängerinnen und Sänger gibt es?

Christian J. Kähler und Rainer Hain von der Universität der Bundeswehr München empfehlen einen Sicherheitsabstand von mindestens 1,5 Metern, eine versetzte Aufstellung der Sängerinnen und Sänger, große Räume sowie "eine gute und richtige Belüftung in den Proberäumen."

cOHRwürmer 2019 – das Mitsingkonzert des BR-Chores | Bildquelle: © Klaus Fleckenstein 1,5 Meter Abstand wären beim Mitsingkonzert cOHRwürmer nicht möglich gewesen. | Bildquelle: © Klaus Fleckenstein Empfehlungen für Sänger, Chöre und Instrumentalisten hat das Freiburger Institut für Musikermedizin herausgegeben: In ihrem Update vom 6. Mai halten Claudia Spahn und Bernhard Richter "Abstände von mindestens zwei Metern" zwischen den Sängerinnen und Sängern für "ausreichend". Außerdem gehen die beiden Musikermediziner nach neuesten Messungen davon aus, dass die Aerosole "beim Singen in der Raumluft nicht stärker verwirbelt werden als bei der Ruheatmung."

Auch die Verwaltungsberufsgenossenschaft hat Empfehlungen für die Branche "Bühnen und Studios" und für den Probenbetrieb veröffentlicht. Darin heißt es, singende oder exzessiv sprechende Menschen sollen einen Abstand von mindestens sechs Metern zueinander einhalten. Die Probenräume sollten von der Größe her pro Person mindestens zwanzig Quadratmeter Grundfläche zur Verfügung stehen und ausreichend gelüftet werden.

Welche Fälle von Corona-Erkrankungen sind nach einer Chorprobe bekannt?

Am 21. März probte die Berliner Domkantorei – achtzig Mitglieder auf etwa 120 Quadratmetern. Fünf Tage nach dieser Probe hätte ein Chormitglied erste Symptome einer Infektion gezeigt, teilte Domkantor Tobias Brommann dem NDR mit. Insgesamt rund sechzig der achtzig Mitglieder zeigten im Anschluss Symptome verschiedener Schwere.

Ein weiterer Fall ist in den USA bekannt geworden: Nach einer Chorprobe am 10. März infizierten sich im Nordwesten der USA mehr als die Hälfte der Sängerinnen und Sänger des Skagit Valley Chorale, zwei Mitglieder starben. Laut einer Pressemitteilung des Chors sei bis zu dieser Probe kein Covid-19-Fall in Skagit Valley bekannt gewesen, kein Chormitglied habe zu diesem Zeitpunkt Symptome gezeigt, auch habe es noch kein Versammlungsverbot gegeben.

Welche Anforderungen werden an ein Hygienekonzept gestellt?

Laut Auskunft der Kommunalen Unfallversicherung Bayern kann man hierzu keine allgemeinen Aussagen treffen, weil die Maßnahmen abhängig von den Rahmenbedingungen der einzelnen Proberäume, Theater und Bühnen sind. Ziel bei allen Maßnahmen: Übertragungswege zu unterbrechen, also dafür zu sorgen, dass sich innerhalb der Betriebe oder Musikgruppen das Virus nicht verbreiten kann.

Ich singe beruflich ein einem Chor. Was ist, wenn ich mich bei der Probenarbeit oder bei einem Auftritt anstecke?

Männerchor Reisach | Bildquelle: © Bayerischer Rundfunk 2019 Wann Chorproben wieder möglich sind, ist noch unklar. | Bildquelle: © Bayerischer Rundfunk 2019 Für Menschen, die beruflich miteinander singen, geht es bei der Frage der Corona-Maßnahmen auch um den Arbeitsschutz. Eugen Maier von der Kommunalen Unfallversicherung Bayern: "Kommt es zu einer Ansteckung mit dem Coronavirus unter Chormitgliedern, kann eine Anerkennung als Versicherungsfall in der gesetzlichen Unfallversicherung nur dann erfolgen, wenn es nachweislich eine sogenannte Indexperson im Chor gibt. Diese muss positiv auf das Virus getestet und in der Ansteckungszeit muss ausreichend Zeit mit dem infizierten Mitarbeiter verbracht worden sein (also "face to face"-Kontakt, mindestens 15 Minuten mit weniger als dem üblichen Sicherheitsabstand von 1,5 Metern). Dies würde dann als Arbeitsunfall durch den zuständigen Unfallversicherungsträger geprüft werden."

Ab wann sind Chorproben wieder möglich?

Diese Frage kann derzeit nicht beantwortet werden. Laut Bayerischem Kunstministerium werde aktuell "intensiv an einem Konzept für eine stufenweise Lockerung der Einschränkungen für den Kulturbetrieb und dessen Einrichtungen unter Berücksichtigung des Gesundheitsschutzes" gearbeitet. Ein konkreter Termin für eine generelle Wiederaufnahme des Chorbetriebs mit mehreren Sängerinnen und Sängern mit entsprechenden Schutzvorkehrungen könne daher derzeit leider noch nicht genannt werden.

Sendung: Leporello am 8. Mai ab 16.05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (4)

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Donnerstag, 21.Mai, 10:23 Uhr

Ralf Hartmann

Chor

Sehr geehrte Dmen und Herren, bitte diesen Text überarbeiten weil es andere Berichte gibt
https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/112861/SARS-CoV-2-Wie-ein-Saenger-(fast)-den-gesamten-Chor-angesteckt-hat
Das sagt alles! Danke

Dienstag, 19.Mai, 20:18 Uhr

Christoph Garbe

Frage

Zu Beginn der Krise und im Zusammenhang mit dem Bericht von dem US-amerikanischen Chor wurde in der Presse die Vermietung geäußert, dass ein tiefes Einatmen bei offenen Atemwegen das Virus sich direkt und ungefiltert in der Lunge festsetzen ließe. So bestünde ein erhöhtes Risiko für Chorsänger und auch für jüngere Menschen ohne Vorerkrankung sei ein schwerer Krankheitsverlauf so erklärbar. Gibt es dazu neue Erkenntnisse? Aktuell geht es in Untersuchungen v.a. um Aerosole, die von Musikern ausgehen.

Sonntag, 10.Mai, 12:50 Uhr

Knut auf der Hut

Aerosole

Die Tröpfcheninfektion bekommt man über Abstandsregeln leicht in den Griff, aber das schwierigere Problem sind die Aerosole im Raum, wie auch das Beispiel der Domkantorei zeigt. Da haben sich 60 Menschen sicher nicht alle im Face-to-face-Kontakt mit dem einen Infizierten angesteckt. Chorproben in geschlossenen Räumen sind daher aus meiner Sicht grob fahrlässig - übrigens genauso wie große Familienfeiern oder Sitzungen im Büro oder Kaninchenzüchtervereinstreffen.

Samstag, 09.Mai, 21:34 Uhr

Horst Kellerer

Singen und Fussball

Fussballtraining unter Einhaltung der 1,5 m Abstand ist ab Montag im Freien erlaubt. Dann verstehe ich nicht, warum man, mit entsprechendem Abstand mit 4 oder 5 Personen nicht auch im Freien Singen darf.

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