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Digital vernetzte Orgel in Würzburg Revolution oder technische Spielerei?

Auf der Orgel spielen, ohne davor zu sitzen: Das geht in Würzburg. Eine digital vernetzte Orgel steht dort in der Musikhochschule. Die Zukunft für Kirche, Konzert und Lehre? Oder eher ein teures Spielzeug für Orgelnerds?

Klais-Orgel in Würzburg | Bildquelle: Orgelbau Klais

Bildquelle: Orgelbau Klais

Zur Zeit arbeitet die Bonner Orgelbaufirma Klais im Großen Saal der Würzburger Musikhochschule an der finalen Intonation einer ganz besonderen Orgel. Das Instrument ist nicht nur sehr registerreich und besitzt eine durchdachte Disposition, sondern weist auch diverse Neuerungen auf, die bislang deutschlandweit einmalig sind. Unter anderem: Man muss irgendwann nicht mal mehr vor Ort sein, um diese Orgel zu spielen — denn sie wird digital vernetzt.

Klais-Konzertorgel in der Würzburger Musikhochschule bald spielbereit

Seit 2016 baut Klais an dieser neuen Konzertsaalorgel. Ihr Vorgänger war eine Steinmeier-Orgel von 1966, allerdings ein rein elektrisches Instrument. "Das war natürlich sehr unbefriedigend", meint Christoph Bossert, Professor für Orgel in Würzburg und Leiter des Bereichs Kirchenmusik. Die zweite und letzte Bauphase der neuen Klais-Orgel wird gerade abgeschlossen. Künftig eröffnet sie den 15 bis 20 Studierenden aus dem Orgelbereich opulente Möglichkeiten: Über hundert Register von 32 bis 8/15 Fuß, vier Manuale, diverse Koppeln, alles elektronisch vernetzt.

Manche Features hat jede Orgel, manche gibt es nur bei sehr besonderen Instrumenten — und ein paar sind sogar gänzlich einzigartig, so Andreas Saage, Intonateur bei der Orgelbaufirma Klais: "Es ist eines der wenigen Instrumente in Europa, das über eine Proportionaltraktur verfügt. Im Inneren arbeitet ein Magnet, der genau vollzieht, was der Organist an der Taste macht. Wir haben also hier eine relativ hohe Kontrolle über einen Impuls, was ein Organist normalerweise bei einer mechanischen Verbindung mit einer Taste tun kann."

Instrumentenwissen: Die Orgel

Als Königin der Instrumente thront die Orgel als Ehrfurcht gebietende Riesin in der Kirche gern hinten, hoch auf der Empore. Trotz ihrer Ausmaße hat sie oft etwas Himmlisch-Ätherisches – wenn sich ihre silbern glänzenden Pfeifen wie Engelsschwingen auffächern. BR-KLASSIK stellt Ihnen die Orgel in der Serie "Instrumentenwissen" vor.

Digitale Vernetzung fürs Orgelspiel aus der Ferne

Die revolutionärste Neuerung ist die digitale Schnittstelle. Sie soll es künftig gestatten, dass der Organist oder die Organistin zum Konzert nicht mehr anreisen muss, sondern aus der Ferne spielen kann. So könnte man sich auch spontan mit Organist:innen in Kanada und Holland zur Improvisation verabreden, ganz neue Kompositions- und Konzertformate anbieten — und die Meisterklasse auch dann stattfinden lassen, wenn die Bahn mal wieder streikt. Oder wenn Teilnehmer:innen aus der Ferne kein Geld für den Flug nach Deutschland haben.

Klais-Orgel in Würzburg | Bildquelle: Orgelbau Klais Die revolutionärste Neuerung der Klais-Orgel in der Würzburger Musikhochschule ist die digitale Schnittstelle. | Bildquelle: Orgelbau Klais Bloß: Früher baute man Orgeln für Jahrhunderte. Kann man diese hier dagegen in 30 Jahren noch updaten, die Schnittstellen noch nutzen? Hannes Ritschel, der als Professor für Orgelkunst, Kreativitätskonzepte und Künstliche Intelligenz an der Hochschule wirkt, außerdem Organist und promovierter Informatiker ist, beruhigt: "Wir haben da nicht die Komplexität, die in einem Betriebssystem steckt. Bei solchen MikroControllern kann es gut sein, dass es in 30 Jahren nicht mehr genau die Hardware gibt, die im Moment verbaut ist. Aber dafür wird es irgendeine andere Lösung geben."

Wie der Schutz gegen Hacking funktionieren soll

Beim Schutz gegen Hacking hilft, dass die Schnittstelle ins Netz außerhalb des Instruments sitzt. Der entsprechende Rechner lässt sich ab und an austauschen — und das System entsprechend abschotten. Bislang gibt es nur eine Handvoll anderer Orgeln weltweit mit solchen Schnittstellen. Sicher würden die auch nicht so bald zum Standard, meint Ritschel, da sich nur die wenigsten bestehenden Orgeln dahingehend umbauen ließen. Aber Orgelprofessor Christoph Bossert macht Hoffnung, dass man in absehbarer Zukunft in Würzburg nicht mehr allein spielen muss: "Wir haben im Blick, dass wir etwa bis 2025 in Hamburg, in Passau und in Würzburg zum Beipiel drei Orgeln konkret schalten können, die dann diese Technik haben. Da ist dann sehr viel denkbar und mit Sicherheit wird es sehr lebendig und sehr spannend sein!"

Sendung: "Leporello" am 8. Februar 2024 ab 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (2)

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Samstag, 10.Februar, 10:13 Uhr

Trappe

Fehlende Interaktion

Demnächst auch über Handytastatur aus dem Auto bedienbar? Eine technische Spielerei, mehr auch nicht. Mit Musik und Musizieren hat dies doch nichts mehr zu tun. Ein Element ist doch, dass es in Konzerten zur Interaktion zwischen Musiker und Publikum gibt.

Freitag, 09.Februar, 09:41 Uhr

Hubert Koop

Zuhörer

Sehr interessanter Bericht.Muss der Zuhörer im jeweiligen Raum live dabei sein,oder kann man das Konzert auch über ein Medium "fern" hören?

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