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Cameron Carpenter "Die Goldberg-Variationen sind ein Kuriositätenkabinett"

Himmlisch oder mathematisch? Johann Sebastian Bachs "Goldberg-Variationen" sind so rätselhaft wie eingängig. Organist Cameron Carpenter hat sie in Nürnberg live gespielt. Was ihm dabei wichtig ist und wie sie auf der Orgel funktionieren.

Cameron Carpenter | Bildquelle: Dovile Sermokas

Bildquelle: Dovile Sermokas

BR-KLASSIK: Cameron Carpenter, wie war Ihr Eindruck, als Sie zum ersten Mal an der Orgel von St. Sebald in Nürnberg saßen, zum ersten Mal dieses Instrument gespielt und seinen Klang gehört haben?

Cameron Carpenter: Nun, es ist eine neobarocke deutsche Orgel, ich denke aus den 1970er-Jahren, sehr typisch für jene Zeit – viele hohe Register, nicht viele Bässe. Es ist keine romantische Orgel, aber ein schönes Instrument. Eigentlich genau so, wie ich es mir vorgestellt habe.

BR-KLASSIK: Sie haben sich vor einem Jahr die Disposition der Orgel und Fotos von der genauen Anordnung der Register vom Musikfest ION schicken lassen und sich die Registraturen auf dieser Basis in einem Dossier genau zurechtgelegt. Sie sind mit einer minutiösen Vorstellung angereist. Die Register und Pedale, die Sie nicht benötigen, haben Sie abgeklebt, die, die Sie verwenden mit eigenen Beschriftungen überklebt. Ist diese Orgel also jetzt fast schon so etwas wie "ein alter Freund" für Sie?

Cameron Carpenter: Das würde ich nun nicht gerade sagen, aber ich weiß genau, was ich auf diesem Instrument machen kann und was nicht.

Die "Goldberg-Variationen": Einfach und gleichzeitig hochkomplex

BR-KLASSIK: Sie spielen in Nürnberg ein reines Bach-Programm, mit den "Goldberg-Variationen" zum Abschluss und zwar in einer eigenen Bearbeitung für Orgel. Welche Idee steht dahinter?

Cameron Carpenter: Die "Goldberg-Variationen" sind natürlich ein sehr bekanntes Werk. Sie haben einen großen Namen, wurden unzählige Male von berühmten Interpreten aufgenommen. Sie sind ein Publikumsmagnet, und sie können im Rahmen eines Bach-Recitals gut als Pfeiler fungieren: Man kann ihnen in einem ersten Teil kontrastierende Stücke voranstellen und sie dann in einem zweiten Teil ihre ganz eigene Wirkung entfalten lassen.

Die Goldberg-Variationen sind das größte Variationsset, das jemals für Tasteninstrumente komponiert wurde.
Cameron Carpenter

BR-KLASSIK: Was bedeuten Ihnen persönlich Bachs "Goldberg-Variationen"?

Cameron Carpenter: Unter dem strukturellen Aspekt sind sie wohl das größte Variationsset, das jemals für Tasteninstrumente komponiert wurde. Sie gehören sicherlich zu den führenden Variationszyklen überhaupt und waren dabei auch eine Inspiration für viele spätere Komponisten wie Brahms und andere, die selbst Variationen komponierten. Zugleich sind die "Goldberg-Variationen" auch eine Art Kuriositätenkabinett, indem sie nicht nur künstlerisch und emotional motiviert, sondern auch mathematisch disponiert sind. Die Positionierung der einzelnen Sätze und die darin jeweils angewendeten Spiel- und Satztechniken sind in einer Art und Weise gehandhabt, die eigentlich jenseits des Reichs der Musik liegt. Das Werk ist also von einer großen Komplexität und Tiefgründigkeit, hat aber paradoxerweise zugleich eine Qualität, die auch ohne Kenntnis aller Kunstgriffe und Konstruktionsmethoden erfasst und goutiert werden kann.

BR-KLASSIK: Welcher Art sind die Herausforderungen, die die "Goldberg-Variationen" an die Interpretinnen und Interpreten stellen?

Cameron Carpenter: Sie sind ein Prüfstein für Tastenspieler. Sie sind auch ein Werk, das vom Standpunkt der Spielenden zweierlei bewerkstelligt: Zum einen ermöglicht es die Erfüllung der Erwartung des 21. Jahrhunderts, dass jeder Konzertpianist und -Organist ein Hyper-Virtuose zu sein hat, zum anderen reduziert es den Spieler nicht auf diese ehrenhafte Rolle. Sind doch die Anforderungen dieses Werks nicht nur technisch-virtuoser und physischer, sondern auch intellektueller Art. Die "Goldberg-Variationen" bestehen aus 32 Einzelstücken, die jeweils auf einem Thema basieren, das wiederum aus 32 symmetrisch gegliederten Takten besteht. Die "32" ist hier eine Art "Computery Number". Auf eine Art ist das wahrhaft magisch.

G-Dur – eine lächelnde Tonart

BR-KLASSIK: Ist das der Himmel? Ist das himmlisch?

Cameron Carpenter: Ich weiß nicht, ob das himmlisch ist – die "Goldberg-Variationen" sind zunächst einfach ein Musikstück. Vielleicht beschreibt es irgendetwas Himmlisches, und ich könnte mir vorstellen, dass es zu einem gewissen Grad zu den Vorstellungen passt, die Bach vom Himmel hatte. Das Stück ist insofern von einer speziellen Simplizität, als es fast durchgehend in G-Dur steht – für mich eine sehr "lächelnde" Tonart. Aber eigentlich erscheint es ja absonderlich, eine Dreiviertelstunde immer nur zu lächeln. Das ist völlig unnatürlich und verschroben, ein bisschen wie das alte Klischee vom Himmel als einem Ort der Vollkommenheit, mit Engeln, die auf Wolken schweben, und all solchen Dingen – ein Platz der totalen Langeweile. Ich mache mir eigentlich keine Gedanken darüber und lasse das nicht an mich heran. Dabei gerät nämlich die Musik leicht aus dem Fokus.

Cameron Carpenter spielt Bachs "Goldberg-Variationen"

Das Konzert bei der ION Nürnberg hier zum Nachhören bei BR-KLASSIK.

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