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Opernfestspiele München

24. Juni bis 31. Juli 2018

"Parsifal"-Premiere - Bühnenbild von Georg Baselitz Baum ist Baum

Der Maler und Bildhauer Georg Baselitz hat das Bühnenbild zum "Parsifal" geschaffen, der zur Eröffnung der Münchner Opernfestspiele Premiere feiert. Im Interview verrät er, warum er sich an Wagners Vorgaben halten möchte und warum für ihn die Oper nach zwölf Minuten eigentlich vorbei sein könnte.

Georg Baselitz -Maler, Bildhauer, Grafiker mit einem Teil des Bühnenbildes von Parsifal an der Bayerischen Staatsoper | Bildquelle: Matthias Balk/dpa

Bildquelle: Matthias Balk/dpa

Das Interview mit Georg Baselitz zum Anhören

BR-KLASSIK: Herr Baselitz, sind Sie ein Opernfan?

Georg Baselitz: Meine Frau liebt Oper. Sie zwingt mich oder zwang mich hin und wieder, in die Oper zu gehen. Fan bin ich nicht geworden, aber ich bin Musikfan, also ein Schallplattenfan. Ich höre für mich sehr gerne und sehr viel Musik.

BR-KLASSIK: Sie sind ein weltberühmter Maler. Jetzt erlebt Sie das Münchner Opernpublikum als Bühnenbildner im Parsifal. Das machen Sie ja nicht zum ersten Mal. Wie war für Sie der Sprung in den Raum, ins Dreidimensionale?

Georg Baselitz: Diese Dreidimensionalität, von der Sie sprechen, ist eigentlich weniger ein Problem, weil ich ja auch sehr viele Skulpturen gemacht habe, die im Freien oder in Räumen stehen. Insofern kann ich damit umgehen. Aber meine Entscheidung war eigentlich von Anfang an, Kulissen zu machen, so wie man früher Theater machte. Denn inzwischen findet bei der Bühnengestaltung eine ziemliche Perversion statt. Man benutzt all diese neuen Techniken, die ich gar nicht mag. Man hat dann so eine Art Vorstellung, man säße im Kino oder gleich in Hollywood. Und das liegt mir ganz fern.

BR-KLASSIK: Ihre großformatigen Bilder und Skulpturen schreien ja geradezu nach der großen Bühne, oder?

Georg Baselitz: Es gab zwei Dinge, die wichtig waren: die frühen Bilder von 1965, also die sogenannten Heldenbilder. Und es gibt sehr dezente neue Bilder, die sehr groß sind. Darauf ist auf dunklem Grund ein blasser menschlicher Körper zu sehen – liegend, fallend, stehend und so weiter. Und diese beiden Bildergruppen zusammengeführt müssen Sie sich in der Oper vorstellen.

BR-KLASSIK: Das heißt, es wird eher gegenständlich als abstrakt?

Georg Baselitz: Nein, nicht abstrakt, es wird abstrahiert, aber man sieht einen Tannenbaum und man sieht die Skulptur, die wie eine Iglu wirkt und so weiter. Das sieht man alles sehr deutlich.

Bilder zur Entstehung des Bühnenbildes

Wagners Einfluss auf Musik des 20. Jahrhunderts

BR-KLASSIK: Wie wirkt Wagners Musik auf Sie persönlich? Welche optischen Assoziationen und Visionen weckt diese Musik bei Ihnen? Sehen Sie bestimmte Farben vor Ihrem inneren Auge bei diesen Klängen?

Georg Baselitz: Die Wagner-Musik ist die prominenteste Musik, die wir in Deutschland kennen, die aus Deutschland kommt, die riesigen Einfluss auf die Musik des 20. Jahrhunderts gehabt hat. Das ist eigentlich bei einem Maler nie so der Fall gewesen, weil die Kunst immer wieder von vorne anfängt. Bei der Musik ist das nicht ganz so – selbst die neuesten Töne, die ich in den 60er-Jahren von Stockhausen gehört habe, enthielten Wagner-Adaptionen. In Wagners Musik steckt auch etwas sehr Vereinnahmendes, etwas sehr Traumhaftes und unglaublich Schönes. Und "Parsifal" ist eigentlich das Schönste, was Wagner komponiert hat. Da gibt es dieses lange Vorspiel von zwölf Minuten. Von mir aus könnte die Oper dort zu Ende sein, aber dann geht sie noch weiter. Das ist wunderbar.

Die Manipulation am Stoff, was man Regietheater nennt, ist etwas, was ich gar nicht mag.
Georg Baselitz

BR-KLASSIK: Wagner macht ja ganz konkrete szenische Vorgaben. Im ersten Aufzug zum Beispiel verwandelt sich die Waldlichtung zum Gralstempel und der Gurnemanz sagt zu Parsifal: "Du siehst, mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit." Das ist ja eigentlich für einen bildenden Künstler oder Bühnenbildner eine Steilvorlage. Wie setzt man das um?

Georg Baselitz: Vor der Umsetzung habe ich mir unzählige Videos von früheren Produktionen besorgt. Und die haben sich alle eigentlich weniger an Wagners Vorgaben gehalten. Ich habe versucht, meine Arbeit ein bisschen darauf zurückzuführen, weil ich diese Manipulation am Stoff, was man Regietheater nennt, gar nicht mag. Ich verstehe es schon, aber ich möchte es nicht, und ich mache es auf gar keinen Fall. Wenn von einem Baum die Rede ist, dann kann man erwarten, dass bei mir auch ein Baum auftaucht, und genauso, wenn vom Gral die Rede ist.

Sehnsucht nach Erlösung

BR-KLASSIK: Am Schluss gibt es diesen rätselhaften Chor "Erlösung dem Erlöser". Sehnen Sie sich manchmal auch nach Erlösung?

Georg Baselitz: Also ich bin etwas über 80, und wenn Sie so einem alten Herrn solche Fragen stellen, glaube ich, kann der nur ausweichend antworten ... Es gibt eine Qual, und manchmal möchte man von dieser Qual befreit sein. Aber der Widerstand, dass man nicht befreit sein möchte, nicht erlöst sein möchte, ist eigentlich viel größer, wenn sie ganz schlichtweg das Körperliche meinen. Und in der Oper wird uns ein Schauspiel geboten. Wir gehen nachher - denke ich - nicht erlöst, sondern befreit aus diesem Opernhaus heraus, entweder mit einem glücklichen Gefühl oder man sagt: "Es war ein schlechter Traum". Beides ist ja möglich. Ich weiß nicht, wie es bei unserer Inszenierung wird – hoffentlich kein schlechter Traum.

"Parsifal" bei den Opernfestspielen München

Premiere ist am 28. Juni 2018 um 16:00 Uhr. BR-KLASSIK überträgt live. Und bereits ab 15:30 Uhr meldet sich Fridemann Leipold live aus dem Foyer des Nationaltheaters mit Interviews und Reportagen zur Neuinszenierung.

Am 8. Juli 2018 um 17:00 Uhr gibt es den Parsifal auch im Rahmen von Oper für alle.

Sendung: "Leporello" am 26. Juni 2018, 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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