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Kritik – Stockhausens "Freitag aus Licht" in Lille Orangerote Versöhnung nach dem Kinderkampf

Mehrere Jahrzehnte arbeitete der 2007 verstorbene Komponist Karlheinz Stockhausen an seinem monumentalen Licht-Zyklus. Sieben Opern, jede ist einem Wochentag gewidmet, dazu besitzt jeder Tag noch besondere Symbole und Farben. Im Zentrum aller Opern stehen Michael, Eva und Luzifer. Wer hier an die Bibel denkt, hat zwar recht, jedoch packte Stockhausen auch jede Menge privater Mythologie und Esoterik mit hinein. In Lille wurde jetzt der Freitag aus Licht inszeniert, von Silvia Costa, die lange Zeit Romeo Castellucci assistiert hat und nun eigene Wege geht.

Szene aus "Freitag aus Licht" von Karlheinz Stockhausen an der Opéra Lille, inszeniert von Silvia Costa (2022) | Bildquelle: Simon Gosselin

Bildquelle: Simon Gosselin

Am Ende, wenn nach guten drei Stunden der Saal des Opernhauses in orangerotem Licht erglüht, passiert etwas, dass auch ein langjähriger Musikkritiker so noch nicht erlebt hat: Beim Auftritt der Solistinnen und Solisten herrscht ein Getrampel und Gejubel auf der Bühne, das seinesgleichen sucht. Heerscharen von Kindern und Jugendlichen sind dafür verantwortlich, die bei dieser Aufführung herausragend sangen, musizierten und spielten. Vor allem bei der Szene "Kinder-Krieg", hier geht es wahrlich zur Sache und es dauert ziemlich lange, bis sich die verfeindeten Gruppen um Eva und Luzifer (der im "Freitag" unter dem Namen Ludon auftritt und von Antoin HL Kessel exzellent gesungen wird) versöhnen.

Zuvor wurden Spielzeugraketen um den Mond geschickt, mechanische Tiere zum Musizieren gebracht, ein doppelköpfiges, nein, doppelinstrumentiges Wesen namens Synthibird (Sarah Kim, Haga Ratovo) elektrisierte sich und alle anderen. Und es gab zahllose Paare und Passanten, die miteinander tanzten, naja, nicht immer - wie bei Stockhausen vorgeschrieben - real, aber zumindest musikalisch.

Stockhausens "Licht"-Zyklus: Farben für jeden Wochentag

Szene aus "Freitag aus Licht" von Karlheinz Stockhausen an der Opéra Lille, inszeniert von Silvia Costa (2022) | Bildquelle: Simon Gosselin Szene aus Stockhausens "Freitag aus Licht" in Lille | Bildquelle: Simon Gosselin In allen sieben Stücken des "Licht"-Zyklus bringt der Komponist die bei ihm nur lose biblisch konnotierten Figuren Eva, Michael und Luzifer in verschiedenen Konstellationen und Konflikten auf die Bühne. Jeder Teil ist einem Wochentag gewidmet und besitzt spezifische Symbole und Farben. Das gesamte klingende Material gewinnt Karlheinz Stockhausen aus einer Grundformel, die gestaucht, gedehnt und in 'Unterformeln' gesplittet wird. Im "Freitag" schwingt Michael nur als eine Hintergrundkraft mit. Eva (außergewöhnlich in Stimmumfang, Diktion, Ausdruck: Jenny Daviet) fängt eine Affäre mit Ludons Sohn (der starke Bariton Halidou Nombre) an, obwohl sie eigentlich Adam symbiotisch verbunden ist.

Mit religiösem Pathos und rheinischem Karneval

Schon bei Stockhausen wird diese 'Geschichte' nicht nur mit religiösem Pathos unterlegt, sondern auch mit einer gehörigen Prise an rheinischem Karneval. Silvia Costa inszeniert in Lille überwiegend schon aus dem Geiste des Schöpfers, erlaubt sich jedoch manche Frei- und Frechheiten. Es ist ein Theater der (öfters auch sehr statischen) Bilder, eine mit Stockhausens szenischen Parametern vorsichtig spielende, sie gleichsam auf ihre heutige Tauglichkeit prüfende Arbeit. Wobei der Begriff Arbeit – die musikalischen Proben haben vor über einem Jahr begonnen – wörtlich zu nehmen ist und auch das Publikum betrifft. Einfach zurücklehnen in rote Samtsessel ist diesmal wirklich nicht. Der Kinderjubel am Schluss zeigt, wie nah ihnen die Sache offenbar ging – und auch wieviel Spass sie hatten. Das steht im Widerspruch zum (Vor-)Urteil, Stockhausen setze junge Leute vorwiegend als Mittel zum Zweck ein.

Herausragende Arbeit des Regisseurs Maxime Pascal

Szene aus "Freitag aus Licht" von Karlheinz Stockhausen an der Opéra Lille, inszeniert von Silvia Costa (2022) | Bildquelle: Simon Gosselin Szene aus Stockhausens "Freitag aus Licht" in Lille | Bildquelle: Simon Gosselin Der Kopf hinter dem Ganzen ist freilich Maxime Pascal mit seinem Ensemble Le Balcon, das mittlerweile den vierten "Licht"-Teil realisiert hat. Pascal wirkte diesmal diskret aus dem Off, es geht im "Freitag" vor allem um Solisten- und Chorkoordination sowie den perfekten Raumklang für die konstant mitschwingende und durchlaufende Live-Elektronik. Alles gelang meisterhaft! Herausragend waren zudem Charlotte Bletton (Flöte), Iris Zerdoud (Bassetthorn) sowie besagter Kinderchor, die Maîtrise de Notre-Dame de Paris.

In den kommenden Jahren planen Pascal und Le Balcon die letzten drei Stücke, dann leuchtet – noch fern und vorsichtig – eine Gesamtaufführung der Heptalogie. Sollte das gelingen, wäre es nicht nur ein Triumph für Pascal und seine Truppe, sondern auch ein Armutszeugnis für den deutschen Opernbetrieb, der sich seit Jahren konsequent um "Licht" drückt, rühmliche Ausnahmen wie Regisseurin Lydia Steier mit dem "Donnerstag" in Basel 2016 mal ausgenommen.

Sendung: "Allegro" am 7. November 2022 ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (1)

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Dienstag, 08.November, 05:33 Uhr

Umberto Lenzi

Basel, Schweiz, Köln

Nachdem Basel nicht zum deutschen Opernbetrieb, sondern zum Schweizer Opernbetrieb gehört, verstehe ich nicht, was der Autor mit "rühmliche Ausnahme" meint. Übrigens: In Köln wurde "Sonntag aus Licht" uraufgeführt. Das war tatsächlich eine "rühmliche Ausnahme".

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