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Dirigentin Erina Yashima "Ich kommuniziere als Mensch"

In dieser Saison gab Erina Yashima ihr Debüt beim BRSO mit Werken der 1920er-Jahre – für die Dirigentin eine musikalisch besonders spannende Zeit. Mit BR-KLASSIK hat sie eigens eine Videoreihe über diese Epoche gedreht.

Die Dirigentin Erina Yashima | Bildquelle: Todd Rosenberg

Bildquelle: Todd Rosenberg

BR-KLASSIK: Sie sind erste Kapellmeisterin an der Komischen Oper in Berlin und haben vor kurzem in der Elbphilharmonie mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester Ihr Debüt gegeben – vom Hamburger Abendblatt wurden Sie daraufhin als "neuer Stern am Dirigentenhimmel" begrüßt. Dann gehen wir doch mal dieses sperrige Thema frontal an. Beziehungsweise ist es denn überhaupt noch eines – wenn man über die geringe Zahl von Frauen am Dirigentenpult in der Klassik spricht? Es gibt ja Kolleginnen, die sagen: Müssen wir darüber reden? Ich will eigentlich nur als Künstlerin wahrgenommen werden und darüber gar nicht gern sprechen.

Erina Yashima: Ich bin da relativ unentschieden. Aber ich habe auch nichts dagegen, wenn man die Frage eben erst gar nicht aufwirft. Denn letztendlich steht man ja als Mensch, als Ganzes vorm Publikum und vorm Orchester – und kommuniziert als Mensch und nicht als zwei X-Chromosomen oder so. Das kann man ja gar nicht isoliert betrachten. Aber es werden immer mehr Frauen am Pult, und es ist auch, denke ich, eine Frage der Generation. Als Dirigent braucht man ja noch ein bisschen Zeit, um zu wachsen. Viele Kollegen sagen, das ist ein Beruf für die zweite Hälfte des Lebens und man muss viel Erfahrung sammeln: Lebenserfahrung – und natürlich hat Glaubwürdigkeit und Autorität etwas mit der Erfahrung zu tun. Und da spielt das Alter vielleicht auch eine Rolle.

Vorm Orchester und Publikum kommuniziere ich als Mensch und nicht als zwei X-Chromosomen.
Dirigentin Erina Yashima

BR-KLASSIK: Vielleicht wird das Ganze auch etwas mystifiziert? Manchmal fragt man sich jedenfalls, ob daraus nicht auch Kult gemacht wird.

Erina Yashima: Ja, es gibt eben auch viele junge Dirigenten oder viele Legenden, zum Beispiel Riccardo Muti war ja schon Ende 20 Chefdirigent.

Anfänge an der Musikhochschule Hannover

BR-KLASSIK: Oder die Ikone Furtwängler, der ganz jung zu den Berliner Philharmonikern gekommen ist und gleich Bruckners Neunte gemacht hat. Sie waren gerade mal 14 Jahre alt, als Sie den ersten Dirigierunterricht bekommen haben. Das lässt darauf schließen, dass es Ihr Traumberuf ist – und war?

Die Dirigentin Erina Yashima | Bildquelle: picture-alliance/dpa Dirigentin Erina Yashima | Bildquelle: picture-alliance/dpa Erina Yashima: Es war gar nicht so, dass ich unbedingt Dirigierunterricht haben wollte. Ich bin ja in Hannover aufgewachsen und war dort als Frühstudentin im Hauptfach Klavier an der Musikhochschule. Auch Joana Mallwitz und Igor Levit waren damals in meinem Jahrgang am Institut zur Frühförderung musikalisch Hochbegabter. Und da gab es als eine Art Nebenfach elementare Dirigierlehre, wo uns die Idee des Dirigentenberufs nähergebracht werden sollte. Und das war der Moment, wo es bei mir Klick gemacht hat, wo ich gemerkt habe: Dirigieren ist für mich die natürlichste, direkteste Art, Musik zu kommunizieren.

"Sounds of Babylon" in der ARD Mediathek

Sehen Sie hier bei ARD-Klassik in der ARD Mediathek die Videos mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und Erina Yashima:

BR-KLASSIK: Obwohl Dirigenten und Dirigentinnen ja keinerlei Töne produzieren, das machen andere für einen.

Erina Yashima: Ja, aber eben dieses Ausdrücken oder dieses Sich-Mitteilen kam mir sehr natürlich vor.

BR-KLASSIK: Als Dirigent ist man Musiker, ohne selber Töne zu machen. Man muss ja nicht nur die Partitur oder den Komponisten verstehen, sondern gleichzeitig auch die Musikerinnen und Musiker. Denn nur so kann man sie motivieren. Was sind die Schritte, um das zu lernen?

Erina Yashima: Es ist ein bisschen wie mit den Fahrstunden beim Autofahren. Also muss man erstmal eine gewisse Anzahl an Stunden und Überlandfahrten und Nachtfahrten gemacht haben, um zur Prüfung zugelassen zu werden. Aber das heißt natürlich noch nicht, dass man fertig ist. Das ist man sowieso nie …

Beim Dirigieren ist es ein bisschen wie mit den Fahrstunden beim Autofahren.
Dirigentin Erina Yashima

BR-KLASSIK: Erarbeiten Sie sich Partituren am Klavier oder können Sie einfach so drin lesen, wenn Sie sich ein neues Stück vornehmen?

Erina Yashima: Es kommt ein bisschen auf den Stil an. Also, wenn das Stück sehr vielschichtig und mit sehr erweiterter Harmonik ist, wie bei Neuer Musik, dann ist natürlich ein Klavier total hilfreich, um das abzubilden. Aber Mozart beispielsweise kann man auch ganz gut aus der Partitur lesen.

Riccardo Muti als Mentor

BR-KLASSIK: Sie haben ja sehr viel von Riccardo Muti gelernt, er war Ihr Mentor, oder?

Erina Yashima: Ich habe Riccardo Muti bei seinen Meisterkursen in Ravenna kennengelernt. Drei Wochen lang haben wir da an Verdis "Falstaff" gesessen, das war ein absolut prägendes Erlebnis. Er hat wirklich jedes Wort auseinandergenommen, Doppeldeutigkeiten erklärt und erläutert, wie das mit der Musik und mit der Partitur korrespondiert. Absolut faszinierend und sehr inspirierend. Und später durfte ich ihm dann auch noch beim Chicago Symphony Orchestra assistieren, wo ich die Stelle als Apprentice Conductor gewonnen hatte.

Der wilde Sound der 20er

Wissenswertes rund um die Musik der 1920er Jahre, Edutainment-Videos zu Schlüsselwerken und Musik der Epoche finden Sie hier im BR-KLASSIK-Dossier.

BR-KLASSIK: Wie kriegt man denn Autorität bei einem Orchester? Wahrscheinlich nicht, indem man super fordernd und streng ist? Oder muss man das auch manchmal sein? Wie ein Lehrer vor der Klasse?

Erina Yashima: Was ist fordernd und streng? Das kann auch eine gute Sache sein, solange es natürlich nicht ins Missbräuchliche umschlägt und auf herabwürdigende und beleidigende Art und Weise rübergebracht wird. Aber ich glaube, jeder Musiker wird unterschreiben, dass Fordern gut ist. Wenn man eine Idee von einem Stück hat und daran glaubt und das vermittelt, dann kommt der Respekt durch diese Zusammenarbeit ganz natürlich.

Debüt beim BRSO mit Musik der 20er-Jahre

BR-KLASSIK: Sie hatten in dieser Saison Ihr Debüt beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, und zwar mit einem ganz spannenden Projekt über Musik der 20er-Jahre. Außerdem haben Sie auch eine Videoreihe produziert, in der Sie Musik erklären: Musik, die aus den wilden 20er-Jahren kommt, zum Beispiel von Arthur Honegger, Darius Milhaud, George Gershwin oder auch Strawinsky und Bartók. Was fasziniert Sie an den 20er-Jahren?

Die Dirigentin Erina Yashima | Bildquelle: Todd Rosenberg Dirigentin Erina Yashima | Bildquelle: Todd Rosenberg Erina Yashima: Das ist schon eine einmalige Zeit gewesen, natürlich auch mit sehr viel Unsicherheit verbunden, aber auch sehr viel Raum für Kreativität. Und das spiegelt sich jetzt in den Werken ja sehr stark wider, wie unterschiedlich die Stile in der Zeit waren. Noch Ende des 19. Jahrhunderts war es längst nicht so unterschiedlich und bunt wie in den 20er-Jahren. Und in dieser Videoreihe für BR-KLASSIK geht um das Jahr 1923, und zwar aus dem Grund, weil das Radio damals den Sendebetrieb aufgenommen hat. Und das haben wir als Anlass genommen, diese Reihe zu produzieren. Das ist ein ganz spannendes Format, wo der Entstehungshintergrund beleuchtet wird, aber auch einzelne musikalische Details genau versinnbildlicht werden. Mit ganz vielen Bildern und Videomaterialien zur Veranschaulichung. Also eine richtige Zeitreise.

BR-KLASSIK: Ein Werk aus dieser Zeit ist die Ballettmusik "La Création du monde" des französischen Komponisten Darius Milhaud. Es ist ja eines der ersten, wo der Jazz so richtig aufgegriffen wird. Was ist das für eine Geschichte, die da erzählt wird?

Erina Yashima: Milhaud muss ein sehr neugieriger Mensch gewesen sein. Heutzutage ist es ja selbstverständlich, dass man zu jeder Zeit jede Musik auf der ganzen Welt hören kann. Und sich einfach mal bewusst zu machen, dass das 1923 nicht der Fall war … Klar gab es die Anfänge des Radios oder vereinzelt das Grammophon, aber keine "Fahrstuhlmusik". Heutzutage wird man ja überall mit Musik beschallt, dass man froh ist, wenn man einfach mal Ruhe hat und nur Vogelzwitschern im Wald hört. Aber das war ja damals nicht so. Und vor allen Dingen hat man als Europäer den Jazz wirklich nur ganz vereinzelt als kleine Probehäppchen wahrgenommen. Da musste man erst einmal über den Atlantik und nach Amerika, um wirklich zu erfahren, was Jazz ist. Und Darius Milhaud ist dann auch wirklich in die Bars in Harlem gegangen, wo der originale Ur-Jazz gespielt wurde. Und da gibt es wirklich tolle Ausschnitte aus der Zeit, wo man diese Stimmung dieser Jazz-Bars wirklich spürt.

Sendung: "Meine Musik" mit Erina Yashima, 27. Mai 2023 11:05 Uhr

Sendung: "Klassik-Stars" am 1. Juni 2023 ab 18:05 Uhr

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