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Salzburger Festspiele

1. bis 31. August 2020

Kritik - Salzburger Festspiele Mozarts "Così fan tutte"

Regie aus der Mottenkiste - dafür aber Mozart-Gesang in Reinkultur, getragen von einem Ensemble-Geist, für den Salzburgs Mozart-Pflege traditionell steht: So erlebte unser Kritiker Fridemann Leipold Salzburgs neue "Così".

Szene aus "Così fan tutte" | Bildquelle: Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Bildquelle: Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Premierenkritik

"Così fan tutte" bei den Salzburger Festspielen

Don Alfonso triumphiert. Der Drahtzieher des bösen Spiels hat die Wette gewonnen. Michael Volle ist stimmlich in der Form seines Lebens, ein grandioser Darsteller ist er sowieso. In der aktuellen Salzburger "Così fan tutte“"gibt Volle aber keineswegs den zynischen Spielleiter, sondern ein zutiefst menschliches Schlitzohr. Spontan erliegen die beiden jungen Männer dem Charme des Älteren und lassen sich auf dieses seltsame Liebes-Experiment ein. Mauro Peter verkörpert den Ferrando mit glutvollem Tenor und Alessio Arduini den Guglielmo mit kraftvollem Bariton. Beide Sänger sind gerade mal 29, ihre Stimmen harmonieren prächtig.

Tiefer Griff in die Mottenkiste

Martina Janková ist eine handfeste Despina, die ihre Partie mal nicht als stimmliche Karikatur einer ältlichen Kammerzofe anlegt, sondern als kokette Frohnatur. Leider wird sie - wie auch alle anderen - von Regisseur Sven-Eric Bechtolf in die altbackene Komödien-Klischee-Ecke gedrängt. Seine Neueinstudierung hat Bechtolf in die Entstehungszeit der Oper verlegt, das spärliche Mobiliar auf der weiten Bühne der Felsenreitschule selbst entworfen - die meisten Szenen spielen vor einem gemalten Rundhorizont mit dem Golf von Neapel. Dazu hat Mark Bouman die Figuren in historische Rokoko-Kostüme gesteckt. Bei Bechtolf dürfen die falschen Türken noch richtige Türken sein - mit Turbanen, aufgeklebten Bärten und Pluderhosen. Er hangelt sich am Libretto entlang und greift tief in die Mottenkiste der konventionellen Opernregie.

Dabei hatte seine Inszenierung spannend begonnen: In einem Forschungslabor der Mozart-Zeit mit anatomischen Zeichnungen. Darauf hätte man bauen können. So aber vermittelt Bechtolfs Inszenierung wenig von den existenziellen Nöten der haltlos Liebenden. Dass dies trotzdem spürbar wird, liegt an den starken Sängerpersönlichkeiten. Angela Brower, an der Bayerischen Staatsoper groß geworden, gibt als Dorabella ein fabelhaftes Salzburg-Debüt. Und Julia Kleiter gestaltet Fiordiligis Verzweiflung mit glockenhellem Sopran, blitzsauberer Intonation und innigem Ausdruck - eine brillante Leistung.

Handverlesenes Sänger-Sextett

Typengerecht und homogen besetzt, kann sich dieses handverlesene Salzburger Sänger-Sextett wahrlich hören lassen. Mozart-Gesang in Reinkultur ist da zu erleben, getragen von einem Ensemble-Geist, für den Salzburgs Mozart-Pflege traditionell steht. Auf Händen getragen werden die Sänger vom famosen Dirigenten Ottavio Dantone, der aus dem Mozarteumorchester Salzburg einen virtuos aufspielenden und flexibel agierenden Klangkörper macht. Die Rezitative lässt er von einem Hammerklavier begleiten. Historisch informiert ist Dantones Ansatz - markant, frisch, fließend, immer mit den Sängern atmend. Und von einer Präzision im Detail, dass man nur staunen kann. So machen es nicht alle: Dantone hat mit dieser "Così"-Produktion ein Modell für Salzburg geliefert, wie adäquate Mozart-Interpretation dort künftig funktionieren könnte.

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