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Christian Thielemann in Bayreuth "Rausch ohne Reue"

Sexismus-Vorwürfe, dynastische Machtstrukturen, bröckelnde Seilschaften, coronabedingte Wechsel – auch 2022 sorgen die Bayreuther Festspiele für Beben und Gerüchte. Nur einer segelt gelassen auf seinem Lohengrin-Kahn: Christian Thielemann.

Christian Thielemann | Bildquelle: c Matthias Creutziger

Bildquelle: c Matthias Creutziger

Da kommt man beim Scrollen nach unten kaum noch nach, auf der Website der Bayreuther Festspiele, wenn man unter dem Reiter "Mitwirkende" bei Christian Thielemann vorbeischaut. Seit seinem Debüt im Jahr 2000 (mit den "Meistersingern") ist er jedes Jahr zu Gast am Grünen Hügel, nicht selten auch mit mehr als nur einer Stück-Verpflichtung. Mittlerweile hat er alle im Kanon der Festspiele eingegliederten Werke Richard Wagners dort geleitet – als einziger lebender Dirigent. Keiner kennt den "mystischen Graben" so gut wie er, Katharina Wagner vielleicht noch ausgenommen, die dort quasi großgeworden ist und seit 2008 die Festspiele leitet (zunächst zusammen mit ihrer Halbschwester Eva Wagner-Pasquier, seit 2015 alleine). Christian Thielemann gehört jedenfalls längst zu den Bayreuther Festspielen wie Richard zu Wagner.

Ist Thielemann "aus dem Spiel" in Bayreuth?

Festspielleiterin Katharina Wagner und Christian Thielemann 2012 in Bayreuth | Bildquelle: picture-alliance/dpa Katharina Wagner und Christian Thielemann 2012 in Bayreuth. | Bildquelle: picture-alliance/dpa Lange galten Katharina Wagner und Christian Thielemann als harmonisches Team. Sie schuf für ihn erst den Posten des Musikalischen Beraters (2010), später den des Musikdirektors (2015). Seit der Nichtverlängerung seines Vertrags 2019 bröckelt die enge Verbindung – regelmäßig werden Gerüchte laut, die Stimmung sei mies, das Vertrauen erschüttert. Und so wunderte man sich (oder eben nicht mehr), als bekannt wurde, dass 2022 der Bayreuth-Debütant Cornelius Meister als potentieller Einspringer nominiert wurde – der dann auch mit dem Tausch von "Tristan" zum kompletten "Ring" zum Einsatz kam. Christian Thielemann, der erfahrenste Hügel-Veteran, also "aus dem Spiel"?

Thielemann: "Läuft alles richtig"

Daraufhin angesprochen im BR-KLASSIK-Interview, hebt Thielemann nur schmunzelnd die Schultern: "Das hätte gar nicht anders sein können, weil ich ja schon verplant war. Ich kann ja nicht einfach in Salzburg absagen." Auch nach mehrmaligem Nachfragen bringt Thielemann nichts aus der Fassung: "Glauben Sie mir, da gibt es gar keinen Gram und gar nichts." Er beobachte die Situation in Bayreuth und wünsche den Kollegen alles Gute – schließlich soll auch der Nachwuchs eine Chance bekommen. Und dann fügt er hinzu: "Natürlich kenne ich mich sehr, sehr gut aus, ich nutze das für das Stück, für das ich engagiert bin, das läuft alles richtig."

Mit Wagner wie ein Fisch im Wasser

Das mag für die Proben des von ihm dirigierten "Lohengrin" gelten. Thielemann schwärmt im Interview über das Gift Wagner'scher Musik: "Wagner ist Rausch ohne Reue. Alkohol und andere Drogen machen den Körper kaputt. Wagner baut auf." Nach wie vor lerne er noch neue Stimmen und Nuancen in der Partitur kennen, experimentiere in Tempo- und Dynamikfragen. "Das ist jedes Mal anders, da ist man hellwach von Beginn an." Coronabedingt gibt es dieses Jahr einige Wechsel im Festspielorchester. Und so sitzen einige Musiker*innen im Orchestergraben, die das Stück noch nicht so oft gespielt haben. "Die sitzen dann schon an der Stuhlkante – aber dann kommen auch sehr schöne Proben heraus", sagt Christian Thielemann. "Routine ist da schlicht undenkbar, sonst geht das Schiff unter. Mir macht das einfach Spaß, ich fühle mich im Graben wie ein Fisch im Wasser."

Frauenfeindliches Auftreten?

Christian Thielemann | Bildquelle: c Matthias Creutziger Bildquelle: c Matthias Creutziger Apropos Besetzung: Mitten in die finalen Proben auf dem grünen Hügel platzten dann Sexismus-Vorwürfe. Auch gegen Thielemann, der sich in einer Mail über Frauen am Bass unangemessen geäußert haben soll. Die Vorwürfe konnten zunächst entschärft werden, Thielemann sprach von "Missverständnissen", es sei ihm um die veränderte Besetzung, nicht um das Geschlecht gegangen. Die beiden Frauen haben selbst keine sexistischen Erfahrungen mit Thielemann erlebt. Das Thema werde aber keineswegs ad acta gelegt, sondern weiterhin ernst beobachtet, so der Tenor aus der Festspielleitung. Ein Skandal ist das freilich nicht, aber so ein Vorfall hätte auch schon gereicht, den ein oder anderen aus dem Gleichgewicht zu bringen. Thielemann dagegen steht fest im Bayreuther Graben und segelt mit seinem Lohengrin-Kahn gelassen und genussvoll-gierig in Richtung kontrolliertem Wagner-Rausch: "Ich bin der Sache erlegen und ich freue mich, dass die Sensibilität mit zunehmender Erfahrung nicht abnimmt, sondern noch zunimmt."

Blauer "Lohengrin"

Und dieser "Lohengrin" in Bayreuth, in der Inszenierung von Yuval Sharon und mit der Bühne und den Kostümen von Rosa Loy und Neo Rauch, ist vor allem ein bläulicher Rausch, womit Thielemann sehr gut zurechtkommt: "Ich seh‘ da schon Farben, und die Helligkeit ist ja immer von einem silbrigen, fast kühlen Glanz, das hat einen derartigen einzigartigen und eigenartigen Zauber, dass man das mit blau sehr gut in Verbindung bringen kann."

"Lohengrin" auf BR-KLASSIK

Die Premiere "Lohengrin" findet am 4. August 2022 bei den Bayreuther Festspielen statt. BR-KLASSIK übeträgt die Aufführung aus dem Bayreuther Festspielhaus in Surround, am Samstag, den 24. September 2022, ab 19:05 Uhr.

Kommentare (2)

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Freitag, 05.August, 16:19 Uhr

Stéphan Mueller

Rausch ohne Reue

Danke für den Artikel!
Unsere Gesellschaft hat fast verlernt miteinander zu sprechen, Vorwerfen, Anklagen ist um so vieles einfacher. Jeder macht in seinem Leben, egal aus welchen Gründen heraus, Fehler. Das gehört zu uns, zu unserem laufenden Lernprozess. Das gilt auch für Bayreuth und alle die damit verbunden sind.
Deshalb noch einmal für den beruhigen Rausch".

Mittwoch, 03.August, 11:34 Uhr

Klaus Thiel

Lohengrin in Bayreuth

"Mein lieber Schwan !"

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