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Bilanz - Internationale Jazzwoche Burghausen 2018 Sound verbindet Generationen

Ein Jahr vor dem 50. Jubiläum verblüfften in Burghausen Jung-Jazzer und jung gebliebene alte Recken. Geboten war ein Programm der Vielfalt zwischen afrikanischen Klängen, ukrainischen Songs und Glanzstücken des Groove.

Leléka, Viktoria Anton | Bildquelle: Ralf Dombrowski

Bildquelle: Ralf Dombrowski

Den Besucherrekord von 2017 konnte man diesmal nicht wiederholen: Die Internationale Jazzwoche Burghausen hatte aber immerhin 7.500 Besucher an sechs Tagen (nach 8.500 im letzten Jahr). Bei der Abschluss-Pressekonferenz sagte der Bürgermeister Hans Steindl (SPD): "Wir sind alle sehr happy." Das letzte Festival vor der 2019 anstehenden Jubiläums-Ausgabe hatte ein farbenreiches Programm, das auch Überraschungen bereithielt.

Eine Überraschung aus der Ukraine

Die erste war die Gruppe "Leléka" aus Berlin, die Siegerband des diesjährigen Burghauser Jazzwettbewerbs, mit der ukrainischen Sängerin Viktoria Anton. Eine Stimme mit Aura und einem hellen, weichen Klang voll fesselnd natürlicher Kraft: Volkslieder aus der Heimat der Sängerin steckt die Band in ein kammermusikalisch-jazziges, zeitgenössisches Klanggewand. Die Stücke erzählen von faulen Männern, listigen Frauen und nicht zuletzt auch von den Opfern eines anhaltenden Krieges. Ganz archaische und starke menschliche Botschaften hatte das Konzert dieser Band zu bieten - und nach dem Antikriegsstück verharrt das Publikum 20 Sekunden in atemloser Stille. Wenn Musik das schafft, noch dazu in einem Saal für über 1.000 Zuhörer, wie der Wackerhalle in Burghausen, dann hat das seine Gründe.

Die Spuren der Jungen

Junge Bands wie "Leléka" oder auch das "Thomas Kolarczyk Ensemble" und  das "Linntett" am letzten Festivaltag, sowie die  bemerkenswerte Jazzrausch Bigband aus München hinterließen ganz eigene Spuren bei diesem Festival. Der Bassist Thomas Kolarczyk ist zum einen der Mann am Bass bei "Leléka". Doch er hat auch ein eigenes Ensemble - und mit dem war er am Next Generation Day, dem Abschlussnachmittag des Festivals, zu erleben. Ein Quintett mit drei Bläsern, Bass und Schlagzeug: Rau und kantig, oft osteuropäisch getönt - und einmal mit wunderschönem Klezmer-Feeling -, lässt diese Band eines Bassisten, der sehr gern und gut auch den Bogen einsetzt, kraftvolle und auch poetische Momente entstehen. Beim "Linntett", der Band der Baritonsaxophonistin Kira Linn, fallen sofort zwei Dinge auf: ungemein geschmackssicher arrangierte Bläserstimmen - und das starke solistische Profil der Leaderin, die Soli prägnant und mit klar konturiertem Ton aufbaut.

Mathe macht Musik

Jazzrausch Bigband | Bildquelle: PR Jazzrausch Bigband | Bildquelle: PR Der Next Generation Day und der Jazzwettbewerb, der jetzt zum zehnten Mal stattfand, gehören zu den Programmpunkten, mit denen die Jazzwoche Burghausen erfolgreich den Altersdurchschnitt mindestens auf der Bühne senkt. Im Zuschauerraum konnte dieser Schnitt sichtbar an einem der normalen Abende am Hauptveranstaltungsort, der Wackerhalle, nach unten bewegt werden. Denn da spielte die Münchner Jazzrausch Bigband, ein junges, 15-köpfiges Ensemble, dessen Chefs der barocke Kraftkerl Roman Sladek an der Posaune und der filigrane Denker Leonhard Kuhn am Laptop sind. Kuhn, auch studierter Mathematiker, schreibt für diese Band Stücke von nerdig verschrobenem Witz. Da inspiriert ihn etwa ein mathematisches Phänomen wie die sogenannte Dirichlet-Funktion zu einem Liebeslied - das kündet dann in nervösem, rhythmischem Flackern augenzwinkernd vom Konflikt zwischen Rationalem und Irrationalem. Die Band, mit einem Bläsersatz, der auch eine Tuba enthält, ist ein Muster an knifflig-unterhaltsamer Präzisionsarbeit. Urplötzlich schien bei diesem Konzert zumindest ein Teil des Publikums viel jünger als sonst bei gängigen Jazzfestivals: Zuhörer im Schüler- und Studentenalter flankierten ausgelassen tanzend die Sitzreihen. Und auch von den älteren hielt es manche nicht auf den Sitzen. Jazzrausch: So wirkt er ganz offenbar.

Neugier, Filme, Ostereier

Die Jugend stark zu repräsentieren und etwas mehr als gewohnt auch anzusprechen: Das gelang diesmal also offenbar schon ziemlich gut bei der Internationalen Jazzwoche Burghausen: einem Festival, das ein nicht nachlassender Touristenmagnet in einer seit Jahrzehnten jazzbegeisterten Stadt ist. Künstlerischer Leiter ist seit 49 Jahren der Münchner Joe Viera (85), der sich noch immer eine geistblitzende Neugier erhalten hat. Und organisatorisch am Laufen gehalten wird diese Kulturgroßveranstaltung nicht zuletzt durch rund 60 ehrenamtliche Helfer, die ihren Urlaub stets nach dem Termin der Jazzwoche ausrichten. Das Bild Burghausens prägten in den letzten Tagen gerade in der Altstadt einige auffällige Ostereier in stattlicher Skulpturengröße - aber der Jazz war so präsent, dass er genau so auffiel. Neben einer geglückt improvisierten Fotoausstellung (statt einer ursprünglich geplanten, die aber platzte) gab es ein Jazzfilm-Programm im besonders schönen alten "Anker"-Kino in der Altstadt. Ein Festival, das auf geglückte Art auch einen Bildungsauftrag erfüllt.

Diesmal hatten die Burghauser Veranstalter aber auch noch das Glück, dem Unterhaltungsauftrag eines Musikfestivals mit atmosphärisch mitreißenden Konzerten so prägnant gerecht zu werden, dass für manche Besucher einige gewiss bleibende Erinnerungen heraussprangen.

Über 80 und kein bisschen Sax-müde

Neben schwungvollen Jung-Jazzern sorgten dafür nicht zuletzt zwei über 80-jährige Saxophonisten. Der eine: der aus Kamerun stammende und in Frankreich lebende Manu Dibango, 84 und vom Erscheinungsbild her ein Mann in den allerbesten Jahren. Er spielte zu den feinen, präzisen Rhythmen seiner Band Tenorsaxophon mit makellosem, weichem Ton, strahlte auch am Vibraphon und als Sänger mit dunkler Samtstimme eine magnetische Musikalität aus und brachte den Saal zum Schwelgen - und dies nicht erst mit seinem Hit "Soul Makossa" ganz am Ende, nach über 90 leise-dynamisch fesselnden Minuten. Der zweite: der Mann, der einst Henry Mancinis "Pink Panther" zum Klingen brachte - der Amerikaner Don Menza (81). Er gastierte mit seinem Quartett sechs Abende im Burghauser Jazzkeller und powerte mit Tenorsaxophontönen von schier berstender Kraft. Harter, präziser Ton und eine hochgradig effektvolle Dramaturgie im Aufbau der Improvisationen: Jede Phrase ein Statement.

Wolfgang Hafner | Bildquelle: Antje Wiech Wolfgang Haffner | Bildquelle: Antje Wiech Zwischen den Generationen überzeugte nicht zuletzt die Band eines Musikers, der seit 1986 im Schnitt alle zwei Jahre bei der Jazzwoche aufgetreten ist: der Schlagzeuger Wolfgang Haffner. Als Einspringer in der Band des Saxsophonisten James Moody begann er einst seine Burghausen-Story, jetzt kam er mit seiner aktuellen Band und dem Programm "Kind of Spain". Vibraphonist Christopher Dell, Pianist Roberto Di Gioia, Gitarrist Daniel Stelter, Trompeter Sebastian Studnitzky und Bassist Christian Diener. Das ist Haffners aktuelle Besetzung: Stücke wie Chick Coreas "Spain" und Eigenkompositionen wie "Star" leuchteten in einem Programm, das viel Energie zum Publikum überspringen ließ. Immense Ruhe im Aufbau filigraner Grooves strahlte Haffner bei seinem geschätzt fünfzehnten Burghauser Festival-Auftritt aus. Jubel von den Fans für einen guten (mittel-)alten Bekannten, der hier eine Glanzleistung brachte.

Singt er, oder singt er nicht?

Überrascht wurde damit von Haffner kaum jemand - man kennt ihn so. Doch auf jeden Fall für eine Überraschung gut war der israelische Bassist Avishai Cohen. Auf seinen jüngsten CDs, vor allem auf der aktuellen mit dem Titel "1970" (Geburtsjahr Cohens), schlüpfte dieser Musiker immer mehr in die Rolle eines Sängers und Singer-Songwriters. Hier aber, mit den beiden Partnern Omri Mor, Klavier, und Noam David, Schlagzeug, gab es kein einziges gesungenes Stück. Nur Instrumentalmusik - die aber erklang in enormer Virtuosität und Schönheit. Gegen Ende eine rasante, rhythmisch vertrackte Version des Latin-Klassikers "Besame mucho". Und als allerletzte Zugabe ein Ausflug zu Familie Feuerstein: "Flintstones" - im Vergleich zu den groovenden, israelisch getönten Eigenkompositionen Avishai Cohens ein ganz konventionell swingendes Stück in ebenso konventioneller Interpretation: jedenfalls fast. Denn das Trio spielte diese Nummer im Zeitraffer - und blieb atemberaubend präzis dabei. Noch eine gelungene Jazzfarbe bei diesem Festival, auf dem es mehr zu entdecken gab, als mancher beim Blick auf das Programm ursprünglich erwartet hatte.

Die Jazzwoche auf BR-KLASSIK

Alle Abendkonzerte aus der Wackerhalle gibt es auf BR-KLASSIK CONCERT als Video. BR-KLASSIK überträtg im Radio am 12. März 2018 in der Jazztime eine Rückschau auf die diesjährige Jazzwoche.

Konzert-Videos

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