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Montag, 25.06.2018

12:05 bis 14:00 Uhr

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Manuel de Falla  | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Bildquelle: picture-alliance/dpa

Aus dem Studio Franken: Mittagsmusik

Mit Susanne Alt

Bis Mitte 2022 gab es die Sendung "Mittagsmusik" auf BR-KLASSIK. Hier könnnen Sie weiterhin in den Archiven der Sendung schmökern.

Das Thema der Woche in der Mittagsmusik dieser Tage kommt einem in der Tat im wahrsten Sinne des Wortes spanisch vor. Wir fragen, wie man auf die wahre spanische Art komponiert und unternehmen dazu einen Streifzug durch die von Spanien inspirierte Kunstmusik des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Vor allem französische Komponisten schrieben damals solche Musik, und viele spanische Komponisten kamen zum Studium nach Paris. Auch Manuel de Falla, der größte Komponist, den die iberische Nation hervorgebracht hat, und die Galionsfigur jener neuen national-spanischen Kunstmusik mit internationaler Ausstrahlungskraft, die ab um 1900 allmählich entstand. Falla, der Spanier aus Andalusien, aus der Küstenmetropole Cádiz, unterschied zwischen einem Komponieren "à l'espagnole" und einem Komponieren "en espagnol". Mit dem Komponieren "in Spanisch" (en espagnol) meinte er ein Komponieren, das auf der Kenntnis und Vertrautheit mit der unverfälschten, echten spanischen Folklore beruht und dadurch eine authentische spanische Kunstmusik ausbildet. Mit dem Komponieren "auf spanische Art" (à l'espagnole) meinte er dagegen die Werke von Spanien begeisterter Komponisten aus dem Ausland. Für Falla waren diese Werke keine wahre spanische Musik, sondern eine Aneinanderreihung musikalischer Klischees, die man gemeinhin mit Spanien verbindet. "À l'espagnole?" - "En espagnol!" Komponieren auf die wahre spanische Art - unter diesem Motto konfrontieren wir in der Mittagsmusik im Thema der Woche jeden Tag zwei Werke im Sinne von de Fallas Gegensatzpaarung.

"Carmen"

Den Anfang am Montag machen Ausschnitte aus zwei Opern, die beide in Andalusien spielen - die eine in und um Sevilla, die andere in Granada. Die erste Oper ist "Carmen", Georges Bizets unsterblicher Welterfolg. 1874 vollendet und 1875 uraufgeführt, war "Carmen" neben Lalos "Symphonie espagnole" eines der ersten Beispiele für die französische Spanien-Begeisterung, die sich dann in Werken von Chabrier und Massenet, Debussy, Ravel und Ibert fortsetzen sollte. Bizets "Carmen"- Partitur hat viele Passagen, die beim Publikum unmittelbar die Assoziation "Spanien" hervorrufen - so zum Beispiel Carmens Habanera, ihre Seguidilla oder auch das feurige Tanzlied, das sie mit ihren Freundinnen Frasquita und Mércèdes zu Beginn des II. Aktes in der Schenke des Lillas Pastia vor den Toren von Sevilla  zum Besten gibt. Bizets Musik imitiert Gitarrenklänge mit Streicherpizzicati und Harfeneinsatz, bringt mit dem Tamburin charakteristisches Schlagzeug ins Spiel und beschwört zudem das andalusische Ambiente mit einer Melodik und Harmonik, die das herkömmliche Moll durch tonleiterfremde Töne exotisch färbt.

"La Vida breve"

Bei aller Bewunderung und Verehrung für Bizet - Manuel de Falla konnte in "Carmen" lediglich ein Komponieren "à l'espagnole" erkennen, und er verfolgte eine Zeitlang den Plan, das Sujet auf seine spanisch-authentische Weise, also "en espagnol", neu zu vertonen. Dazu kam es nicht, aber Falla komponierte eine andere Oper, die eine Tanzszene vergleichbar mit jener aus "Carmen" enthält. "La Vida breve" (Ein kurzes Leben) heißt das 1904/1905 entstandene Stück, das eine tragische, von Betrug und Verrat zerstörte Liebe zum Thema hat. Die Lied- und Tanzszene ist Teil der Hochzeitsfeier unmittelbar vor dem "Showdown" der Handlung. Fallas Musik dazu offenbart die ganze Authentizität seines Komponierens "en espagnol". Die Gitarrenklänge werden nicht wie bei Bizet durch Streicherpizzicati imitiert, sondern sie kommen gleichsam im "O-Ton" von einem realen Gitarristen. Auskomponiert sind zudem die "Palmas" und "Zapateados", also das Händeklatschen und das mit Absatz, Spitze und Sohle der Schuhe erzeugte Trommeln der Flamenco-Tänzer. Und die Melodik der Gesangslinie mit ihrer aparten Harmonik ist unmittelbar inspiriert von dem auf maurische Einflüsse zurückgehenden andalusischen Volksgesang, dem sogenannten "Cante jondo" (dem tiefen oder innerlichen Gesang)… Mehr Spanien kann es in Kunstmusik nicht geben - man wird von diesen Klängen geradezu nach Andalusien fort getragen.

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