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Bayreuther Festspiele

25. Juli - 28. August 2018

Bayreuther Festspiele - John Lundgren als Wotan "Gott kann man nicht einfach spielen"

In diesem Jahr singt John Lundgren zum ersten Mal bei den Bayreuther Festspielen. Im "Ring des Nibelungen" gibt er den Göttervater Wotan. BR-KLASSIK hat den schwedischen Bariton zu einem Interview getroffen.

John Lundgren | Bildquelle: Miklos Szabo

Bildquelle: Miklos Szabo

BR-KLASSIK: Wagners Wotan in Bayreuth - macht das für Sie einen Unterschied zu Wagner-Rollen in Kopenhagen, in Leipzig oder in Stockholm, wo Sie demnächst im "Ring" zu sehen sein werden?

John Lundgren: Hier in Bayreuth schlägt das Herz von Wagners Musik. Alles fühlt sich absolut richtig an: Wagner-Sänger aus aller Welt sind hier versammelt, das fantastische Orchester, das Wagners Musik spielen kann und spielen will, und die besten Dirigenten für diese Musik. Es ist so etwas wie der Gipfel des Mount Everest.

BR-KLASSIK: Sind Sie schon in der Villa Wahnfried gewesen?

John Lundgren: Ich war dort, und es war eine wirklich besondere Erfahrung und ein intensives Erlebnis, in das Haus zu gehen, in dem er gelebt hat. Jeder, der sich mit Wagner beschäftigt, bastelt sich ja ein Bild im Kopf zusammen, wie der gute alte Richard gewesen sein könnte. Und wenn man dann tatsächlich dorthin kommt, wo er sich bewegt hat, wo er mit seiner Familie gelebt hat, kann man das kaum fassen.

"Hitler ist völlig indiskutabel"

John Lundgren | Bildquelle: Miklos Szabo Bildquelle: Miklos Szabo BR-KLASSIK: Einerseits erlebt man dort die Geschichte Richard Wagners, es ist aber auch ein schweres Stück deutscher Geschichte.

John Lundgren: Es ist schon hart, diese Videoclips zu sehen, auf denen Adolf Hitler in bester Laune durch das Haus spaziert. Aber ich versuche, darüber hinaus zu wachsen. Denn das Leben ist meistens viel komplizierter als es aussieht. Ganz besonders, wenn man in der Geschichte zurückschaut. Ich versuche immer, einen Unterschied zu machen zwischen der Person an sich und dem, was die Person getan hat - im guten wie im schlechten Sinne. Wobei Hitler völlig indiskutabel ist, er war ohne Zweifel ein grausamer Mensch. Trotzdem, in vielen anderen Fällen ist die Realität komplizierter. Und genau das ist es auch, was uns Wagners Musik zeigt - ganz besonders der "Ring". Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß, sondern viele Nuancen.

Wotan - Gott oder Betrüger?

BR-KLASSIK: Diese Schwarz-Weiß-Malerei spielt auch im "Ring" eine Rolle. Sie als Götterchef Wotan stehen über allem und machen innerhalb dieses Zyklus auch eine Reise durch - vom Wotan zum Wanderer.

John Lundgren: Wie stellt man einen Gott dar? Das ist für mich die Hauptfrage. Gott kann man nicht einfach spielen, jeder hat seine eigene Idee von Gott. Man muss sich also von dem Wahn lösen, Gott darstellen zu können. Und für mich wurde genau dies zu einer großen Freiheit. Wotan meint, er könne tun und lassen was er will. Dem ist aber nicht so. Gleich zu Beginn des "Ring" brockt sich Wotan die Suppe ein, die er nicht gewillt ist auszulöffeln. Er denkt, er wäre Gott und müsse es nicht. Aber irgendwie spürt er dennoch, dass er damit falsch liegt.

Fricka zum Beispiel macht ihm das auch ziemlich deutlich. Also verstrickt sich Wotan in Versprechungen. Der eine soll Gold bekommen, der andere den Ring. Eigentlich müsste Wotan sich eingestehen, dass er ein Betrüger ist. Nehmen wir mal Scarpia aus Tosca. Für mich ist der ein richtiger Psychopath, aber wie spielt man einen Psychopathen? Auch so einer trägt ganz viele, typisch menschliche Züge in sich: Er hat Probleme, er muss Opfer bringen - ähnlich wie Wotan. Ich fände es manchmal unglaublich interessant, Wotan in der "Götterdämmerung" zu begegnen, nur ein paar kurze Momente lang. Was denkt er da wohl? Ich vermute, er wäre alles andere als glücklich.

"Ich nutze viel von meiner Lebenserfahrung"

John Lundgren | Bildquelle: Miklos Szabo John Lundgren | Bildquelle: Miklos Szabo BR-KLASSIK: Was ist leichter zu spielen: einen Gott wie Wotan oder einen Psychopathen wie Scarpia?

John Lundgren: Das macht eigentlich keinen großen Unterschied. Als Sänger wie als Schauspieler brauche ich für beide Rollen ein großes Spektrum an Erfahrungen, an Gefühlen. Ich nutze viel von meiner Lebenserfahrung. Ich habe einige Jahre nach meinem Studium als Sozialarbeiter gearbeitet. Die Leute, mit denen ich zu tun hatte, waren kriminell, nahmen Drogen, hatten Beziehungsprobleme. Ich finde, auch die Oper erzählt Geschichten über Extreme. Meine früheren Begegnungen mit diesen Menschen, die alle irgendwie durch irgendetwas in die Ecke gedrängt wurden, mit Familien, deren Strukturen so explosiv waren wie eine Atombombe, prägen mein Herangehen an die Opernrollen.

Irgendwie liebe ich darum die Rolle des Scarpia, er ist ein richtiger Mistkerl. Und natürlich spiegelt sich darin auch eine dunkle Seite von John Lundgren. Man kann solche Rollen wie Scarpia und Wotan nicht spielen, indem man einfach nur das Gesicht zu einer bösen Grimasse verzieht. Es muss aus dem Inneren kommen. Und dafür muss man den Figuren Einlass in das eigene Wesen, in das Gehirn gewähren. Dann wirkt es echt.

BR-KLASSIK: Sie sind sechs Mal bei den diesjährigen Bayreuther Festspielen zu sehen. Das erste Drittel ist schon vorbei. Wie ist es denn mit Ihren Kräften? Teilen Sie sich Ihre Kräfte ein?

John Lundgren: Absolut, das muss sein. Diese Tage zwischen den beiden Durchläufen nutze ich, um etwas runter zu kommen. Meine Familie ist inzwischen auch hier in Bayreuth. Das bringt mich in eine gute innere Balance, das suggeriert mir einen normalen Alltag. Wenn ich ehrlich bin - entschuldige bitte Richard - ist es in gewisser Weise fast unmenschlich, so eine Musik zu schreiben und zu erwarten, dass das jeder normale Mensch singen kann. Aber genau das macht wiederum den Reiz aus, dass eben nicht jeder Wagners Musik singen kann. Es fängt schon damit an, dass man eine Person mit einer besonders kräftigen Stimme braucht, die über den Orchesterklang hinweg hörbar ist. Und eine solche Familie, bestehend aus sehr speziellen Typen, ist hier in Bayreuth versammelt.

John Lundgren | Bildquelle: Miklos Szabo John Lundgren | Bildquelle: Miklos Szabo BR-KLASSIK: Das ist die eine Familie, die der Sänger. Es gibt aber auch die Familie auf der Bühne, nämlich ihre Tochter Brünnhilde. Berührt Sie das in irgendeiner Art und Weise, wenn Sie sich von ihr auf der Bühne verabschieden?

John Lundgren: Das ist wirklich sehr, sehr schwer. Da ist Wotan nicht der Gott der Götter. Er ist ganz Vater. Und kommt in Konflikt mit seinem Job als Gott, denn er muss Opfer bringen. Das ist eine schrecklich Situation. In die gerät man zum Glück normalerweise nie als Vater. Aber jeder, der Kinder hat, kennt die Angst davor, dass dem eigenen Kind irgendetwas zustößt, dass man es verliert. Und genau das ist es, was Vater Wotan auf der Bühne durchmacht. Zu einer unglaublich wundervollen Musik.

Vom Sozialarbeiter zum Sänger

BR-KLASSIK: Wann haben Sie angefangen, sich mit den Mythen zu beschäftigen?

John Lundgren: Ich bin ein Spätzünder, weil ich vor meiner Zeit als Sänger schon sehr viel anderes getan habe. Ich stamme ja aus einem winzigen Kaff in Schweden. Da gab es keine klassische Musik, nur Countrymusik, eine Tanzkapelle und die 6. Liga im Fußball. Aber trotzdem hat mich jede Art von Musik interessiert: Ich habe Soul gehört, Franz Zappa und Countrymusik gesungen. Und wenn jemand zu mir sagte, hey John, du hast eine tolle Stimme, du könntest Opernsänger werden, dann war das für mich etwa so, wie wenn jemand über einen Fußballspieler aus dem Ort sagte, er könne Messi oder Müller sein. Absolut undenkbar, viel zu weit weg. Also studierte ich und wurde Sozialarbeiter.

Als ich 26 Jahre alt war, musste ich dringend ein Jahr von meinem Job pausieren, weil mir meine Arbeit mit den Jugendlichen in dem Heim und ihre kriminellen Geschichten schon sehr nahe gingen. Ich besuchte eine Gesangsschule in Vadstenna, eine Art Vorbereitungsschule für angehende Gesangsstudenten. Ich arbeitete unglaublich hart und konnte nach nicht einmal zwei Jahren zwischen den Opernakademien in Kopenhagen, Göteborg und Stockholm auswählen und hatte auf einmal einen Vertrag für die Oper in Kopenhagen in der Tasche.

Viele Leute aus der Opernakademie prophezeiten mir damals, du wirst in deinem Leben noch viel Wagner singen. Aber noch bist du zu jung, warte damit, bis zu 40 bist. Jetzt bin ich 48, fühle mich immer noch jung, und im Vergleich zu Verdi fällt mir Wagner bedeutend leichter. Ich bin sehr gespannt, wie mein Wotan in zehn Jahren klingt, was sich da stimmlich noch tut. Aber zum Glück bekommt man unglaublich viel Hilfe hier in Bayreuth von den Kollegen, was die Sprache angeht, den Stil. Und das ist wirklich unbezahlbar, wenn routinierte Kollegen wie Stefan Vinke und Chatherine Foster einem Debütanten wie mir helfen.

Das Gespräch führte Sylvia Schreiber für BR-KLASSIK.

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