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Buchtipp – "Christian Thielemann: Dirigieren" Dem Dirigenten auf die Hände geschaut

Dirigieren ist eine Kunst – rhythmisches Taktstock-Heben allein reicht nicht, um ein Orchester zu führen. Viel wichtiger sind Augen und Hände der Dirigentinnen und Dirigenten. Wie vielfältig die Gesten sind, zeigt nun ein neuer Bildband. Das Motiv auf mehr als dreihundert Seiten: Christian Thielemann.

Disziplinierter Preuße, Karajan-Schüler oder Wagner-Versteher: Mit solchen Beinamen wird Christian Thielemann regelmäßig dekoriert. Für den Bildband "Christian Thielemann. Dirigieren | Conducting" spielen all diese Eigenschaften aber nur eine untergeordnete Rolle. Auf über dreihundert Seiten sieht man fast ausschließlich Thielemann bei der Kernarbeit eines Dirigenten: beim Proben. Dokumentiert werden die Vorbereitungen zum Silvesterkonzert in Dresden, zum Tristan in Bayreuth, zu Mozarts Requiem in Salzburg und zu Verdis Requiem an der Semperoper.  

Nicht nur Heldenverehrung

Damit spiegelt das Buch Thielemanns aktuelle Positionen wieder: Er ist Chef der Sächsischen Staatskapelle Dresden, künstlerischer Leiter der Osterfestspiele Salzburg und Musikdirektor der Bayreuther Festspiele. Vor wenigen Wochen ist er sechzig Jahre alt geworden – für manchen wohl ein passendes Alter, um mit der Verehrung zu beginnen. Das Buch macht Thielemann allerdings nicht vollständig zum Helden, allein schon, weil er hier nicht als vollendeter Maestro in Frack und Fliege auftritt. Stattdessen sieht man ihn in seinen typischen Polohemden in Himmelblau, Knallpink oder Zartrosa mit weißen Streifen; am rechten Handgelenk baumelt ein goldenes Kettchen – das sind die Konstanten des Buches. Doch die treten schnell in den Hintergrund, denn der Ausdruck der Augen und Hände Thielemanns, die eindringliche Zeichen an die Musiker geben, beherrscht die Bilder.

Thielemann kommt auch zu Wort

Obwohl sich manche dieser Gesten im Laufe des Bandes wiederholen – die Vielfalt der Ausdrücke ist interessant, auch weil Thielemann sie selbst mit oft lakonischen Kommentaren deutet ("Zögernd. Zuhörend. Nicht sicher, ob die Stelle so gelingt."). Alle Texte gibt es sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch. Das gilt auch für das umfangreiche Interview mit Deutsche-Grammophon-Präsident Clemens Trautmann, in dem Thielemann darüber spricht, wie er Dirigieren versteht. Von "Klangintensitätsregie" ist da unter anderem die Rede.

Ich möchte mich einfach hinsetzen und sagen, ohne viele Worte: Jetzt spielt ihr einfach Götterdämmerung. Haltet das Maul und spielt die Götterdämmerung und guckt hin, und ich gucke.
Christian Thielemann

Fotos aus dem Graben von Bayreuth

Clemens Trautmann war es auch, der das Buch nach einer Idee der 2012 verstorbenen österreichischen Unternehmerin Rudolfine Steindling konzipierte. Zu diesem Konzept gehört, dass die Bilder der einzelnen Proben jeweils chronologisch angeordnet sind – eine gute Idee. So werden irgendwann die ersten Schweißperlen auf Thielemanns Stirn sichtbar, und auch die zerzausten Haare machen deutlich: Hier wird gearbeitet.

Die Fotos stammen vom österreichischen Fotografen Lois Lammerhuber. Für den Bildband durfte er als erster Fotograf während einer Aufführung im Bayreuther Orchestergraben fotografieren – wenn auch '"nur" in der Generalprobe. Diese Nähe zahlt sich aus: Die Bayreuther Bilder zeigen Thielemann angestrengt, ekstatisch, verschwitzt. Im Liebesduett des Tristan scheint er mit entrücktem Gesicht in der Musik aufzugehen. Die Werke Wagners – und die Hitze des Orchestergrabens – gehen Thielemann besonders nahe. Schade ist dabei nur, dass im Dunkel des Bayreuther Grabens die Aufnahmequalität deutlich gelitten hat und so manches Bild sehr verwaschen und verrauscht ist.

Keine visuelle Schule des Dirigierens

Der Nähe, die Lammerhuber herstellen kann, tut das keinen Abbruch, sie ist das Besondere dieser Bilder. Auch wenn sie nicht immer perfekt sind, die Gefühle des Moments vermitteln sie – wie bei den Fotos, die auf einem Sport-Event gemacht wurden. Dabei wird Thielemann keinesfalls immer vorteilhaft gezeigt, manche Grimasse sieht sogar unfreiwillig komisch aus.

Eine "visuelle Schule des Dirigierens", die Clemens Trautmann in seinem Buch sieht, ist der Bildband nicht. Dafür fehlt ihm die Vielfalt, die Bilder anderer Dirigenten beigetragen hätten. Für Thielemann-Fans ist das Buch aber wohl ein Muss – wenn sie den Preis von 99 Euro nicht lieber für ein Konzert ihres Lieblingsdirigenten ausgeben möchten.

Infos zum Buch

Christian Thielemann/Clemens Trautmann/Lois Lammerhuber:
"Christian Thielemann. Dirigieren I Conducting"
318 Seiten, Hardcover, Leinen gebunden
258 Fotos
Edition Lammerhuber, Baden
Preis: 99 Euro

Sendung: "Leporello" am 17. April 2019 ab 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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