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Bayreuther Festspiele

25. Juli - 28. August 2019

Kritik – "Parsifal" in Bayreuth Stürmisch gefeierte Besetzung

Seit 2016 Andris Nelsons kurz vor der Premiere den Festspielhügel fluchtartig verließ, ist die "Parsifal"-Produktion von Uwe Eric Laufenberg heftig umstritten. Ob sich daran im letzten Jahr der Inszenierung etwas geändert hat? Musikalisch war der Abend in jedem Fall denkwürdig, gekrönt von einer fulminanten Kundry.

Parsifal 2019 – Bayreuther Festspiele: Derek Welton als Klingsor | Bildquelle: © Bayreuther Festspiele /Enrico Nawrath

Bildquelle: © Bayreuther Festspiele /Enrico Nawrath

Am Schluss enthüllt Parsifal nicht den Gral. Von ihm animiert, werfen alle Anwesenden ihre religiösen Symbole in Titurels Sarg. Erst wenn alle apodiktischen Einengungen, alle totalitären Wahrheitsansprüche überwunden werden, kann Erlösung stattfinden. Das ist als Geisteshaltung nicht eben neu und dafür passiert vorher ziemlich wenig Schlüssiges.

Öfter mal leere Symbolik

Szenenbilder der Wagner-Oper "Parsifal", Bayreuth 2019 | Bildquelle: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath "Parsifal"-Bühnenbild von Gisbert Jäkel | Bildquelle: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath Nicht nur die Rahmenhandlung, die im 1. Aufzug die Gralsgemeinschaft als Flüchtlingslager im Krisengebiet darstellt, wird weiterhin überhaupt nicht verfolgt. Auch die Symbolik, mit der Laufenberg reichlich spielt, bleibt zu oft leer: Jesus 'runter vom Kreuz und wieder 'ran ans Kreuz; Klingsors verquaste religiöse Haltung zwischen Gebetsteppich und Pimmel-Kreuzen; das zu Boden fallende Kind bei der Ermordung des Schwans und vieles weitere.

Dass Parsifal den Speer als Zeichen des Kampfes und der Gewalt zerbricht und daraus ein Kreuz formt, das christliche Symbol der Erlösung, ist ein starkes Bild. Dass aber, wie oben gezeigt, Parsifal als der große Überwinder der Religionen gezeigt wird, will dazu wieder nicht wirklich passen.

Es wird viel herumgestanden

Viele Regiefäden hängen also im Losen. Viel wird mittlerweile Rumgestanden in Gisbert Jäkels akustisch formidablen Bühnenbild. Die Videosequenzen von Gérard Naziri wirken in Sachen Optik und dramaturgischer Einsatz – gerade im Vergleich zum aktuellen Kratzer-"Tannhäuser" – recht verstaubt. Bei alledem gab es heuer keine Buhs für das Regieteam. Begeisterungsstürme allerdings ebenfalls nicht.

Dirigent Bychkov dosiert den Klang gekonnt

Zu begeistern vermochte allerdings Semyon Bychkov. Eine derart symphonische Qualität erreicht beim wunderbaren Festspielorchester sonst nur Christian Thielemann. Bychkov baut brucknerhafte Steigerungen. Er dosiert den Klang und ist auf diese Art immer fähig, noch eine Schippe draufzulegen. Dabei lässt er sich nicht festlegen. Die Verwandlungsmusik nimmt er sehr agogisch, nach vorne gehend. Genau wie die Grals-Chöre (Einstudierung: Eberhard Friedrich), die selten so gewaltig und anklagend klangen, wie hier im 3. Aufzug. Anderes dagegen zelebriert Bychkov. Im Karfreitagszauber spielt er mit den klanglichen Facetten, badet im Streichersound, baut das Holz fein abgestimmt in den Obertönen darüber. Im Vorspiel und weiten Teilen der Gurnemanz-Erzählungen wiederum wälzt der Dirigent das Tempo aus.

Im Schlussakt ist Groissböck stimmlich voll da

Vielleicht ist das auch ein Grund, warum Günther Groissböck nicht schon im 1. Aufzug die Präsenz hat, die man von ihm gewohnt ist. Erst im Schlussakt ist er stimmlich voll da, spannt wunderschöne, kraftvolle Bögen im Karfreitagszauber und prunkt in der Taufszene mit heldenbaritonalen hohen E’s, wo andere Kollegen schon die Segel streichen. Die Vorfreude auf den Wotan, den er kommendes Jahr in Bayreuth singen wird, wächst und wächst …

Andreas Schager singt einen großartigen Parsifal

Szenenbilder der Wagner-Oper "Parsifal", Bayreuth 2019 | Bildquelle: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath Parsifal (Andreas Schager) umringt von Klingsors Zaubermädchen/Chor der Bayreuther Festspiele. | Bildquelle: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath Derek Welton singt den Wotan bereits an seinem Stammhaus, der Deutschen Oper Berlin. In Bayreuth schleudert er als Klingsor gewaltige Töne, für die er aber gefühlt auch an die Grenzen geht. Etwas von seiner kraftvollen Höhe möchte man Ryan McKinny als Amfortas wünschen, der zwar mit durchtrainierten Oberarmen und vollem darstellerischen Einsatz glänzt, stimmlich aber doch sehr blass bleibt.

Andreas Schager in der Titelpartie hat mit Phonstärken keine Probleme, mühelos strahlt die Stimme auch bei "Nur eine Waffe taugt". Und bei aller, auch darstellerischen Virilität und Vehemenz bleibt Raum für das Zarte, Lyrische.

Elena Pankratova – die ideale Kundry

Szenenbilder der Wagner-Oper "Parsifal", Bayreuth 2019 | Bildquelle: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath Elena Kundry als Kundry und Andreas Schager als Parsifal | Bildquelle: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath Die Kundry braucht eigentlich drei Stimmen: eine Altstimme für den 1. Aufzug, eine lyrisch-jugendliche für die Verführung und eine hochdramatische für den Schluss des 2. Aufzugs. Bei fast allen Sängerinnen müssen da Abstriche gemacht werden. Bei Elena Pankratova nicht. Von der dunklen, warmen, raumfüllenden Tiefe bis zu den brünnhildenhaften Ausbrüchen in der Höhe bleibt die Stimme rund und klangschön.

Zudem gehört dank ihrem Spiel die Taufe der alten, kranken Kundry zu den wenigen auch szenisch anrührenden Momenten an diesem Abend. Auch wenn der Text nicht immer zu verstehen ist: Pankratova ist momentan die Idealbesetzung. Und wird dementsprechend, wie die gesamte Besetzung, stürmisch und lange gefeiert.

Sendung: "Leporello" am 31. Juli ab 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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