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Produzent Manfred Eicher wird 80 Das feine Ohr fürs Nachhaltige

Er produzierte unter anderem das meistverkaufte Klavier-Solo-Album aller bisherigen Zeiten: "The Köln Concert" von Pianist Keith Jarrett. Und das als ein Labelchef, der besonders die leisen und die ganz langsamen Töne schätzt. Manfred Eicher ist Gründer des Münchner Erfolgslabels ECM. Diese Woche erhielt er den Bayerischen Staatspreis für Musik - eine von vielen bedeutenden Auszeichnungen. Am 9. Juli wird der 1943 in Lindau geborene Musiker und Produzent 80 Jahre alt.

Manfred Eicher | Bildquelle: Richard Schroeder

Bildquelle: Richard Schroeder

Aufnahmen aus dem Studio – etwa in der Filmdokumentation "Sounds and silence" – zeigen ihn als jemanden, der sich beim Zuhören völlig in die Musik versenkt: Plötzlich ist dieser Mann mit der langen grauen Mähne wie weggebeamt in eine andere Welt, völlig absorbiert von der Musik, die er innerlich mitzuspielen scheint. Zugleich jemand, der eingreift, wie Video-Szenen aus Studiosessions mit dem großen polnischen Trompeter Tomasz Stanko zeigen: Da springt der Produzent plötzlich auf, zeigt den Musikern hinter der Glasscheibe an, dass sie stoppen sollen und erklärt ihnen, was es am Klang noch zu schärfen gebe. Dem Bandleader etwa sagt er, er spiele vielleicht an manchen Stellen immer noch "ein wenig zu laut". Das Leise und der sich fast ins Nichts auflösende Klang voll innerer Intensität sind große Themen bei ihm; sein Label ECM wirbt mit dem Slogan  "The most beautiful sound next to silence". Der Münchner Produzent Manfred Eicher hat eine ganz eigene Klang-Ästhetik geschaffen und mir ihr Musiker auf der ganzen Welt beeinflusst.

VIELE PREISE UND EINE SPEKTAKULÄRE ABLEHNUNG

Manfred Eicher bei der Arbeit in Lugano | Bildquelle: Manfred Eicher/ ECM Manfred Eicher im Studio | Bildquelle: Manfred Eicher/ ECM Seit 1969 ist Manfred Eicher Chef und Produzent des damals gegründeten Münchner Labels ECM. Der Name steht für "Edition of Contemporary Music" (Edition zeitgenössischer Musik), und die drei Buchstaben der Abkürzung, E, C, M, spricht der Kopf des Labels selbst eben nicht in mondänem Englisch aus, sondern einfach wie Buchstaben aus dem deutschen Alphabet. Das klingt bei ihm authentischer – und ganz offenbar ist Eicher ein Zeitgenosse mit Ecken und Kanten, in der Arbeit im Studio wie im Gespräch mit Journalisten. Nun wird Eicher, geboren am 9. Juli 1943 in Lindau am Bodensee, 80 Jahre alt. Wenige Tage vor seinem Geburtstag erhielt der Produzent im Cuvilliéstheater in München den Bayerischen Staatspreis für Musik: eine von vielen Ehrungen, die er in seiner bisher fünfeinhalb Jahrzehnte währenden Arbeit als Labelchef und Produzent erhielt. 1608 Veröffentlichungen hat ECM – Stand Juli 2023 – nach eigener Zählung herausgebracht. Bereits 1998 erhielt er den begehrten Musikpreis der Landeshauptstadt München, 2005 dann deren Kulturellen Ehrenpreis, der an Persönlichkeiten "von internationaler Ausstrahlung" vergeben wird. Seit 2018 ist Eicher auch Ehrenmitglied der Royal Academy of Music in London. Diverse Grammys und viele Grammy-Nominierungen sammelte er über die Jahrzehnte (drei gewonnen, 16 Nominierungen) als "Producer of the Year". Den ECHO-Jazzpreis – den die Deutsche Schallplatten-Industrie bis 2018 vergab – lehnte er im Jahr 2011 spektakulär ab: Die Verleihung dieses Preises konterkariere die Wahrnehmung seiner Tätigkeit als Musikproduzent. Eicher gehört zu den definitiv nicht stromlinienförmigen Vertretern der Musikwelt.

KONTRABASSIST IN EINER BAND MIT JAZZWOCHEN-GRÜNDER JOE VIERA

Eicher studierte Musik an der Hochschule der Künste Berlin, spielte Kontrabass bei den Berliner Philharmonikern. Vor seiner Karriere als Produzent war er auch als Jazzmusiker tätig. Er spielte etwa in einem Free-Jazz-Trio des Münchner Saxophonisten und Pädagogen Joe Viera, des Gründers der Internationalen Jazzwoche Burghausen. Des Weiteren etwa in einer Gruppe des amerikanischen Saxophonisten Marion Brown, einer Band, von der auch Filmaufnahmen existieren, die Eicher als Bassisten von enormer Energie zeigen, der sich mit elektrisierender Konzentration ins musikalische Geschehen einbrachte.

"I HAVE A DREAM": DIE ERSTE PRODUKTION "FREE AT LAST"

Doch Eicher Eicher stellte nach eigener Aussage fest, dass er nie das Niveau berühmter Jazbassisten wie Charlie Haden, Scott LaFaro oder Steve Swallow erreichen würde. Er bewunderte Aufnahmen, wie sie etwa der Produzent Orrin Keepnews mit dem Trio des Pianisten Bill Evans gemacht hatte – und es reizte ihn, selbst Musik als Produzent zu gestalten. Und so gründete er 1969 auf Anregung des Unternehmers Karl Egger, der ihm Geld und Räume zur Verfügung stellte, und mit Hilfe des Jazzversand-Betreibers Manfred Scheffner das Label ECM. Die erste Produktion war das Album "Free At Last" mit dem amerikanischen Pianisten Mal Waldron, der damals in München lebte; benannt war es nach den letzten Worten aus Martin Luther Kings großer Rede "I have a dream".

EIN FRÜHER BRIEF AN DEN RISING STAR KEITH JARRETT

Jazzpianist Keith Jarrett | Bildquelle: ECM Records/ Rose Anne Colavito Pianist Keith Jarrett | Bildquelle: ECM Records/ Rose Anne Colavito Zum größten Exponenten des Labels wurde der Pianist Keith Jarrett, der zu jener Zeit noch nicht der gefeierte Solo-Star war, aber in der Band des Saxophonisten Charles Lloyd bereits viel internationale Aufmerksamkeit geweckt hatte. Manfred Eicher schickte damals an Jarrett einfach einen Brief, begleitet von noch unveröffentlichten Aufnahmen mit dem norwegischen Saxophonisten Jan Garbarek, in dem er Jarrett erläuterte, wie er die Musik des Pianisten am liebsten aufnehmen würde – und schlug ihm auch gleich verschiedene Projekte vor. Jarrett biss an und am 10. November 1971 entstanden in Oslo die Aufnahmen für die LP "Facing you", die dann 1972 erschien. Eine Erfolgsgeschichte, mit dem legendären Köln Concert von 1975, das bis heute meistverkauftes Klavier-Soloalbum. Nach vielen weiteren bemerksenwerten Einspielungen erschien soeben eine Klassik-Aufnahme Jarretts: Stücke von Carl Philipp Emanuel Bach – in einer Einspielung von 1994, denn Jarrett kann seit zwei Schlaganfällen seit Jahren nur noch mit einer Hand spielen.

PÄRT, KURTÀG, SCHIFF; SILVESTROV

Anfangs hatte sich Eichers Label auf amerikanischen und europäischen Avantgarde-Jazz konzentriert. Aber es erweiterte sein Programm bald um Aufnahmen aus der klassischen Musik. Bedeutende Aufnahmen etwa der Musik des estnischen Komponisten Arvo Pärt zählen zum Katalog von ECM, die Gesamtaufnahme der 32 Klaviersonaten Beethovens durch András Schiff, auch Kammer- und Orchestermusik des österreichischen Komponisten Thomas Larcher – und vieles andere mehr. Seit 1984 setzt Manfred Eicher in der damals zusätzlich auf den Weg gebrachten "New Series" in der Welt der klassischen und der zeitgenössischen komponierten Musik eigene Akzente. Und bietet ein Forum nicht zuletzt auch Musikern wie dem georgischen Komponisten Giya Kancheli, dem Ukrainer Valentin Silvestrov – der Eicher seine "Stille Musik für Streichorchester" widmete – und dem Ungarn György Kurtág. 

HERAUSRAGENDE JAZZALBEN BIS IN DIE JÜNGSTE ZEIT

Im Jazz gehören und gehörten etwa die Trompeter Enrico Rava und Tomasz Stanko, die Saxophonisten Dewey Redman, Charles Lloyd  und Mark Turner, die Komponistin Carla Bley, die Vokalistin Norma Winstone, die Gitarristen Bill Frisell und Pat Metheny, Gruppen wie das Art Ensemble of Chicago und viele andere mehr zu den Künstlern des Labels. Und bisher hat der Output an besonders starken und reizvollen Aufnahmen nicht nachgelassen. Immer wieder finden sich unter den aktuellen ECM-Veröffentlichungen Produktionen, an denen etwa die preisgekrönte Sendung "Hören wir Gutes und reden darüber" von BR-KLASSIK nicht vorbeikommt – etwa die sensationelle Trio-CD "Vermillion" um Pianist Kit Downes oder das Duo "The Song is You" des italienischen Trompeters Enrico Rava mit dem amerikanischen Pianisten Fred Hersch.

Ein Produzent sollte ein guter Zuhörer sein.“ (Manfred Eicher)

Ralph Towner, Jack DeJohnette, Jan Garbarek, Manfred Eicher, Rainbow Studio | Bildquelle: ECM Records / Roberto Masotti Manfred Eicher bei der Arbeit im Tonstudio | Bildquelle: ECM Records / Roberto Masotti Manfred Eicher sagte in einem Interview mit BR-KLASSIK: "Ein Produzent sollte ein guter Zuhörer sein. Ich möchte, das was ich als Musiker gelernt habe, nutzen für das Arbeiten mit Musikern, das Arbeiten an einer Musik." Er sieht sich als Mitgestalter der Musik – und viele berühmte Musiker, etwa Pianist Keith Jarrett und der Gitarrist Ralph Towner, beides herausragende amerikanische Musiker des Jazz – und nicht nur des Jazz -, mit denen Eicher seit langem zusammenarbeitet, schätzen ihn als jemanden, der ihre Musik besonders gut zur Geltung bringt. Ralph Towner sagte unlängst gegenüber BR-KLASSIK: "Eine der großen Gaben, die Manfred Eicher hat, ist zu spüren, ob ein Musiker wirklich sich selbst spielt, und er kann hören, ob jemand wirklich natürlich klingt in dem, was er spielt." Und Pianist Keith Jarrett, der zu den spektakulärsten Figuren aus der Riege weltberühmter Musiker gehört, mit denen Manfred Eicher gearbeitet hat, sagte in einem ausführlichen BR-KLASSIK-Interview über die gemeinsamen Anfänge mit Eicher: "Für mich war er der perfekte Produzent. Er konnte sehr gut hören, konnte sagen, wenn Dinge gut waren. In diesem Sinne ist er der beste Freund, den ich habe."

DAS FESTHALTEN EINER "LUFTKUNST"

Die Musik ganz allgemein findet weniger Freunde, die sie besser zum Leuchten bringen als dieser Münchner Produzent. Eine "Luftkunst" nennt Eicher die Musik, ein flüchtiges Wesen – das er mit den Aufnahmen seines Labels mit besonders viel Gespür für ihr jeweils Besonderes einfängt und für eine weltweite Hörerschaft festhält. Ein so feines Ohr fürs Nachhaltige haben nur wenige, gerade in der allzu oft nur Moden hinterher hechelnden Musikindustrie.

Sendung: "Piazza" am 8. Juli 2023 ab 8:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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