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Joni Mitchell zum 75. Geburtstag Das Leben von vielen Seiten

Die Kanadierin Joni Mitchell war 21 und wollte eigentlich Malerin werden, als sie in einer Lebenskrise den Song "Both sides now" schrieb. Er wurde zum zeitlos gültigen Hit und sie die bedeutendste und wandlungsfähigste Singer-Songwriterin des 20. Jahrhunderts - mit enger Bindung auch an den Jazz. Am 7. November ist ihr 75. Geburtstag.

Sängerin Joni Mitchell im Jahr 2013 | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Bildquelle: picture-alliance/dpa

Joni Mitchell - Ein Porträt zum Anhören

Roberta Joan Anderson wuchs in den Nachkriegsjahren in der kanadischen Provinz Saskatchewan in bescheidenen Verhältnissen auf und wusste schon in der zweiten Klasse, dass sie Künstlerin werden wollte. Für die Schule interessierte sie sich nicht besonders, aber sie konnte wirklich gut malen und beherzigte den Rat eines Lehrers, ihr Talent auch aufs Dichten auszuweiten.

If you can paint with a brush, you can paint with words.
Joni Mitchell

Die neue Lust am Reimen traf auf ihren ausgefallenen, musikalischen Geschmack. Die Klänge, die entstanden, wenn sie "London Bridge is falling down" auf einer Drehleier rückwärts spielte, fand sie spannend.  Die Liebeslieder der Crooner aus dem Radio auch, nur waren ihr die Texte zu vorhersehbar. Sie sang Sopran im Kirchenchor und lernte in den Pausen das Rauchen. Da war sie aber erst neun, und gerade von einer schweren Polio-Erkrankung genesen. Völlig begeistert war sie von Sergej Rachmaninows Rhapsodie über ein Thema von Paganini, die sie sich Tag für Tag im Vorführraum des Plattenladens in ihrem kleinen Heimatort anhörte. Als Teenager wurde sie Fan des Jazzvokal-Trios "Lambert, Hendricks & Ross". Den Klavierunterricht ließ das freiheitsliebende Mädchen sofort sausen, als sie Schläge auf die Finger bekam, weil sie ihr erstes eigenes Lied vorspielte, und lernte lieber Gitarre zu spielen. Mit 19 begann sie an der Kunstschule in Calgary Malerei zu studieren, wurde schwanger von ihrem ersten Freund, bekam eine Tochter, schlug sich mit kleinen Jobs und ersten Auftritten als Folksängerin durch und gab das Baby schließlich zur Adoption frei. Tiefe Krisen wie diese konnte sie nur in Songs verarbeiten, deswegen wurde Roberta Joan Anderson Musikerin.  

Nach einer kurzen Ehe mit dem Folksänger Chuck Mitchell, mit dem sie in die USA ging, erspielte sich die ätherisch schöne Mittzwanzigerin mit der glockenhellen Stimme eine Fangemeinde in den Coffeeshops im Greenwich Village in New York. Die Texte ihrer Songs waren häufig regelrechte Innenschauen, schmerzlich persönlich und dabei universell gültig. Noch bevor Joni Mitchell 1967 das erste Mal selbst ins Studio ging – mit 25 Songs im Gepäck, von denen andere nur hätten träumen können, wie David Crosby, der ihr zum ersten Plattenvertrag verhalf, später erzählte - hatten etliche Kolleginnen Stücke von ihr aufgenommen. Judy Collins etwa die erste von inzwischen mehreren hundert Versionen von "Both sides now", Buffy Sainte Marie ihr "Circle Game" .

Joni Mitchell: Die Klang-Erfinderin

Zu ihrem besonderen Sound gehörten viele verschiedene, offene Gitarrenstimmungen. Aus ihnen entstanden Akkorde, die Joni Mitchell selbst "Chords of inquiry" nannte, fragende Akkorde, deren offener Charakter  zu den Fragen passte, die sie in ihren Stücken an das Leben und die Welt stellte. Später würden die Musiker der Jazzband L.A.Express, mit der sie auf Tour ging, ihre Komplexität entziffern und ihre ungewöhnlichen Songformen analysieren. Dass es vor allen Dingen Sus-Akkorde seien, mit denen sie Spannung in ihre Stücke brachte, weil sie sich wegen der fehlenden Terz nicht eindeutig als Dur oder Moll identifizieren lassen, erklärte ihr der Jazzsaxophonist Wayne Shorter. Bevor sie ihre Songs aber mit Jazzgrößen wie ihm, Herbie Hancock, Pat Metheny, Michael Brecker und Jaco Pastorius spielte, musste sie erst einmal berühmt werden. Das geschah schnell.

Schon für ihr zweites Album "Clouds" von 1969 bekam Joni Mitchell den ersten der insgesamt neun Grammys in ihrer Laufbahn. Sie zog nach Los Angeles und im selben Jahr komponierte sie den Song "Woodstock". Ohne selbst dort aufgetreten zu sein, erfasste sie den Spirit des unverhofft zum Jahrhundertereignis gewordenen Festivals und verschaffte ihm seine Hymne. 

Joni Mitchell erwies sich als genaue Beobachterin und begnadete Erzählerin. In ihre Songs fließe die Ambition der Filmemacherin, die sie auch gerne geworden wäre, sagte sie einmal. Man könnte ihre Songtexte auch in Gedichtbänden veröffentlichen, ihre Sprachbilder, die zu Bildern im Kopf ihrer Hörer werden können. Ganz Malerin in der Musik und zugleich messerscharfe Analytikerin ist sie in Zeilen wie diesen aus ihrem vielfach von anderen berühmten Sängerinnen gecoverten Song "A case of you".

Aus "A case of you"

Just before our love got lost you said
I am as constant as a northern star
And I said
Constantly in the darkness where´s that at
If you want me I´ll be in the bar
 

Früh in ihrer Karriere sagte sie einmal, an Bob Dylan fasziniere sie das Narrative, die längeren Erzählstrukturen – und wie er aus seinen Texten heraus direkt seine Zuhörer anspreche – das wolle sie auch, aber zusätzlich wolle sie einen harmonisch-melodischen Zusammenhang mit der Musik. Das zu vereinen, ist Joni Mitchell in ihrer langen Karriere grandios gelungen und sie hat dafür auch immer wieder musikalisches Neuland erkundet. Auf den fünf Alben nach ihrer höchst erfolgreichen Einspielung "Court and Spark" von 1974 wurde Joni Mitchell immer jazziger. Auch der legendäre Bassist Charles Mingus wurde auf sie aufmerksam. Ein Koloss der Bebop und Hardbop Ära mit einem Ruf wie Donnerhall, der sich in seiner  Biographie "Beneath the Underdog" als schillernde, aber zutiefst gespaltene Persönlichkeit offenbarte. Als er sich bei Joni Mitchell meldete, war er an ALS erkrankt und hatte den Tod vor Augen. Sie schrieb Texte zu einigen seiner Klassiker aus den 1950er-Jahre und verknüpfte sie mit eigenen Songs. In enger Kommunikation mit ihm entstand das Album "Mingus", das zwei Tage nach seinem Tod im Januar 1979 fertig aufgenommen war. Nie habe sie die Uhr so laut ticken hören wie bei der Arbeit an diesem Album, sagte sie später, es sei ihr darum gegangen, Charlie glücklich zu machen und sich selbst dabei treu zu bleiben.

Mitchell und Mingus

Das Album – ihr elftes – wurde zu einem Klassiker der Sängerin und Komponistin, war aber auch ihr erstes, das nicht sofort den Goldstatus mit 500.000 verkauften Kopien erreichte. Auch die Reaktion der Journalisten war gespalten, aber das war Joni Mitchell inzwischen gewohnt. Die ersten Verrisse hatte sie schon einige Jahre zuvor kassiert für ihr Album "The hissing of summer lawns", obwohl es sich sehr gut verkaufte und auf Platz 4 der Albumcharts gelandet war. Manche Kritiker verübelten ihr, dass sich ihr romantischer Tonfall der frühen Jahre gewandelt hatte und sie ihre eigenwillig schönen Sprachbilder jetzt auf messerscharfe Beobachtungen von Beziehungsgeschichten verwandte, und von einer Gesellschaft erzählte, unter deren glatter Oberfläche die Verhältnisse zwischen Mann und Frau nicht stimmten. Das war nicht mehr die schöne Sängerin, die sich aufs Persönliche beschränkte und als Projektionsfläche für das eigene Wunschdenken dienen konnte.

Joni Mitchell: Ihr Leben in Bildern

"An emotional scientist" nannte sie ihr zweiter Mann, der Bassist und Produzent Larry Klein. Nachdem sie vierzehn Alben in Eigenregie gemeinsam mit dem Toningenieur Henry Lewy aufgenommen hatte, arbeitete sie in den 1980er- und 90er-Jahren eng mit ihm zusammen. Ihre Musik wurde rockiger und in ihren Texten griff sie in zunehmend lauen Zeiten für engagierte Singer-Songwriter immer öfter politisch relevante Themen auf. Umweltfragen, soziale Ungerechtigkeit, Machtmissbrauch, der Umgang mit den amerikanischen Ureinwohnern und der sogenannten Dritten Welt waren Themen ihrer Songs.

Joni Mitchell 1996 in der Jay Leno Show

Auf Initiative von Larry Klein nahm Joni Mitchell im Jahr 2000 das symphonische Album "Both sides now" in London auf. Vince Mendoza hatte Jazzklassiker und ihren titelgebenden größten Hit arrangiert, und leitete das Orchester, in dem viele Musiker der London Symphony spielten. Das Ergebnis war so beeindruckend, dass sie zwei Jahre später das ebenfalls symphonische Doppel-Album "Travelogue" produzierten, auf dem ausschließlich Joni Mitchells eigene Kompositionen in den großorchestralen Sound überführt wurden.

Sängerin Joni Mitchell | Bildquelle: Reprise Records Bildquelle: Reprise Records Ihr nächstes Album "Shine" im Jahr 2007 spielte sie in kleiner Besetzung ein. Es war die Grundlage für ihre erste Ballettmusik. Die zweite brachte sie 2014 heraus auf einer Box mit 4 CDs, auf der sie 53 ihrer Songs zusammenfasst zu einer Geschichte in vier Akten."You turn me on I´m a radio", "River", "Come in from the cold", "Blue", "Hejira", "Just like this train", "Carey" und "Being cool" gehören unter anderem zu ihrer Auswahl. "A ballet waiting to be danced" nannte sie dieses letzte große Werk, dessen Cover und Booklet – wie bei allen ihrer 22 Alben und 10 Compilations – ihre eigenen, gegenständlichen Gemälde zieren - häufig Selbstporträts.

Nach einem Hirninfarkt im Frühjahr 2015 erholte sich Joni Mitchell ausreichend, um wieder in die Öffentlichkeit zu gehen. Bei den Geburtstagsfeiern von Chick Corea und Elton John wurde sie gesehen, war da allerdings auf einen Rollstuhl angewiesen. Auch in dieser Phase ihres Lebens ist der große Einfluss, den sie mit ihrer Kunst auf die internationale Musikszene hat, deutlich. Unter den 15 Stars, die 2016 in einem "Rolling Stone" Artikel damit zitiert werden, wie sehr sie von Joni Mitchells Musik und Message inspiriert sind, gehören Björk, Neil Diamond, Herbie Hancock, Prince und Taylor Swift. Ihrem Biographen Brian Hinton sagte die Sängerin und Komponistin, Gitarristin und Pianistin einst, ihre Musik solle ein Leben lang halten so wie ein feiner Stoff. Es ist anzunehmen, dass sie noch viel länger halten und die Zeit überdauern wird – so wie eine wertvolle Tapisserie.

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