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Kritik - Bayerisches Staatsballett Vom Drogentod zurück ins Leben

Drogentod und die Zukunft als Höhlenmenschen: Der dreiteilige Ballettabend, mit dem das Bayerische Staatsballett die Ballettfestwoche 2024 eröffnet, beginnt düster. Doch Sharon Eyal holt am Ende das Leben zurück auf die Bühne. Publikum und Compagnie feiern das gleichermaßen.

Szene aus "Chasm", Bayerisches Staatsballett 2024. | Bildquelle: Wilfried Hösl

Bildquelle: Wilfried Hösl

Ein Paar, ein Pulver, dazu viel Schmerz, Sprachlosigkeit, Halluzinationen und Hilflosigkeit bringt der spanische Choreograph Nacho Duatos auf die karge dunkle Bühne. Der Held in diesem Ballett "White Darkness" ist von der Decke rieselnder Schnee, eine Droge mit halluzinogener Wirkung. Sie ist Katalysator und Katastrophe in einem. So peitscht der Konsum die Tänzerinnen und Tänzer auf, stachelt sie an, lässt sie entrückt, selig in Richtung Bühnendecke schweben.

Rausch und Zerstörung zeigt "White Darkness"

Die Droge ist es aber auch, die aus den Menschen Kreaturen macht, die in einem paralysierten Roboterreigen wanken, die nur noch zackige, kantige, maschinelle Bewegungen ausführen können. Es wird so brillant getanzt vom Staatsballett bei der Eröffnungspremiere der Ballettfestwoche 2024, als wäre einem Küchenmixer die Sicherung durchgebrannt. Auch die Solistin Madison Young löst sich durch die zerstörerische Wirkung der Drogen immer mehr auf, verliert im Pas de deux mit Jakob Feyferlik den Boden unter den Füßen, bis sie schließlich im weißen Pulverregen zerfällt.

Der Choregraf verarbeitet den Drogentod der Schwester

Madison Young in "White Darkness", Bayerisches Staatsballett 2024 | Bildquelle: Nicolas MacKay Madison Young in "White Darkness" | Bildquelle: Nicolas MacKay "White Darkness" berührt und ist abstoßend zugleich, ist sowas wie der Film "Trainspotting" hoch zehn, zu berauschender Musik von Karl Jenkins. "Requiem auf einen Drogentod" hat der Choreograf das Ballett genannt. Dass er damit den Tod seiner Schwester verarbeitet, gibt dem Ballett, das eigentlich eher auf Märchen abonniert ist, eine traurig reale Ebene.

Düstere Zukunftsvision von Andrew Skeels

Wer garantiert einem eigentlich, dass unsere Zukunft so blitzsauber und schnittig-futuristisch aussieht, wie das Cockpit im Raumschiff Enterprise? Der Choreograf Andrew Skeels aus Kanada hat da jedenfalls eine ganz andere Vision. Er beamt uns in seinem Science-Fiction-Ballett "Chasm", zu Deutsch "Riss" oder auch "Abgrund", 1000 Jahre in die Zukunft. Dabei entwirft er aber ein Back-to-the-Roots-Szenario: In einer düsteren Höhle winden sich 20 Tänzerinnen und Tänzer in graubraunen Ganzkörperanzügen. Es tröpfelt und rauscht. Vielleicht haben sie sich nach einer Klimakatastrophe dorthin zurückziehen müssen? Klar ist es nicht, aber viele Assoziationen sind möglich. Auf jeden Fall haben sie schon länger kein Tageslicht mehr gesehen. Ihre Anatomie hat sich bereits den Gegebenheiten angepasst: Die Haltung gebückt wie die der Neandertaler, die Wirbelsäule zu einem Kamm verdickt. Und doch bewegen sie sich so geschmeidig wie Lurche, die fast schon die Eleganz von Feen haben.

Wie ein Urvölker-Ritual 

Szene aus "Chasm", Bayerisches Staatsballett 2024. | Bildquelle: S. Gherciu Szene aus "Chasm". | Bildquelle: S. Gherciu Diese Gruppe entwickelt fortwährend neue "La-Ola-Formationen", mal auf dem Boden sitzend und mit den Armen rudernd, mal den ganzen Oberkörper windend. In ihrer äußerlichen Verkümmerung scheinen sich alle nach innerlicher Verbundenheit zu sehnen: Immer wieder wird einer aus der geschlechtslosen Gruppe umschmeichelt, buchstäblich auf Händen getragen, als würden alle dieser einen Person huldigen und dafür ein Urvölker-Ritual praktizieren. Verstärkt wird das durch den Klangteppich aus Vokalisen und elektronischen Sounds von Antoine Seychal.

Exquisites No-Future-Ballett

Am Ende jedoch erweist sich alle Mühe der kraftstrotzenden Compagnie umsonst in diesem Tarkowski-2.0-Szenario: Licht dringt durch einen Spalt in die Höhle und die schwammigen menschlichen Wesen sinken tot zusammen. Ein exquisites "No Future"-Ballett, nicht nur für Barney Geröllheimer und Klingonen. Und eigens fürs Bayerische Staatsballett kreiert.

"Duato/Skeels/Eyal" am Bayerischen Staatsballett

Am 9.5.2024 zeigt das Bayerische Staatsballett "Duato/Skeels/Eyal" einem jungen Publikum.

Durchs Leben schreiten mit Sharon Eyal

Das Finale des Abends gehört der israelischen Choreografin Sharon Eyal. Wir schreiten durchs Leben – das ist Eyals Leitmotiv für das Ballett "Autodance". Den philosophischen Satz nimmt sie beim Wort und so wird geschritten, nahezu ohne Zwischenstopp und zu ohrenbetäubenden Technobeats. 14 Tänzerinnen und Tänzer sind mal gemeinsam, mal in kleinen Gruppen oder solo auf der Bühne. Ihre zartrosafarbenen Trikots und die weißen Kniestrümpfe geben viel Haut und ordentliche Muskelpakte preis.

Abtanzen im Club trifft Bauerntanz

Tief und ausladend sind diese eitlen Schreitschritte, der Oberkörper schraubt dabei mit Wucht gegen die Beinbewegung, die Arme schaukeln stramm und zuverlässig wie Uhrpendel. Nur die Hände bleiben so weich, als würden sich die Tänzer in einem barocken Menuett begrüßen. Was auf den ersten Blick wie eine Gockelparade auf dem Catwalk anmutet, ist vollgesteckt mit überzeichneten Anspielungen auf komplett unterschiedliche Tanzstile: Abtanzen im Club, Gardetanz, Trippelschritte im klassischen Tanz, Pas de deux, Bauerntanz, ja sogar die berühmten Schwanenseearme flattern auf. Der Wumms der Beats entwickelt dabei eine solche Sogwirkung, dass man verschmilzt mit den starken Bildern, die Sharon Eyal modelliert. Und sich, vielleicht nicht in den akrobatischen Passagen, aber in so manchem Kopf- oder Achselzucken, auch in der Getriebenheit des Schreitens durchaus wiedererkennt. Ein Spiegel zur Entschleunigung!

Riesige Freude an stilistischer Vielfalt

Kurz und knapp zusammengefasst: Mit dem neuen Triple-Bill erweitert das Bayerische Staatsballett seine stilistische Vielfalt und hat offenkundig riesige Freude dabei. Das Publikum pfeift, johlt, tost und feiert die Compagnie dafür ausgiebig.

Sendung: "Piazza" am 13. April 2024 ab 8:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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