BR-KLASSIK

Inhalt

Kritik – "Serse" in Augsburg Geht so

Bis zur seelischen Ausgeglichenheit benötigen Händels Heldenfiguren locker drei Stunden: Dazwischen liegen ihre Nerven blank. Das ist musikalisch so überzeugend wie unterhaltsam, szenisch allerdings verrätselt – nicht nur wegen mehrerer Zwillinge.

Talia Or, Luise von Garnier, Olena Sloia in Händels "Serse" am Staatstheater Augsburg, April 2024 | Bildquelle: © Jan-Pieter Fuhr

Bildquelle: © Jan-Pieter Fuhr

So kann man es natürlich auch machen, wenn eine gerade neu gebaute Brücke einstürzt: Das Meer auspeitschen lassen und das Wasser mit Fußfesseln traktieren. So soll es der Legende nach der persische Großkönig Xerxes(italienisch: Serse) gehalten haben, der es offenbar nicht gewohnt war, dass sich die Natur seinem Willen widersetzte. So impulsiv, wie diese orientalische Führungskraft gewesen sein soll, ist sie natürlich in der Barockoper gerade richtig aufgehoben, schließlich geht`s da nur um Affekte, besser bekannt als Gefühlsausbrüche, also Menschen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Händel macht da mit seiner Xerxes-Vertonung von 1738 keine Ausnahme.

Ein mäßig unterhaltsamer Abend ...

Zwar stürzt die erwähnte Brücke ein, doch die schablonenhafte Handlung ist völlig zweitrangig: Wichtig war dem Publikum damals, möglichst viele Emotionen vorgeführt zu bekommen, und zwar in bunter Reihenfolge: Wut, Trauer, Verzweiflung, Rache, Liebe, Enttäuschung, Eifersucht. Es hat also seinen Sinn, dass Regisseurin Claudia Isabel Martin und ihre Ausstatterinnen Katharina Laage für die Bühne und Polina Liefers für die Kostüme auf jeglichen äußeren Prunk verzichten und den seelisch instabilen Xerxes nicht mit morgenländischem Prunk dekorieren, sondern zur Therapie schicken. Den Kostümen nach zu urteilen, spielt das Ganze in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts in einer denkbar nüchternen Strandvilla, die mit ihrem rostroten Terracotta-Anstrich sehr an die berühmte Villa Malaparte auf der Insel Capri erinnert.

Hier tummeln sich lauter Leute, die offenbar nichts anderes zu tun haben, als sich gegenseitig zu lieben - allerdings nur jeweils in eine Richtung, also hoffnungslos. Das ist über drei Stunden mäßig unterhaltsam, obwohl Claudia Isabel Martin die Drehbühne unermüdlich rotieren lässt und sich der russische Dirigent Ivan Demidov nebenbei sogar als Hochzeitsfotograf bewähren muss, was er ebenso souverän meistert wie die Begleitung am Cembalo. Er tänzelt sich förmlich mit seiner Energie durch die Partitur, was bisweilen mehr fesselt als das recht statische Geschehen auf der Bühne.

... aber musikalisch ganz ausgezeichnet

Musiziert wird ganz ausgezeichnet, die Solisten machen ihre Sache stimmlich hervorragend, darunter Natalya Boeva in der Titelrolle des Xerxes, Luise von Garnier als Gegenspieler Arsamene und Talia Or als von allen umschwärmte Romilda. Etwas verwirrend der Regieeinfall, lauter Zwillinge auf die Bühne zu bringen, was normalerweise darauf hindeuten soll, dass die Konflikte nicht zwischen zwei Personen ausgetragen werden, sondern ein Charakter in sich selbst hin- und hergerissen ist. Würde durchaus Sinn machen, die absurde Handlung von außen nach innen zu verlegen, aber so ganz geht das Konzept leider nicht auf, zumal der Abend auch noch mit Elementen des italienischen Straßentheaters, der Commedia dell'arte, gewürzt wird, wohl um die Künstlichkeit zu unterstreichen. Insgesamt musikalisch vorzügliches Barocktheater, das optisch arg verrätselt wirkte. Wenigstens wurde auf Windmaschine und Donnerblech nicht verzichtet.

Sendung: "Allegro" am 29. April ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (0)

Kommentieren ist nicht mehr möglich.
Zu diesem Inhalt gibt es noch keine Kommentare.

    AV-Player