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Astrophysikerin Sibylle Anderl So klingt das Weltall

Bei der "Space Night" des Münchner Rundfunkorchesters am 21. Juni treffen Bilder aus dem Weltall auf großteils klassische Musik. Unter den Gästen des Events ist auch die Astrophysikerin Sibylle Anderl. Im Interview spricht sie über kosmische Klänge und darüber, was man über Schwingungen von Planeten weiß.

Collage der Planeten Uranus und Jupiter vor dem Sternenhimmel | Bildquelle: NASA, colourbox.com

Bildquelle: NASA, colourbox.com

BR-KLASSIK: Sibylle Anderl, was kann man im Weltall eigentlich hören?

Sibylle Anderl: Im Weltall hört man erstmal nicht besonders viel mit unseren menschlichen Ohren. Denn die Dichten sind meistens einfach viel zu gering im Vergleich zu dem, was wir hier in der Erdatmosphäre um uns herum haben. Wir brauchen ja irgendwie ein Medium, das den Schall überträgt. Und da sind wir Menschen einfach auf die Erde optimiert.

BR-KLASSIK: Das heißt, im Weltall ist es total still? Oder gäbe es Möglichkeiten, doch etwas hörbar zu machen?

Sibylle Anderl: Im Wesentlichen ist es im Universum tatsächlich still. Aber das Universum schwingt trotzdem an vielen Stellen auf vielen verschiedenen Skalen, und das kann man dann wiederum in das hörbare Spektrum verschieben. Dazu muss man allerdings einen technischen Trick anwenden. Das macht die NASA auch an vielen Stellen. Dann kann man sich kosmische Ereignisse und Phänomene auch anhören.

Gravitationswellen hörbar gemacht

BR-KLASSIK: Und wie klingen die dann?

Astrophysikerin Sibylle Anderl | Bildquelle: Katrin Binner Die Astrophysikerin Sibylle Anderl kennt sich mit Klängen im Weltall aus. | Bildquelle: Katrin Binner Sibylle Anderl: Manchmal sind es einfach so dumpfe Laute – oder auch mal so ein Plopp-Geräusch. Viele haben das vielleicht schon mal gehört. Vor ein paar Jahren wurden die Gravitationswellen das erste Mal auf der Erde detektiert. Das sind Schwingungen der Raumzeit, die für uns Menschen im Prinzip gar nicht vorstellbar sind. Die haben so ein "Biep" gemacht, das wir Menschen hören können. Insofern gibt es da ganz viele verschiedene Ton-Phänomene. Und es schwingt ja tatsächlich ganz viel im Kosmos. Und die Menschen hatten das auch schon immer so als Vorstellung, dass es eine enge Verbindung zwischen Kosmos, Universum und Musik geben muss.

Kosmos Musik – Wie klingt das Weltall?

In einer Folge unseres Wissenspodcasts "Kosmos Musik" mit Suzanna Randall spricht die Astrophysikerin Sibylle Anderl ausführlich über die klanglichen Phänomene im Weltall. Die Folge finden Sie in der ARD Audiothek.

Was wussten Pythagoras, Aristoteles und Co?

BR-KLASSIK: In der Antike beschäftigten sich ja Philosophen wie Platon und Aristoteles und auch der Mathematiker Pythagoras mit Sphärenharmonien und klingenden Himmelskörpern. Gibt es wirklich Übereinstimmungen zwischen den Systemen unserer Musik und den Gesetzen des Kosmos?

Sibylle Anderl: Absolut. Das ist kein Zufall, dass die Musik und der Kosmos immer so eng zusammen gedacht wurden. Denn Töne beruhigen ja letztendlich auf Zahlenverhältnissen. Wenn man eine Saite zum Schwingen bringt, dann teilt man sie in zwei verschieden große Teile. Wenn man beispielweise Geige spielt, wird das sehr anschaulich nachvollziehbar. Und Zahlenverhältnisse sind natürlich auch etwas, was man überall im Kosmos findet – ob es jetzt um die Verhältnisse der Bahndurchmesser der Planeten geht oder um Umlaufzeiten. Insofern ist es etwas, was sich taktisch anbietet, diese Verhältnisse mit Tönen in Verbindung zu bringen. Das ist auch das, was bei den antiken Griechen schon praktiziert wurde. Und das können wir ja auch kulturell immer wieder sehr stark nachverfolgen.

Grundtöne von Planeten

BR-KLASSIK: Das heißt, wenn ich eine Klangschale kaufe, die auf den Grundton des Planeten Venus gestimmt ist, dann ist das kein Humbug?

Sibylle Anderl: Nein, das hat dann tatsächlich eine naturwissenschaftliche Grundlage. Das ist ja das Interessante, dass das dann wiederum so weit in die Menschheitsgeschichte zurückreicht, dass unsere Vorfahren das schon sehr früh gesehen haben und insofern auf sphärische Klänge gekommen sind – und auf die Idee, dass der Kosmos ganz eng mit Harmonien verbunden sein könnte.

Welche Musik passt zum Weltall?

BR-KLASSIK: Sie sind zu Gast bei der "Space Night" des Münchner Rundfunkorchesters und werden dort auch ein bisschen musikalisch abheben. Welche Musik passt denn zu dem, was sie erst kürzlich beim Blick in den Nachthimmel entdeckt haben?

Sibylle Anderl: Wahrscheinlich ist das letztendlich doch eine Frage des persönlichen Geschmacks. Die "Space Night" bringt jetzt schon seit 30 Jahren kosmische Bilder auf die Erde und ins All – zusammen mit Musik. Das war ja damals die Idee, dass man nachts wirklich Bilder aus dem Kosmos sendet und die mit Musik unterlegt. Und da wurden schon verschiedene Musikrichtungen ausprobiert. Es hat sich herausgestellt, dass ruhige, elektronische Musik für viele Menschen sehr, sehr gut zu diesen Bildern zu passen scheint. Diese Bilder, die haben ja etwas Meditatives und versetzen ein wohl schon häufig in eine philosophische Grundstimmung. Wenn das dann mit entsprechend sphärischer, elektronischer Musik untermalt wird, funktioniert das sehr gut. Aber natürlich passt Klassik auch unglaublich gut. Es gibt ja auch in der Musikgeschichte sehr viele Werke, die explizit in Hinblick auf den Kosmos komponiert wurden. Oder auch Jazz passt gut mit den verschiedenen Motiven und Variationen.

BR-KLASSIK: Und zu welcher Musik würden Sie ganz persönlich ins Weltall fliegen?

Sibylle Anderl: Ich glaube, man ist schon sehr geprägt durch die musikalische Untermalung der verschiedenen Science-Fiction-Filme und -Serien. Und zwar wir alle. Wenn man zum Beispiel die Musik von "Star Wars" hört, bekommt man sofort eine kosmische Gänsehaut. Es gibt einfach so viel Musik, die ich sehr passend finde für kosmische gedankliche Reisen. Da kann ich mich, glaube ich, gar nicht richtig festlegen.

Space Night in Concert

21. Juni 2024 um 19 Uhr
München, Circus Krone

Münchner Rundfunkorchester
Leitung: Patrick Hahn
Moderation: Andreas Bönte
Gäste: u.a. Sibylle Anderl

mit Werken von u.a. Gustav Holst, Edward Elgar, Felix Mendelssohn Bartholdy und John Williams

BR-KLASSIK überträgt das Konzert am Freitag im Videolivestream. Im Radio läuft der Konzertmitschnitt am 7. Juli um 19.05 Uhr in der Festspielzeit.

Sendung: "Leporello" am 19. Juni 2024 ab 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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Sonntag, 23.Juni, 14:19 Uhr

Titus

Sphärenmusik?

Bei einer studierten Astrophysikererin sollte man aber schon ein Verständnis erwarten, dass die Pythagoräische These von einer Sphärenmusik ganz andere Implikationen hat, als sie uns weismachen will.

Es ist wahr, dass sich alle natürlichlichen Phänomene mathematisch beschreiben lassen. So auch die Tonerzeugung und die harmonischen Verhältnisse in der Musik, ebenso wie die Bewegungen der Himmelskörper.

Doch ist es eben nicht so, dass die mathematischen Verhältnisse in beiden Welten irgendeine verblüffende Übereinstimmung hätten oder man bei der Repeztion von Radiowellen aus dem Weltall so etwas wie Musik hören würde.

Deshalb muss die Frage der Journalistin verneint werden, während die angebliche Wissenschaftlerin sie bejaht hat. Es gibt keine Sphärenmusik oder - vorsichtiger formuliert - bisher konnten wir keine entdecken.

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