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Countertenor Franco Fagioli Der Herr der hohen Töne

"Man spürt noch immer die Geister der Vergangenheit": Wenn Franco Fagioli heute die früheren Partien von Farinelli oder Caffarelli einstudiert, denkt der gefeierte Countertenor immer wieder daran, wie diese Sänger verstümmelt wurden, um hoch singen zu können. Im BR-KLASSIK-Interview spricht Fagioli über das tragische Phänomen der Kastraten in der Barockzeit und seine spirituelle Verbindung zu dieser Musik.

Countertenor Franco Fagioli | Bildquelle: Julian Laidig

Bildquelle: Julian Laidig

BR-KLASSIK: Herr Fagioli, an das Phänomen des Countertenors mussten sich die Leute erst gewöhnen, als in den 1970er-Jahren Alfred Deller diese Gesangskultur wiederbelebte. Mittlerweile hat diese Art zu singen eine große Fangemeinde. Nun kommen Sie und sagen: "Countertenor - das Wort passt eigentlich gar nicht auf das, was ich mache!"  Warum?

Franco Fagioli: Der Punkt ist: Zu Händels Zeiten gab es nicht nur Kastraten, sondern auch Countertenöre. Ich sage das, weil ich finde, dass man die Vorstellung des Begriffs "Countertenor" unserer Zeit anpassen sollte. Heutzutage wird er viel zu allgemein gefasst. Ich denke, man muss hier mehr differenzieren, vor allem in Bezug auf die unterschiedlichen Gesangsausbildungen. In der Barockzeit waren alle Kastraten italienische Sänger. Sie wurden nach London geholt, um dort italienische Oper zu singen, die damals sehr populär war. Zugleich gab es die Countertenöre, die wegen ihrer Gesangstechnik aber eher für geistliche Musik eingesetzt wurden - also mehr für Oratorien und nicht in der Oper. Kastraten holte man sich wegen ihrer speziellen Gesangstechnik direkt aus Italien für die Barockopern. Denn schon damals gab es den Belcanto, einen theatralischen Gesangsstil. Heute haben wir natürlich keine Kastraten mehr, deswegen nennen wir uns alle Countertenöre. Aber es gibt trotzdem noch immer unterschiedliche Gesangsstile und verschiedene Gesangsausbildungen.

Ich selbst singe im italienischen Stil, mein Stimmumfang befindet sich im Bereich des Mezzosoprans.
Countertenor Franco Fagioli

BR-KLASSIK: Es gibt ja verschiedene Stimmfächer: Das geht von Männern, die im Alt-Register singen, bis hin zu Sopranisten, die Partien übernehmen, die für Kastraten geschrieben wurden. Sie würden sich wahrscheinlich eher als Mezzosopran einordnen. 

Franco Fagioli: Ganz genau. Es geht aber nicht nur um die Stimmlage, sondern auch um die Art der Ausbildung. Das war auch schon zu Händels Zeiten so. Meine Lehrer haben mir den italienischen Belcanto-Stil beigebracht. Es gibt aber heutzutage auch eine englische Gesangstechnik oder eine deutsche. Die Kastraten haben die italienische Schule nach London mitgebracht. Ganz generell versteht man unter Countertenor einen Mann, der mit seiner Kopfstimme singt. Aber jeder Sänger hat seinen ganz eigenen Stil und auch eine ganz bestimmte Technik. Es herrscht eine große Vielfalt unter Countertenören. Ich selbst singe im italienischen Stil.

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BR-KLASSIK: War es nicht eigentlich ein tragischer Irrtum? Sie beweisen, dass man die Kastratenrollen auch ohne Kastration singen kann. Männer sind sehr wohl in der Lage, diesen Stimmumfang zu entwickeln und zu entfalten. Das heißt doch, dass die Praxis der Kastration eigentlich unnötig war! Ist das nicht schrecklich?

Wenn man sich vorstellt, dass diese Sänger verstümmelt wurden, um die Musik singen zu können - das ist furchtbar.
Franco Fagioli

Countertenor Franco Fagioli | Bildquelle: © Stephan Boehme Countertenor Franco Fagioli: "Natürlich können wir heute das Repertoire auch singen, ohne ein Kastrat zu sein." | Bildquelle: © Stephan Boehme Franco Fagioli: Also, das frage ich mich jeden Tag. Es ist irgendwie schrecklich. Ich denke, es war eine Art Modeerscheinung in Italien. Ich kann es natürlich nicht erklären. Wahrscheinlich hat jemand gedacht, dass das interessant ist, und dann haben sie es gemacht. Die Kastration wurde ja nicht in Italien erfunden, sondern schon viele Jahrhunderte zuvor in Indien, Ägypten und so weiter praktiziert. Eigentlich ist es unglaublich, dass diese Methode dann im Bereich der Oper angewendet wurde. Und weil sie fragten: Natürlich können wir heute das Repertoire auch singen, ohne ein Kastrat zu sein. Ja, das ist schon irgendwie traurig. Aber darin liegt auch die Magie dieser Musik. Man spürt noch immer die Geister der Vergangenheit. Wenn man sich vorstellt, dass diese Sänger verstümmelt wurden, um diese Musik singen zu können - das ist furchtbar. Ihre Freude und ihr Leiden haben sich in ihrem Instrument, ihrer Stimme, vereinigt. Für mich ist das ein sehr trauriger Aspekt. Andererseits entsteht für mich dadurch auch eine spirituelle Verbindung zu dieser Musik. Die stellt sich immer dann ein, wenn ich die Musik einstudiere, die ein Farinelli oder Caffarelli oder Senesino gesungen hat. Es ist wirklich etwas ganz Besonderes.

Das Interview mit Franco Fagioli führte Bernhard Neuhoff im Februar 2016 anlässlich der Händelfestspiele in Karlsruhe.

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