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Uraufführung am Münchner Gärtnerplatztheater "Peer Gynt" als Ballett

Choreograph Karl Alfred Schreiner hat Henrik Ibsens dramatisches Gedicht "Peer Gynt" mit Edward Griegs berühmten Suiten verschmolzen. Entstanden ist ein Ballettstück, das nun am Gärtnerplatztheater in München uraufgeführt wird. Darin rückt Schreiner einen längst ausgestorbenen Handwerksberuf in den Fokus.

"Peer Gynt" als Ballett von Choreograph Karl Alfred Schreiner am Münchner Gärtnerplatztheater | Bildquelle: Marie-Laure Briane

Bildquelle: Marie-Laure Briane

"Es war mir rasch klar, dass es ein so toller Text ist, dass ich ihn nicht nur choreographisch umsetzen möchte, sondern ihn auch auf der Bühne hören möchte", schwärmt Choreograph Karl Alfred Schreiner von Henrik Ibsens "Peer Gynt". Der norwegische Lyriker schrieb das dramatische Gedicht 1867. Aber wie bekommt man gesprochene Sprache so zu fassen, dass Balletttänzer in die Luft springen, sich auf Zehenspitzen drehen, die Beine bis zu den Ohren werfen? Ein wohlklingender Erzähler sollte es nicht sein und genauso wenig ein theatralischer Dichter auf dem Thron. "Es war mir wichtig, dass der Text eine Bewegung motiviert und so den nächsten Teil anstößt oder sogar erfindet."

Ibsens Text und Schreiners Schritte verschmelzen

Bei Schreiners Versuch, Ibsens Text mit seiner Choreographie verschmelzen zu lassen, greift er sich eine Figur aus dem Gedicht heraus: Für das "Schmelzen" ist da nämlich der Knopfgießer zuständig, ein Handwerksberuf, den es heute nicht mehr gibt. Als Figur ist der sogar ganz konkret wie geschaffen für Schreiners Idee. Der Knopfgießer spielt bei Ibsen zwar nur eine kleine Rolle, er tritt als eine Art Schmalspur-Mephisto auf. Aber Karl Alfred Schreiner wertet ihn auf, gibt ihm Texte verschiedener Personen im Stück und so zieht er sich komplett durch das Ballett. "Die Omnipräsenz von Knöpfen in unserer Welt ist einfach ein großes und auch poetisches Bild. Wir sind nur ein blitzender Knopf auf der Weste der Welt", sagt Schreiner.

Passende Bewegungen zu Griegs Superhits

"Peer Gynt" als Ballett von Choreograph Karl Alfred Schreiner am Münchner Gärtnerplatztheater | Bildquelle: Marie-Laure Briane Szene aus dem Ballett "Peer Gynt" am Münchner Gärtnerplatztheater | Bildquelle: Marie-Laure Briane Der Schauspieler Erwin Windegger wandelt, wuselt und wettert als Knopfgießer zwischen den Tänzerinnen und Tänzern. "Am Anfang war das wirklich befremdend. Ich treffe auf einen Tänzer und sage: ,Du lügst.' Und er muss mir erwidern: ,Nein, ich erzähl dir jetzt eine Geschichte.' Aber eben nicht mit Worten." Da die Körpersprache jedoch so vielseitig und ästhetisch sei, brauche es gar nicht so viel, um das auszudrücken, sagt Windegger. Karl Alfred Schreiner schöpft nicht nur bei den Bewegungen aus den Vollen, sondern auch bei der Musik. Er bedient sich bei Edward Grieg und dessen Schauspielmusiken zu "Peer Gynt". Klar dürfen die Superhits "Die Morgenstimmung" und "In der Halle des Bergkönigs" nicht fehlen. "Ich hoffe, dass ich gute Bilder dazu gefunden habe, die etwas erzählen. Und wenn der eine oder andere die Augen schließt und dazu Haarshampoo-Werbung sieht, kann ich ihm auch nicht helfen", sagt Schreiner.

Ibsens "Peer Gynt" - aber zeitgemäß

"Ich glaube, wenn wir dem Zuschauer alles von vornherein erklären, dann läuft die Fantasie nicht mehr frei. Wir müssen wieder zurückfinden zum Frei sein, sich frei auf etwas einlassen und dann einfach mal schauen, was passiert", sagt Erwin Windegger. Auch Karl Alfred Schreiner hat sich bei dem Stück "Peer Gynt" einige Freiheiten genommen: Bei Ibsen bekommt Peer am Ende seine Solveig, die hingebungsvoll auf ihn gewartet hat. Im Ballett ist das ein wenig anders, weil es schlichtweg nicht mehr zeitgemäß sei, dass ein Mann sich die Hörner abstößt und die Frau keusch und geduldig 30 Jahre lang wartet. Deswegen hat sich Schreiner für das Ballett einen Dreh überlegt: "In allen Szenen, in denen Peer auf eine Frau trifft, ist das immer Solveig. Er sucht sie sein ganzes Leben, sie sitzt aber schon neben ihm. Das ist so, wie wenn man sein ganzes Leben auf der Suche nach der Liebe des Lebens ist und zu doof ist zu verstehen, dass es die Nachbarin ist."

Es geht um Lügen

"Peer Gynt" als Ballett von Choreograph Karl Alfred Schreiner am Münchner Gärtnerplatztheater | Bildquelle: Marie-Laure Briane Szene aus dem Ballett "Peer Gynt" am Münchner Gärtnerplatztheater | Bildquelle: Marie-Laure Briane Das zentrale Thema in "Peer Gynt", nämlich das "Lügen", ist immer aktuell. Aber wo beginnt eine Lüge? Was ist, wenn ich nur eine Kleinigkeit verschweige? Ist eine Geschichte eine Lüge? Wie erkenne ich eine Lüge? Karl Alfred Schreiner hat sich mit vielen Fragen getriezt. Als "Lügendetektor" oder "Wahrheitsfinder" setzt er im Ballett eine winzige Geste ein. "Es ist der klare, gerade Blick in die Augen des Gegenübers. Wann nimmt man sich denn wirklich Zeit dafür? Das sind ja nur Sekundenbruchteile, wenn man jemandem sagt: Guten Morgen, wie geht es dir?", erklärt der Choreograph. "Wie viel wir da erfahren würden, wenn wir dem anderen dabei ganz aufrichtig, im wahrsten Sinne des Wortes, ins Gesicht blicken. Das fühlt sich auf der Bühne dann fast theatralisch an, weil es im heutigen Leben einfach nicht vorkommt."

Das Ballett "Peer Gynt" mit Musik von Edward Grieg feiert am Freitagabend, den 24. November, Uraufführung im Gärtnerplatztheater München. Mitwirkende sind die Compagnie des Hauses und das Orchester des Theaters.

Sendung: "Allegro" am 24. November ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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