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Roger Norrington zum 85. Geburtstag Den Schalk im Nacken - aber ohne Vibrato

Roger Norrington hat in Cambridge studiert – einglische Literatur und Geschichte, daneben Geige und Gesang. Später kam noch Dirigieren bei Altmeister Adrian Boult hinzu. Der erste Schritt in Richtung Alte Musik erfolgte mit einem Chor.

Sir Roger Norrington | Bildquelle: picture alliance

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Mit Heinrich Schütz hat alles angefangen bei Roger Norrington. Nach diesem Komponisten benannte er seinen Chor und ging in den 1960er-Jahren auf Entdeckungstour: "Es gab damals keine Tradition, Schütz und Monteverdi zu singen. Nach zehnjähriger Beschäftigung damit haben wir dann über Bach und Händel nachgedacht: Wie sollte man deren Musik spielen? Wahrscheinlich nicht wie Klemperer und seine Kollegen – es muss einen anderen Weg geben. In dieser Situation hatte ich Harnoncourt mit Bach auf Schallplatte gehört. Und es hat sofort gezündet: So muss es sein!"

Entschlackungskur mit den London Classical Players

1978 dann ein Paukenschlag: Norrington gründet seine London Classical Players, feuert seine Musiker auf historischen Instrumenten an und mischt die Klassik-Welt mit seinem rasanten Beethoven-Zyklus auf. Später unterzieht Norrington auch die Romantiker einer Entschlackungskur: ein Aha-Erlebnis! Seine drastisch aufgerauten Berlioz-Aufnahmen setzen bis heute Maßstäbe.

Es ist auch eine ästhetische Frage – und ich liebe diesen Klang! Ich kann ohne diesen Klang nicht leben.
Roger Norrington

Vibrato ist unhistorisch! An diesem Credo Norringtons scheiden sich die Geister. Aber Norrington setzt auf Transparenz, möglichst viele Details sollen aus der Musik herauszuhören sein: "Man hört von Dirigenten immer: mehr Klang, mehr Klang! Diesen Klang möchte ich nicht hören, sondern Klangrede, Geste, Gespräch – und das geht viel leichter ohne Vibrato."

"Tristan"-Vorspiel im Walzer-Tempo

RADIO-SINFONIEORCHESTER STUTTGART des SWR unter Leitung des Dirigenten Sir Roger Norrington | Bildquelle: © SWR/H.Hoffmann Bildquelle: © SWR/H.Hoffmann Bis zu Bruckner und Wagner hat sich Norrington mit den London Classical Players vorgewagt. Was immer wieder polarisierte – etwa wenn er das "Tristan"-Vorspiel im beschwingten Walzer-Tempo dirigierte. Das ab 1998 beim Radio-Sinfonieorchester Stuttgart erprobte Klangbild wurde zu Norringtons Markenzeichen: der "Stuttgart Sound". Dort hat er vorgeführt, wie man Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis auf moderne Orchester übertragen kann – heute fast schon Standard.

Seriöser Musikforscher und launiger Entertainer

Sir Roger ist beides: seriöser Musikforscher und launiger Entertainer. Nicht nur auf dem Podium sitzt ihm der Schalk im Nacken – sein britischer Humor wappnet ihn gegen Dogmatismus. Seine Aktivität ist ungebrochen. Und die Begeisterung des Publikums hat ihm recht gegeben.

Sendung: "Meine Musik" am 16. März 2019 ab 11.05 Uhr auf BR-KLASSIK

Roger Norrington im Radio

Norrington erklärt Beethoven

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