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Kritik - "Pelléas und Mélisande" in Nürnberg Im Urschlamm der Triebe

In Claude Debussys symbolistischem Meisterwerk von 1902 werden alle Beteiligten irre an der Wahrheitssuche und machen sich das Leben darüber gegenseitig zur Hölle. Jens-Daniel Herzog inszeniert das so packend wie bildstark, dank hervorragender Sängerschauspieler.

Szenenbild: "Pelléas und Mélisande" am Staatstheater Nürnberg, Juni 2024 | Bildquelle: © Staatstheater Nürnberg/ Bettina Stöß

Bildquelle: © Staatstheater Nürnberg/ Bettina Stöß

Da können wir den Mond noch so lange anstarren, wir werden niemals seine Rückseite zu Gesicht bekommen, auch wenn dort neuerdings chinesische Raumsonden landen. Und auch die Rückseite unseres Schicksals bleibt uns ein Leben lang verborgen, egal, wieviel technischen Aufwand wir betreiben. Niemals werden wir wissen, was all die Menschen denken, die mit uns reden, ob ihre Liebesschwüre echt, ihr Lächeln aufrichtig, ihre Berührungen selbstlos sind. Mit dieser Ungewissheit klarkommen zu müssen, kann einen in den Wahnsinn treiben, wie Claude Debussy in seinem Musikdrama "Pelléas und Mélisande" eindrucksvoll vorführt - so eindrucksvoll, dass selbst das Publikum niemals erfahren wird, was hinter den Schiebetüren und Gittern eigentlich geschieht.

Wie zeigt man versteckte Gefühle?

Klar, es geht um Eifersucht, aber gibt es Grund dafür? In dieser königlichen Familie wahren alle Beteiligten das Gesicht und beherrschen nicht nur ihre Untertanen, sondern in erster Linie sich selbst. Unglaublich schwer, diesen Symbolismus zu spielen: Wie zeigt man einen Wutanfall nach innen? Wie deutet man Liebe an, ohne sie zu verraten? Wie bleibt man sich und anderen ein ewiges Rätsel und lässt doch Emotionen lodern? Dazu braucht es herausragende Sängerdarsteller, und Regisseur Jens-Daniel Herzog kann sie am Staatstheater Nürnberg aufbieten. Aufwühlend, diese Psychoanalyse und faszinierend das Bühnenbild von Ausstatter Mathis Neithardt, der Symbole schuf, wohin das Auge fällt: Was bedeuten die steilen Treppen? Der vor sich hin dampfende Urschlamm am Boden? Die Quelle, der man nicht auf den Grund blicken kann? Das stinkende Brackwasser im Keller? Die langen, blonden Haare der feenhaften Mélisande? Das Meer, das frische Luft heranführt, aber auch stürmt? Das Schwert, das von Anfang an bedrohlich an der Wand hängt?

Klar, total freudianisch das Alles, schließlich war Sigmund Freud um 1900 schwer in Mode. Es geht um unterdrückte, verdrängte, unzugängliche Bewusstseinsebenen, um unsere inneren Abgründe, um Triebstau und verkorkste Erziehung, aber dafür muss man erst mal solch plausiblen Bilder finden, die über gut drei Stunden die Spannung aufrechterhalten. Eine in jeder Hinsicht starke Debussy-Interpretation, wobei die stetig flirrende und raunende Musik, die nie konkret werden will und ähnlich vieldeutig vor sich hin wabert wie der Urschlamm nicht jedermanns Geschmack zu sein scheint: Nach der Pause blieben zahlreiche Sitze leer.

Dirigent Björn Huestege entfaltet viel Klangmagie

Dabei gelingt Dirigent Björn Huestege ein geradezu magisches, dunkel-schimmerndes Klangbild, ohne dabei effekthascherisch oder krampfhaft bedeutungsschwer zu wirken. Anders als bei Richard Wagner lassen bei Debussy auch die Noten nicht die Wahrheit erahnen, verweigern auch sie den Blick auf die Rückseite des Schicksals, nach dem wir doch so sehr gieren. Selten zu erleben, so überzeugende Solisten, allen voran Sangmin Lee als eifersüchtiger Golaud, der partout nicht herausbekommt, ob er hintergangen wird. Ihm bleibt nur noch Verzweiflung wie Shakespeares Othello - eine Verzweiflung, über die er zum Mörder wird.

Beklemmend intensive Rollenporträts gelingen auch Chloë Morgan als Mélisande und Samuel Hasselhorn als Pelléas: Schwer versehrte Herzen in einer unpoetischen Welt, die für solche Fälle Beruhigungsmittel verabreicht, an denen alle zugrunde gehen. Oper so psychologisch gekonnt ausgedeutet wie ein sehr gut interpretiertes Ibsen-Stück. Und im Nürnberger Jugendstilbau von 1905 ist der Symbolismus Debussys von 1902 sowieso hervorragend aufgehoben, auch wenn von der originalen Bausubstanz nicht mehr viel erhalten ist.

Sendung: "Allegro" am 10. Juni ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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