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Was heute geschah - 6. April 1962 Skandal um Gould und Bernstein

Das CBC-Radio überträgt ein Konzert des New York Philharmonic Orchestra. Der Sprecher kündigt ganz entspannt den nächsten Programmpunkt an: Glenn Gould wird das Klavierkonzert in d-Moll von Johannes Brahms spielen, Leonard Bernstein wird dirigieren. Doch dann passiert etwas Unerwartetes.

Der kanadische Pianist Glenn Gould macht sich am 30. August 1959 in Luzern Notizen, bevor er als Solist mit dem Philharmonischen Orchester von England an den Internationalen Luzerner Musikfestwochen konzertiert. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

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New York, Carnegie Hall, 6. April 1962

Applaus... I think Mr. Bernstein will have something to say to the audience, so down to the stage.
(Sprecher)

Leonard Bernstein, aufgenommen 1971 | Bildquelle: picture-alliance/dpa Bildquelle: picture-alliance/dpa Leonard Bernstein kommt auf die Bühne und spricht zum Publikum:
"Don't be frightened... Mr. Gould is here. He will appear in a moment. I am not, as you know, in the habit of speaking on any concert (...), but a curious situation has arisen, which merits, I think, a word or two. You are about to hear a rather, shall we say, unorthodox performance of the Brahms D Minor Concerto, a performance distinctly different from any I've ever heard, (...) in its remarkably broad tempi and its frequent departures from Brahms' dynamic indications. I cannot say I am in total agreement with Mr. Gould's conception."

Ein Skandal

Leonard Bernstein distanziert sich öffentlich von Goulds Interpretationsansatz: Er habe noch nie so eine langsame und leise Interpretation dieses Klavierkonzerts gehört.

And this raises the interesting question: What am I doing conducting it?
(Leonard Bernstein)

Glenn Gould am Konzertflügel | Bildquelle: Rue des Archives/RDA/Süddeutsche Zeitung Photo Bildquelle: Rue des Archives/RDA/Süddeutsche Zeitung Photo Auf der Bühne stehend räsoniert Bernstein darüber, warum er unter diesen Umständen überhaupt dirigieren solle: Er hätte ja auch seinen Assistenten ans Pult lassen können. Er mache aber mit, weil es sich bei dem Solisten um einen ungewöhnlich begabten jungen Mann handle und ...
"there are moments in Mr. Gould's performance that emerge with astonishing freshness and conviction. ... and finally because there is in music what Dimitri Mitropoulos used to call "the sportive element" - that factor of curiosity, adventure, experiment."

Dirigent versus Solist

Die Kritiker sind außer sich und beschuldigen Bernstein, er habe sich illoyal verhalten und seinen Kollegen verraten. Ein klassischer Streit zwischen Dirigent und Solist. Bernstein und Gould aber wundern sich nur, denn gestritten haben sie nicht. Im Gegenteil: Die beiden haben vor der Aufführung gemeinsam überlegt, was Bernstein dem Publikum sagen solle. Bernstein bestätigte später, dass er den jungen Pianisten bewundere, Gould sei ein großartiger Typ mit ungewöhnlichen Ideen und das einzige wirkliche Problem sei, dass er nicht mehr mit ihm zusammen gearbeitet habe.

Was heute geschah - 6. April 1962

Unsere Reihe "Was heute geschah" zu bemerkenwerten Ereignissen der Musikgeschichte können Sie auch um 8.30 Uhr und um 16.40 Uhr auf BR-KLASSIK im Radio hören. Weitere Folgen zum Nachhören finden Sie hier.

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