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Schulanfang in Bayern Ausbildung von Musiklehrerinnen reformieren

Aufregung, Freude, Skepsis. Lehrkraftmangel. Am ersten Schultag in Bayern freuen sich die meisten der 130.00 Jugendlichen und Kinder auf den Tag, doch für viele heißt es dieses Jahr: Kein Musikunterricht im Stundenplan.

Kinder schauen auf Noten und singen | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Bildquelle: picture-alliance/dpa

In den oberen Klassen am Gymnasium beispielsweise haben Schülerinnen und Schüler entweder Kunst oder Musik. Aber auch aus der Grundschule hört man immer wieder, dass Musik ausfällt. Eva Riedel vom Bundesverband Musikunterricht Landesverband Bayern ist Schulmusikerin an einem musischen Gymnasium in Würzburg und bildet junge Musiklehrerinnen und -lehrer aus.

BR-KLASSIK: Wie stellt sich denn die aktuelle Situation dar?

Eva Riedel: Mir wurde vor kurzem von Ministeriumsseite erst zugesichert, dass Musik kein Mangelfach am Gymnasium ist. Da ich selbst an der Musikhochschule auch Musiklehrer:innen ausbilde, sehe ich schon hier viele Studentinnen auch im Einsatz, im Musikunterricht am Gymnasium. Aber das weitaus größere Problem ist der Musikunterricht an anderen Schularten und besonders an der Grundschule. Und es hat ja weitreichende Folgen, weil das ja auch in die Stimmschulung mit reingeht. Und gerade an den Grundschulen ist es besonders extrem und verschlimmert sich eigentlich.

BR-KLASSIK: Warum ausgerechnet an den Grundschulen? Also, wenn ich mich zurückerinnere an meine Grundschulzeit, da hat die Klassenlehrerin den Unterricht übernommen und mit uns gesungen. Warum geht das nicht?

Eva Riedel: Das Problem ist zweischneidig. Also zum einen, wenn die Grundschullehrkräfte andere Fächer haben, werden sie im Moment in denen noch viel dringender gebraucht, weil wir ja einen generellen großen Lehrkräftemangel an der Schule haben. Also das ist die eine Seite. Und die andere ist natürlich schon auch die Ausbildung. Also ich bin hier in Würzburg an der Musikhochschule und man kann dort prinzipiell schon auch das Lehramt an Grundschulen für das Fach Musik studieren. Doch: Die Eingangsvoraussetzungen sind extrem hoch gesetzt, das ist eine Farce! Es ist eine sehr schwere Aufnahmeprüfung, die dann natürlich ganz viele zukünftige, bestimmt begabte Kolleg:innen davon abhält, das zu versuchen. Denn sie müssen ja für das Grundschullehramt noch weitere Fächer studieren, die sie dann an der Universität belegen müssen. Und das führt zu einer starken Doppelbelastung. Das muss man sich dann schon dreimal überlegen, ob man das machen möchte, oder eben nicht.

Vierstimmiges Hören als Aufnahmeprüfung für Grundschullehrerinnen

BR-KLASSIK: Gibt es keine Option, dass man diese Hürde etwas niedriger legt?

Eva Riedel: Na ja, Sie kennen ja die Freiheit der Lehre. Grundsätzlich müssten sich Hochschulen und Universitäten das eben überlegen. Dann es ist die Frage, ob die Kompetenzen, die man für das Berufsfeld braucht, in dieser Eignungsprüfung wirklich abgefragt werden. Die Prüfung ist oft sehr stark musiktheoretisch ausgelegt, da müssen Stücke vierstimmig gehört und notiert werden, da muss man vom Blatt sehr komplizierte Melodien singen. Das kann man in einem gewissen Rahmen auch erlernen, aber muss man das als eine Eingangsvoraussetzung haben, um hinterher erfolgreichen Musikunterricht in einer Grundschule durchzuführen?

BR-KLASSIK: Wenn man das dann weiterdenkt, bedeutet das, dass Kinder, deren Eltern nicht in musikalische Ausbildung neben der Schule investieren können - das denen die ersten vier Jahre Musikunterricht und auch musikalische Ausbildung komplett verwehrt ist. Und dann ab der fünften Klasse Gymnasium kommt gleich die „Moldau“…

Wir könnten Generationen für Musik verlieren

Eva Riedel: Und genau das ist Problem: Da werden Kinder ja gezielt auch von der Kultur ausgeschlossen, weil wir unseren Bildungsauftrag nicht nachkommen, vor allem, weil man ja weiß, dass sich auch das Fenster der Wahrnehmung schließt: Je älter die Kinder werden, umso weniger empfänglich sind sie für neue Reize für neue Ideen. Das heißt alles, was wir im Grundschulalter nicht lernen können, wird am Gymnasium eigentlich kaum aufzuholen sein. Und es liegt dann quasi wieder am Elternhaus oder an auch dem der Bildung des Elternhauses. Und das ist eigentlich, also meiner Meinung nach, fatal, weil wir da Generationen verlieren.

BR-KLASSIK: Also, wenn ich es richtig verstanden habe, ist das Problem die Ausbildung. Wie ist es denn, wenn ich jetzt, sagen wir mal, Germanistik studiert habe oder mich auf Grundschullehramt fokussiert habe? Ich komme in eine Grundschule. Und darf ich denn dann mit denen singen, auch wenn ich keine Musikausbildung habe?

Reform der Ausbildung ist überfällig

Eva Riedel: Natürlich dürfen Sie, und es machen ja auch ganz viele. Und man muss sagen, das bayerische Ministerium versucht jetzt auch nachzuqualifizieren. Es gibt sogenannte Basiskompetenzen im Fach Musik, die dann noch in Zusatzkursen quasi erworben werden können. Sie dürfen natürlich grundsätzlich alles. Und natürlich sind wir dankbar für jeden Kollegen, der irgendwie in seinem Unterricht singt. Aber ja, grundsätzlich wäre es schon toll, wenn Sie das als Fach studiert hätten.

BR-KLASSIK: Wenn man das jetzt mal noch mal zusammenfasst und festhält. Der Musikunterricht an den Gymnasien ist für das kommende Schuljahr mehr oder weniger gesichert, wohingegen der Musikunterricht in den Grundschulen eben aufgrund einer erforderlichen Ausbildung dafür zum Teil wegfällt. Kann man das so zusammenfassen?

Eva Riedel: Das kann man so schon zusammenfassen. Wobei es natürlich einfach ein generelles Lehrermangel-Problem ist. Also Ausbildung ist wichtig und dass diese Ausbildung an die Realität angepasst wird.

Sendung: "Leproello" am 12. September ab 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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