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Chorproben wieder erlaubt FAQ: Das müssen Chöre in Bayern jetzt wissen

Sänger und Chorverbände sind erleichtert: Ab dem 22. Juni dürfen sie sich in Bayern wieder zum Proben treffen. Aber was müssen Chöre dabei beachten? Hier die wichtigsten Antworten zum Singen in Pandemie-Zeiten.

Chorprobe findet wegen Corona draussen statt | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Bildquelle: picture-alliance/dpa

Dieser Artikel wurde am 22. Juni 2020 auf den aktuellen Stand gebracht.

Ab wann dürfen sich Laienchöre in Bayern wieder treffen und gemeinsam singen?

Gemeinsames Singen in Laienchören ist ab dem 22. Juni 2020 in Bayern wieder möglich. Das gab Ministerpräsident Markus Söder am 16. Juni bei einer Pressekonferenz zu den neuen Corona-Lockerungen in Bayern bekannt.

Was muss ich beachten, wenn ich eine Chorprobe durchführen möchte?

Als Voraussetzung für die Proben gilt derzeit ein Mindestabstand der Sängerinnen und Sänger von zwei Metern beim Singen, regelmäßige Lüftungsintervalle und eine Begrenzung der Probendauer. Das verkündete das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst in einer aktuellen Pressemitteilung. Außerdem muss eine Mund-Nasen-Bedeckung getragen werden, sobald man sich in Innenräumen bewegt. Die Bayerischen Staatministerien für Gesundheit und Pflege und für Wissenschaft und Kunst haben für Chorproben und -konzerte ein ausführliches Schutz- und Hygienekonzept ausgearbeitet.

Welche Anforderungen werden an ein Hygienekonzept gestellt?

cOHRwürmer 2019 – das Mitsingkonzert des BR-Chores | Bildquelle: © Klaus Fleckenstein Abstand wäre beim Mitsingkonzert cOHRwürmer nicht möglich gewesen. | Bildquelle: © Klaus Fleckenstein Laut Auskunft der Kommunalen Unfallversicherung Bayern kann man hierzu keine allgemeinen Aussagen treffen, weil die Maßnahmen abhängig von den Rahmenbedingungen der einzelnen Proberäume, Theater und Bühnen sind. Ziel bei allen Maßnahmen: Übertragungswege zu unterbrechen, also dafür zu sorgen, dass sich innerhalb der Betriebe oder Musikgruppen das Virus nicht verbreiten kann.

Warum durften Instrumentalgruppen sich schon früher treffen, Chöre aber nicht?

Das Bayerische Wissenschafts- und Kunstministerium begründete diese Regelung mit "der erhöhten Infektionsgefahr, die nach Einschätzung der Fachleute mit dem Singen verbunden ist".

Wie wird das Coronavirus übertragen?

Laut Robert Koch-Institut (RKI) scheint der Hauptübertragungsweg die Tröpfcheninfektion zu sein, wenn virushaltige Tröpfchen an die Schleimhäute der Nase, des Mundes und ggf. der Augen gelangen. Eine Übertragung über Aerosole im "normalen gesellschaftlichen Umgang" sei bisherigen Untersuchungen zufolge nicht wahrscheinlich. Eine abschließende Beurteilung ist derzeit aber nicht möglich.

Was ist überhaupt ein Aerosol?

Kurz: Atemnebel mit Tröpfchen. Die Langfassung: Aerosole sind winzigste Speicheltröpfchen, die kleiner als fünf Mikrometer sind. Sie gelangen beim Ausatmen in die Luft und können dort für eine gewisse Zeit schweben.

Bei welchem Abstand wird das Singen gefährlich?

Am 7. Mai wurden Experimente der Universität der Bundeswehr München veröffentlicht. Diese zeigen, "dass die Luft beim Singen nur im Bereich bis zu einem halben Meter vor dem Mund in Bewegung versetzt wird, unabhängig davon wie laut der Ton war und welche Tonhöhe gesungen wurde." Das Fazit von Christian J. Kähler und Rainer Hain vom Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik:

Eine Virusausbreitung über die beim Singen erzeugte Luftströmung ist daher über einen halben Meter hinaus äußerst unwahrscheinlich.
Christian J. Kähler und Rainer Hain

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Musizieren waehrend der Pandemie | Bildquelle: LRT7 (via YouTube)

Musizieren waehrend der Pandemie

Warum sind Aerosole in geschlossenen Räumen ein Problem?

Laut Bernhard Richter, HNO-Arzt und Leiter des Freiburger Instituts für Musikermedizin, ist es problematisch, wenn sich mehrere Menschen in einem Raum aufhalten, "und die über einen längeren Zeitraum tief ein- und ausatmen, dann bleibt es nicht so sehr direkt vor dem Sänger, sondern der gesamte Raum wird sich dann in etwa 15 Minuten füllen." Wäre ein Infizierter unter den Sängern, würde sich auch das Virus im Raum verteilen.

Eine Studie, die Mitte März im "New England Journal of Medicine" veröffentlicht wurde, kam zu dem Ergebnis, dass mit Sars-CoV-2 belastete Aerosole im Labor bis zu drei Stunden lang infektiös blieben. Deswegen spielt die Größe des Raums eine wichtige Rolle. Sie sollte mindestens zwanzig Quadratmeter pro Person im Raum betragen.

Welche Empfehlungen für Sängerinnen und Sänger gibt es?

Christian J. Kähler und Rainer Hain von der Universität der Bundeswehr München empfehlen einen Sicherheitsabstand von mindestens 1,5 Metern, eine versetzte Aufstellung der Sängerinnen und Sänger, große Räume sowie "eine gute und richtige Belüftung in den Proberäumen."

Männerchor Reisach | Bildquelle: © Bayerischer Rundfunk 2019 Ab dem 22. Juni darf wieder geprobt werden - mit Abstand. | Bildquelle: © Bayerischer Rundfunk 2019 Empfehlungen für Sänger, Chöre und Instrumentalisten hat auch das Freiburger Institut für Musikermedizin herausgegeben: In ihrem Update vom 6. Mai halten Claudia Spahn und Bernhard Richter "Abstände von mindestens zwei Metern" zwischen den Sängerinnen und Sängern für "ausreichend". Außerdem gehen die beiden Musikermediziner nach neuesten Messungen davon aus, dass die Aerosole "beim Singen in der Raumluft nicht stärker verwirbelt werden als bei der Ruheatmung."

Ich singe beruflich ein einem Chor. Warum empfiehlt die Berufsgenossenschaft sechs Meter Abstand beim Singen?

Die Bundesregierung hat am 16. April 2020 einen verbindlichen Arbeitsschutzstandard SARS-CoV-2 für die Zeit der Coronavirus-Pandemie aufgestellt. Er soll die Sicherheit und die Gesundheit der Beschäftigten zu Corona-Zeiten sicherstellen. Diese Arbeitsschutzstandards müssen auch von Kulturveranstaltern, Bühnen und Studios umgesetzt werden. Die Verwaltungsberufsgenossenschaft VBG hat deshalb für die Branchen zugeschnittene Handlungshilfen entwickelt. Für Berufschöre empfiehlt die VBG: "Bei Chören ist ein Infektionsrisiko gerade auch bei steigender Gruppengröße erhöht. Deshalb ist derzeit vom Chorsingen in geschlossenen Räumen abzuraten. Hierauf weist z.B. die Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Musikerphysiologie und Musikermedizin vom 26.05.2020 hin. Dennoch können bei großem Abstand der Chormitglieder Proben und Darstellungen möglich sein. Hierzu ist in Singrichtung ein Abstand von mindestens 6 m und seitlich von mindestens 3 m einzuhalten." Wie die Unternehmen diese Empfehlungen umsetzen, liegt in ihrer Verantwortung. Verstoßen Unternehmen jedoch gegen die Arbeitsschutzstandards und gefährden dadurch ihre Mitarbeiter, kann die Aufsichtsbehörde eine Sanktion anordnen.

Welche Fälle von Corona-Erkrankungen sind nach einer Chorprobe bekannt?

Am 21. März probte die Berliner Domkantorei – achtzig Mitglieder auf etwa 120 Quadratmetern. Fünf Tage nach dieser Probe hätte ein Chormitglied erste Symptome einer Infektion gezeigt, teilte Domkantor Tobias Brommann dem NDR mit. Insgesamt rund sechzig der achtzig Mitglieder zeigten im Anschluss Symptome verschiedener Schwere.

Ein weiterer Fall ist in den USA bekannt geworden: Nach einer Chorprobe am 10. März infizierten sich im Nordwesten der USA mehr als die Hälfte der Sängerinnen und Sänger des Skagit Valley Chorale, zwei Mitglieder starben. Laut einer Pressemitteilung des Chors sei bis zu dieser Probe kein Covid-19-Fall in Skagit Valley bekannt gewesen, kein Chormitglied habe zu diesem Zeitpunkt Symptome gezeigt, auch habe es noch kein Versammlungsverbot gegeben.

Ich bin Berufssänger. Was ist, wenn ich mich bei der Probenarbeit oder bei einem Auftritt anstecke?

Für Menschen, die beruflich miteinander singen, geht es bei der Frage der Corona-Maßnahmen auch um den Arbeitsschutz. Eugen Maier von der Kommunalen Unfallversicherung Bayern: "Kommt es zu einer Ansteckung mit dem Coronavirus unter Chormitgliedern, kann eine Anerkennung als Versicherungsfall in der gesetzlichen Unfallversicherung nur dann erfolgen, wenn es nachweislich eine sogenannte Indexperson im Chor gibt. Diese muss positiv auf das Virus getestet und in der Ansteckungszeit muss ausreichend Zeit mit dem infizierten Mitarbeiter verbracht worden sein (also "face to face"-Kontakt, mindestens 15 Minuten mit weniger als dem üblichen Sicherheitsabstand von 1,5 Metern). Dies würde dann als Arbeitsunfall durch den zuständigen Unfallversicherungsträger geprüft werden."

Sendung: Leporello am 8. Mai ab 16.05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (4)

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Donnerstag, 21.Mai, 10:23 Uhr

Ralf Hartmann

Chor

Sehr geehrte Dmen und Herren, bitte diesen Text überarbeiten weil es andere Berichte gibt
https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/112861/SARS-CoV-2-Wie-ein-Saenger-(fast)-den-gesamten-Chor-angesteckt-hat
Das sagt alles! Danke

Dienstag, 19.Mai, 20:18 Uhr

Christoph Garbe

Frage

Zu Beginn der Krise und im Zusammenhang mit dem Bericht von dem US-amerikanischen Chor wurde in der Presse die Vermietung geäußert, dass ein tiefes Einatmen bei offenen Atemwegen das Virus sich direkt und ungefiltert in der Lunge festsetzen ließe. So bestünde ein erhöhtes Risiko für Chorsänger und auch für jüngere Menschen ohne Vorerkrankung sei ein schwerer Krankheitsverlauf so erklärbar. Gibt es dazu neue Erkenntnisse? Aktuell geht es in Untersuchungen v.a. um Aerosole, die von Musikern ausgehen.

Antwort von BR-KLASSIK: Lieber Herr Garbe, das Robert-Koch-Institut schreibt dazu: "Beim Atmen und Sprechen, aber noch weitaus stärker beim Schreien und Singen werden vorwiegend kleine Partikel (Aerosol) ausgeschieden. (...) Der längere Aufenthalt in kleinen, schlecht oder nicht belüfteten Räumen kann die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung durch Aerosole auch über eine größere Distanz als 2 m erhöhen, insbesondere dann, wenn eine infektiöse Person besonders viele kleine Partikel (Aerosole) ausstößt und exponierte Personen besonders tief einatmen. (...) Ein Beispiel dafür ist das gemeinsame Singen in einem geschlossenen Raum über einen längeren Zeitraum, wo es zu sehr hohen Erkrankungsraten kommen kann, die sonst nur selten beobachtet werden." (Stand: 12.06.2020)

Sonntag, 10.Mai, 12:50 Uhr

Knut auf der Hut

Aerosole

Die Tröpfcheninfektion bekommt man über Abstandsregeln leicht in den Griff, aber das schwierigere Problem sind die Aerosole im Raum, wie auch das Beispiel der Domkantorei zeigt. Da haben sich 60 Menschen sicher nicht alle im Face-to-face-Kontakt mit dem einen Infizierten angesteckt. Chorproben in geschlossenen Räumen sind daher aus meiner Sicht grob fahrlässig - übrigens genauso wie große Familienfeiern oder Sitzungen im Büro oder Kaninchenzüchtervereinstreffen.

Samstag, 09.Mai, 21:34 Uhr

Horst Kellerer

Singen und Fussball

Fussballtraining unter Einhaltung der 1,5 m Abstand ist ab Montag im Freien erlaubt. Dann verstehe ich nicht, warum man, mit entsprechendem Abstand mit 4 oder 5 Personen nicht auch im Freien Singen darf.

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