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Metropolitan Opera im Kino Queere Oper im Boxring

Live aus der "Met" heißt es wieder in zahlreichen Kinos. Das New Yorker Opernhaus streamt "Champion" von Terence Blanchard. Nach dem Leben eines Boxers, der zeitlebens daran litt, im Kampf zu hart zugeschlagen zu haben .

Ryan Speedo Green, als Young Emile Griffith an der Met, spielt und singt den "Champion" in der gleichnamigen Oper von Terence Blanchard  | Bildquelle: Metropolitan Opera

Bildquelle: Metropolitan Opera

Er ist Emigrant in den 1950er-Jahren, der eigentlich Damenhüte entwerfen will: Emile Griffith. Eher durch Zufall wird er Boxer – mit Erfolg. Dann kommt der Tag, der sein Leben verändern wird.

Bewegende Lebensgeschichte

Griffith stammte von der Karibik-Insel Saint Thomas und macht als Boxer eine rasante Karriere bis zum Weltmeistertitel im Weltergewicht. Doch am 24. März 1962, als er im Madison Square Garden auf Benny Paret traf, änderte sich alles. Sein kubanischer Rivale wusste um Griffiths homosexuelle Neigungen und beleidigte ihn vor Betreten des Rings massiv durch schwulenfeindliche Bemerkungen. Der live im Fernsehen übertragene Kampf eskalierte: Griffith traf seinen Gegner 17 Mal in weniger als sieben Sekunden, Paret fiel ins Koma und starb zehn Tage später. Obwohl ihm kein Vorwurf gemacht wurde, litt Griffith ein Leben lang unter dieser Schuld. Schwer an Demenz erkrankt, starb er 2013, nachdem ihm Parets Sohn vergeben hatte.

Die Oper im Kino

Die Inszenierung von "Champion" können Sie im Kino sehen. Zahlreiche Filmtheater übertragen die Oper am 29. April ab 19:00 Uhr live aus der New Yorker Met - unter anderem im Mathäser Filmpalast München, im Cinecitta Nürnberg oder im Kino am Tegernsee. Weitere Infos unter metimkino.de

Genug Stoff für eine Oper

Im selben Jahr wurde "Champion" an der St. Louis Opera uraufgeführt. Es war die erste Oper des Jazz-Trompeters, Filmkomponisten und siebenfachen Grammy-Gewinners Terence Blanchard. Der Komponist, dessen Opus "Fire Shut Up in My Bones" vor zwei Jahren an der New Yorker Metropolitan Opera die Zeit nach der Corona-Zwangspause eröffnete. Im September 2021 war es damit die erste Oper eines afroamerikanischen Komponisten in der 138-jährigen Geschichte des Hauses und ein Sensationserfolg. Nun erzählen Terence Blanchard und sein Librettist Michael Cristofer die authentische Lebensgeschichte des Schwarzen Boxers Emile Griffith.

Die Frage der Schuld

Boxkampf auf der Opernbühne. Die Oper "Champion" an der Metropolitan Opera in New York | Bildquelle: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Ken Howard James Robinsons Produktion von "Champion" | Bildquelle: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Ken Howard Zwar ist Blanchard bekennender Box-Fan, doch interessierten ihn an Griffiths Biographie weniger sportliche Aspekte als die menschliche Problematik von Schuld und Vergebung, Doppelmoral und sozialer Ausgrenzung. Schließlich war Homosexualität in den USA der 60er-Jahre ein absolutes Tabu (zumal in der Sportszene), wurde strafrechtlich verfolgt und öffentlich geächtet. Um den Schein der "Normalität" zu wahren, heiratete Griffith eine Freundin und adoptierte ihre Tochter. Dennoch wurde er 1992 beim Verlassen einer Schwulen-Bar fast totgeprügelt. Er entfremdete sich zusehends von einer gesellschaftlichen Realität, deren Widersprüchlichkeit ihm unbegreiflich war.

I killed a man, and the world forgave me. Yet I loved a man and the world wants to kill me.
Emile Griffith in Champion

"Ich tötete einen Mann und die Welt hat mir verziehen. Ich liebte einen Mann und die Welt will mich töten." Um diesen Widerspruch kreist die Geschichte, die auf der Bühne als Rückblick erzählt wird: Der geistig verwirrte Emile wohnt in einem Pflegeheim auf Long Island und wird von Erinnerungen an seine Karriere und an seine schwere Kindheit heimgesucht. Folglich gibt es drei Emile-Darsteller für jeden Lebensabschnitt: Der großartige Eric Owens als dementer alter Herr; Ethan Joseph als Little Emile, der von einer fanatisch religiösen Cousine gezwungen wird, stundenlang schwere Ziegelsteine über seinen Kopf zu halten; und schließlich Ryan Speedo Green.

Zwischen Empfindsamkeit und Anspruch

Der Bassbariton übernimmt als Champion Emile seine erste Hauptrolle an der Met. Seine in der Opernwelt eher ungewöhnliche athletische Figur prädestiniert ihn bereits für die Partie. Besonders aber überzeugt er durch seine ausladende Stimme und seine schauspielerische Präsenz, die sowohl die Aggressivität wie auch die Verletzlichkeit des Boxers glaubhaft macht. Denn der Widerspruch zwischen dem starken, maskulinen Außenbild und der sensiblen inneren Psyche ist es, an dem Griffith letztlich scheitert. Davon erzählt die zentrale Arie der Oper: "What makes a man a man?"

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CHAMPION | What Makes a Man a Man | MET OPERA LIVE IM KINO | Saison 2022/2023 | Bildquelle: MET im Kino (via YouTube)

CHAMPION | What Makes a Man a Man | MET OPERA LIVE IM KINO | Saison 2022/2023

Terence Blanchard im silberfarbenen Daunenmantel am Roten Teppich vor der Met, bei der Premiere von Champions | Bildquelle: picture alliance / CJ Rivera/Invision/AP | CJ Rivera Terence Blanchard bei der Premiere von "Champions" | Bildquelle: picture alliance / CJ Rivera/Invision/AP | CJ Rivera "Ich habe nur versucht zu tun, was Puccini, Strawinsky und all diese Jungs gemacht haben: die Folklore ihrer Zeit zu verwenden und darauf aufzubauen. Genauso habe alles ich aus dem Sammelbecken meiner Kultur geschöpft und auf die Bühne der Met gebracht." So beschreibt Terence Blanchard seine Komposition.

Das Ergebnis ist eine tolle Mischung aus Blues, Swing und Gospel, die Blanchard als "opera in jazz" bezeichnet. Das riesige Orchester – geleitet vom musikalischen Chef des Hauses: Yannick Nézet-Séguin – liefert teilweise üppigen Breitwandsound, der an Blanchards Filmmusiken erinnert. Doch meldet sich immer wieder das im Graben postierte Jazz-Quartett und sorgt für rhythmischen Drive. Auch wird oft kammermusikalische Reduktion dagegengesetzt, etwa in einer ergreifenden Sopran-Arie, die ausschließlich vom Solokontrabass begleitet wird. Die Kontrastierung fulminanter Tanz- und Chorszenen mit meditativen Monologen bringt zusätzlich Abwechslung in die musikalische Erzählung der rund zweieinhalbstündigen Oper.

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CHAMPION | Oh Boy Dat Boy Is Happy | MET OPERA LIVE IM KINO | Saison 2022/2023 | Bildquelle: MET im Kino (via YouTube)

CHAMPION | Oh Boy Dat Boy Is Happy | MET OPERA LIVE IM KINO | Saison 2022/2023

Nach der Finalszene, in der der alte Emile endlich dem jungen Emile und somit sich selbst vergeben kann, brach das Premierenpublikum am 10. April in lauten Jubel aus. Mit Standing Ovations wurde eine Oper gefeiert, die auch eine Trendwende in der Geschichte der Met bedeutet. Natürlich hatte es mit dem Tod von George Floyd und der "Black Lives Matter"-Bewegung zu tun, dass das Haus 2021 seine Tore so prominent erstmals mit der Oper eines afroamerikanischen Komponisten wiedereröffnete und für die Folgesaison gleich wieder eine Oper Terence Blanchards ansetzte. Seit 1948/49 mit Richard Strauss‘ "Rosenkavalier" und "Salome" ist es nicht mehr vorgekommen, dass zwei Werke eines lebenden Komponisten in aufeinanderfolgenden Met-Seasons zur Aufführung gelangten. General Manager Peter Gelb will sein Haus offenbar mehr in der Mitte der Gesellschaft platzieren und vernachlässigten Stimmen Gehör verleihen. Auch eine ästhetische Wandlung ist damit verbunden. So antwortete Gelb auf die Frage eines New Yorker Fernsehmoderatoren, was "Champion" neben "Fedora", "Lohengrin" und "Falstaff" auf dem aktuellen Spielplan zu suchen habe:

Genau das ist die Zukunft der Oper: Wir müssen diese alte Kunstform mit lebendigem Repertoire aufmischen, wir müssen Geschichten unserer Zeit erzählen. Und Terence Blanchard ist zweifellos einer der großen Komponisten dieser Tage.
Peter Gelb, General Manager Met

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CHAMPION | Trailer | MET OPERA LIVE IM KINO | Saison 2022/2023 | Bildquelle: MET im Kino (via YouTube)

CHAMPION | Trailer | MET OPERA LIVE IM KINO | Saison 2022/2023

Sendung: "Allegro" am 27. April 2023 ab 06:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (2)

Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Samstag, 29.April, 14:57 Uhr

Theodor

Es ist wohl nicht die feine Art...

...still und heimlich einen Text zu ändern, und den Kommentar, der sich auf den ursprünglichen Text bezieht, unkommentiert zu veröffentlichen, so dass der Kommentator dann als Windmühlenkämpfer herüberkommt, der imaginierte Dinge sarkastisch kommentiert.

Anmerk. d. Red.: Vielen Dank für Ihre Anmerkung, wir haben die von Ihnen bemerkte Stelle korrigiert.

Donnerstag, 27.April, 02:35 Uhr

Theodor

Ich bin verwirrt

Darf man heute überhaupt noch "farbig" schreiben? Ich dachte. das wäre tabu und irgendwie "rassistisch" (die Begründung ist mir leider entfallen). Die korrekte Bezeichung ist doch heute "schwarz".

Vor ein paar Jahrzehnten war es genau umgekehrt. In diesen Orwellschen Zeiten muss man halt aufpassen. Mehr Sensibilität bitte!

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