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Kritik - "Parsifal" bei den Münchner Opernfestspielen Unentschlossenheit zwischen Baselitz-Bäumen

Mitleid und Macht, Sex und Reinheit, Religion und Erlösung – mit Wagners "Parsifal" begannen am Donnerstag die Opernfestspiele in München. Die Neuproduktion glänzte mit Starbesetzung: Jonas Kaufmann, Christian Gerhaher, René Pape. Georg Baselitz gestaltete das Bühnenbild, Kirill Petrenko stand am Pult, die Regie führte Pierre Audi.

"Parsifal" bei den Opernfestspielen München | Bildquelle: Ruth Walz

Bildquelle: Ruth Walz

Kritik zum Anhören

Georg Baselitz ist ein großartiger Maler, berühmt und begehrt. In einschlägigen Rankings belegt er Platz vier unter den teuersten lebenden Künstlern. In Baselitz zu investieren, kann auch unter Anlagegesichtspunkten empfohlen werden. Und so präsentierte die Bayerische Staatsoper den Malerfürsten als Bühnenausstatter des neuen Parsifal wie eine Trophäe.

Namedropping ersetzt keine Regie

"Parsifal" bei den Opernfestspielen München | Bildquelle: © Ruth Walz Christian Gerhaher als Amfortas | Bildquelle: © Ruth Walz Das Dumme ist nur: Namedropping ersetzt keine Regie. Möglicherweise hat Regisseur Pierre Audi geglaubt, dass spannendes Theater entsteht, wenn man eine Baselitz-Zeichnung auf einen Vorhang projiziert und dann zwei Sänger davor stellt, die nebeneinander ins Publikum singen. Das ist nicht der Fall. Im ersten Akt stehen die Darsteller unentschlossen zwischen entlaubten Baselitz-Bäumen herum – wer möchte, kann dabei an eine Öko-Apokalypse denken. Der zweite Akt spielt vor einer schwarzweißen, flachen Baselitz-Burg, vor der sich nackte Albtraum-Blumenmädchen in fetten rosa Pappmaché-Kostümen aufstellen. Im dritten Akt stehen die Baselitz-Bäume, wie sich das für Baselitze eigentlich gehört, auf dem Kopf. Dazwischen stehen die Sänger richtigrum herum. Allein gelassen von der Regie, die nur formelhafte und ausdrucksarme Bewegungen zulässt, gelingt es kaum einem Darsteller, seiner Rolle Profil zu geben. Nur Christian Gerhaher als Amfortas darf am Krückstock theatralisch leidend über die Bühne wanken. Ein Ansatz.

Sehen Sie hier die Bilder der Inszenierung

Immerhin geht es hier um eine der verrücktesten, maßlosesten, ambivalentesten und fragwürdigsten Opern der Musikgeschichte. Es geht um einen maroden Männerbund, Mitleid und Macht. Um Sex und Reinheit, Religion und Erlösung. Dazu kann man gern Baselitz-Bilder assoziieren. Als Reproduktionen im Programmheft wären sie besser aufgehoben gewesen als auf der Bühne. Vor allem ersetzen sie kein lebendiges Theater.

Kirill Petrenko vollbringt Wunder

"Parsifal" bei den Opernfestspielen München | Bildquelle: © Ruth Walz Jonas Kaufmann singt den Parsifal | Bildquelle: © Ruth Walz

Aber wir sitzen im Parsifal – und darin geht es nicht nur um Wunden, sondern auch um ein Wunder. Das vollbringt Kirill Petrenko. Die musikalische Seite ist so außergewöhnlich schön, dass man – heilig hehrstes Wunder – eben doch den ganzen Abend über gefesselt ist. Petrenko trägt die Sänger auf Händen. Keiner muss auch nur eine Sekunde forcieren. Kein Wagner-Gebell, nirgends. Stattdessen Pianissimo-Zauberei, Höhepunkte mit Gänsehautwirkung, wunderbar schnelle, flüssige Tempi und traumverlorene Momente. Nina Stemme als Kundry schießt Spitzentöne wie Leuchtraketen in den Bühnenhimmel, René Pape gibt dem Gurnemanz unanfechtbare Bassautorität und Jonas Kaufmann lässt den Parsifal mit seinem dunklen Tenor eindrucksvoll reifen. Überragend ist Christian Gerhaher – in einer Partie, von der viele dachten, dass sie nicht zu ihm passt. Psychologisch so aufregend hört man den Amfortas selten. Das kann fahl und bösartig klingen, zerfließend in Selbstmitleid und im nächsten Moment tief verzweifelt.

Wer Opern nicht nur anschaut, sondern vor allem hören will, muss diesen Parsifal erleben. Bei allem Respekt vor der Malerei: In dem, was Wagner hochtrabend Gesamtkunstwerk nannte, gibt letztlich eben doch die Musik den Ausschlag. Und die ist an diesem Abend fantastisch – trotz gähnender Bühnen-Langeweile.

Sendung: "Allegro" am 29. Juni 2018 ab 06:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (3)

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Donnerstag, 05.Juli, 20:46 Uhr

Schnee2

Parsifal

"Gähnende Bühnenlangeweile", wie treffend, was Baselitz und Audi sich da leisten. Aber wenigstens lenkt diese Geistlosigkeit nicht von der zauberhaft intimen Musik des Staatsorchesters, der Meisterschaft Petrenkos und den überragenden Sängern ab. Augen zu und genießen! Hoffentlich gibt es rinen Mitschnitt.

Dienstag, 03.Juli, 07:07 Uhr

Bert

Selbstreflexion auch des Kritikers

Es wäre ein Wunder, würde der Kritiker seine gelangweilte visuelle Erwartung in den zu kritisierenden Ausdruck eben als dies in seine Kritik hineinnehmen: als gewollten und beabsichtigten Ausdruck.
So bleibt er wie seine ‚Kritik’ im Dünkel infantilen Trotzes.

Kann - so muss er sich fragen lassen - er ein Bild ohne ‚Action‘ überhaupt genießen und in einen Eigendialog finden, ohne von fremdgeführter Handlung an die Hand genommen werden zu müssen?

Freitag, 29.Juni, 13:37 Uhr

Taifun

Kundry im Parsifal in München

Selten so eine Kundry gehört, die vor lauter Spitzentönen meistens nicht mehr textlich zu verstehen war. Schade.

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