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Opernfestspiele München

24. Juni bis 31. Juli 2018

Nikolaus Bachler zu "Oper für alle" Viel Platz für Parsifal

"Das Interesse an Kunst im Allgemeinen und der Oper im Besonderen nimmt zu, denn der Mensch braucht die Alternative zum Chaos der modernen Welt" – sagt Staatsintendant Nikolaus Bachler. Viel Platz für einen Meilenstein der Musiktheater-Geschichte bietet am Sonntag "Oper für alle" am Münchner Max-Joseph-Platz. Auf großer Leinwand gibt's dort die aktuelle Parsifal-Produktion der Münchner Staatsoper.

Staatsintendant der Bayerischen Staatsoper | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Bildquelle: picture-alliance/dpa

Interview mit Nikolaus Bachler zu "Oper für Alle"

"Man sucht immer das, was einem fehlt"

BR-KLASSIK: "Parsifal" ist eigentlich ein Stück, was lange gar nicht aus dem Bayreuther Festspielhaus heraus durfte: eine quasi sakrosankte Angelegenheit, ein "Bühnenweihfestspiel". Fürchten Sie nicht, dass Sie dafür irgendwann in der Wagner-Hölle schmoren müssen?

Nikolaus Bachler: Nein, das fürchte ich nicht. Natürlich – wenn es nach Wagner gegangen wäre, hätte es den "Parsifal" nur in Bayreuth gegeben. Aber die ganze Welt hat sich diese Oper inzwischen erobert. Es gibt fast kein großes Opernhaus, wo man Ostern ohne den "Parsifal" erlebt – in unserem Fall ist es der Sommer. Es ist sozusagen eines der zentralen Stücke nicht nur dieses Komponisten, sondern der gesamten Opernliteratur, und ich finde es schön, dass es bei uns zur Aufführung kommt; wir hatten ja auch schon die "Walküre". Es gibt im Freien eine bestimmte Form von Konzentration und fast mythische Atmosphäre, der sich die Menschen hingeben. Deshalb glaube ich, dass das für manche ein sehr schönes Erlebnis sein kann.

Die lebendige Auseinandersetzung ist wichtig.
Nikolaus Bachler

BR-KLASSIK: Die "Parsifal"-Premiere ist gerade erst ein paar Tage her; sie war die Eröffnung der Opernfestspiele in diesem Jahr. Die Kritik hat zwiegespalten reagiert, was die Regie und das Bühnenbild von Georg Baselitz angeht. Was jedoch die Künstler betrifft – Kirill Petrenko am Pult und die ganze Sängerriege mit Jonas Kaufmann, René Pape, Christian Gerhaher und Nina Stemme – war es ein einziger Jubel. Ist jetzt diese "Veröffentlichung" im Rahmen von "Oper für alle" auch eine gute Chance, dass sich viele Leute ihre eigenen Vorstellungen von dieser Produktion machen können?

"Parsifal" bei den Opernfestspielen München | Bildquelle: © Ruth Walz "Parsifal" bei den Opernfestspielen München | Bildquelle: © Ruth Walz Nikolaus Bachler: Das ist immer unser Ziel. Und zu den spannenden Dingen in meinem Beruf zählen ja die unterschiedlichen Bewertungen. Damit arbeiten wir ja auch. Die lebendige Auseinandersetzung ist wichtig. Wenn man sich zurückerinnert, wie Chagall und Picasso Bühnenbilder geschaffen haben – das hat man, glaube ich, sogar noch wesentlich mehr angegriffen. Übrig bleiben wird wahrscheinlich in 30 Jahren, dass man sagt: Ach, da hat der Baselitz seinen "Parsifal" gemacht. Aber grundsätzlich ist ja der Ansatz von "Oper für alle" – und darum ist das ja so ein wunderbares Format – dass man sagt, Menschen in ganz anderen Lebensumständen und mit ganz anderen Haltungen zur klassischen Musik kommen mit Musiktheater in Berührung. Und dann soll man nicht im Sinne der Unterhaltung, sondern im Sinne der Kunst denken. Das funktioniert auch.

Kultur als Alternative zur digitalisierten Welt

BR-KLASSIK: Sie haben in der neuen Ausgabe des Magazins "Max Joseph" gesagt: "Wir sind keine Schule, keine Erziehungsanstalt. Wir geben den Menschen etwas; alles andere müssen sie selbst machen." Leben wir eigentlich im Moment – auch angesichts dieser extremen dieser politischen Hysterie, die sich da gerade abspielt – in einer Zeit, in der genügend Menschen noch Lust haben, aus Impulsen, die man ihnen gibt, Schlüsse zu ziehen? Oder auch Hintergründe zu erörtern und zu verstehen?

Nikolaus Bachler: Offenbar tun sie das, denn nur so kann man sich erklären, warum das Interesse gerade für Oper und für Bildende Kunst eher zu- als abnimmt. Ich glaube, das ist eine Alternative, die da geboten wird – zum Alltag, zur digitalisierten Welt und, und, und... Ich würde mit Brecht sagen: "Wo die Not am größten, ist die Rettung am nächsten". Das heißt: Ich glaube, dass das Gemeinschaftserlebnis, das Theater nun einmal bieten kann, eher in seinem Stellenwert zunehmen wird, weil man immer die Alternative sucht. Man sucht auch in den betonierten Städten die Natur. Man sucht immer das, was einem fehlt, und der Mensch bemerkt das Defizit natürlich.

Sendung: "Allegro" am Dienstag, 3. Juli 2018 ab 6:30 Uhr auf BR-KLASSIK

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