BR-KLASSIK

Inhalt

Interview mit Thomas Hampson "Ich gehe oft an meine Grenzen"

Die Leidenschaft für seinen Beruf treibt Thomas Hampson immer wieder an. Vor allem die Welt der Lieder hat es ihm angetan. Jetzt singt er beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks die "Four Walt Whitman Songs" von Kurt Weill. Im Interview mit BR-KLASSIK verrät Thomas Hampson, warum er immer wieder an seine Grenzen geht, und dass es eine Nonne war, die seine Liebe zum Liedgesang weckte.

Bariton Thomas Hampson als Graf Danilo Danilowitsch in Lehárs "Die lustige Witwe" in der Opéra Bastille Paris | Bildquelle: Kirstin Hoebermann

Bildquelle: Kirstin Hoebermann

BR-KLASSIK: Herr Hampson, Sie singen jetzt im Konzert Kurt Weills "Four Walt Whitman Songs". Kurt Weill schrieb dazu an Ira Gershwin, er wolle ein "book of songs" komponieren, "not popular songs but 'Lieder' for concert singers". Ich finde diese Unterscheidung ganz interessant. Was steckt dahinter?

Thomas Hampson: Für die Deutschen ist es die ursprüngliche Unterscheidung in U- und E-Musik. Weill hat sicherlich seinen Ruhm genossen, aber er hat - meiner Ansicht nach - immer als eher ernsthafter Komponist auch in dem sogenannten leichteren Sinne komponiert. Wir dürfen nicht vergessen, dass Brecht und Weill absichtlich die Form vereinfacht haben, so dass auch nicht-ausgebildete Musiker oder Leser die Stücke und Lieder singen, deklamieren und selbst darstellen können. Und ich glaube, dass Weill genau das hier anspricht: Er möchte das Schönste an Gedichten mit dem Schönsten an Musik vereinen.

BR-KLASSIK: Jetzt hat Kurt Weill seine "Four Walt Whitman Songs" ja sehr anschaulich und plastisch vertont und instrumentiert. Wie sehen Sie Ihre Aufgabe als Sänger, damit der Inhalt dieser Texte noch mehr bei uns Hörern ankommt?

Kurt Weill | Bildquelle: picture-alliance/dpa Kurt Weill komponierte die "Four Walt Whitman Songs". | Bildquelle: picture-alliance/dpa Thomas Hampson: Das ist eine sehr interessante Frage. Zunächst einmal liegt es an Weill, mir Inhalt und Sprache von Whitman in den Mund zu legen. Und das hat er wirklich exzellent gemacht. Ich finde, der Vortrag dieser Gedichte ist sehr natürlich und selbstverständlich. Manchmal sogar so selbstverständlich, dass ich darauf achten muss, dass ich wirklich im musikalischen Rhythmus bleibe. Denn die Phrasierung, die Agogik und der Satzfall in Weills Musikspache ist einfach wahnsinnig natürlich.

Parallelen zwischen Kurt Weill und Gustav Mahler

BR-KLASSIK: Kurt Weill hat ja auch gesagt, als er nach Amerika kam, dass er die Sprache richtig gut lernen will. Er könne nur dann komponieren, wenn er die Sprache des Landes beherrsche...

Thomas Hampson: Und das hat er wohl getan, wenn er auch mit einem sehr herzigen deutschen Akzent Englisch gesprochen hat. Ich finde, die Instrumentierung ist sehr ähnlich wie bei den Liedern von Gustav Mahler – was die Funktion der Trompeten und Hörner betrifft, vor allem aber der Oboe, der Streicher und der Harfe. Auch enthalten die Lieder, wie die von Mahler, eine gewisse Ironie. Das Orchester spielt sehr rhythmisch, besonders in den militärischen Liedern. Gesungen wird dagegen aber ganz lyrisch. Das Orchester beherrscht die Realität, und ich beherrsche - durch das Gedicht - das Resultat. Ich finde, diese Ironie kommt sehr oft vor, eigentlich in jedem Lied. Das erinnert doch sehr an Mahler und seine hervorragenden Orchesterlieder.

Eine Nonne weckte Hampsons Liebe zum Liedgesang

BR-KLASSIK: Wer war es eigentlich, der Sie zum Liedgesang gebracht hat? Wer hat Ihnen diese Welt eröffnet?

Thomas Hampson | Bildquelle: picture-alliance/dpa Thomas Hampson lernte über eine Nonne die Lieder von Schubert und Schumann kennen. | Bildquelle: picture-alliance/dpa Thomas Hampson: Eine Nonne, Schwester Mariette Coyle in Spokane in Washington (seine erste Gesangslehrerin, Anm. d. Red.). Sie hatte Liedgesang bei Lotte Lehmann in Santa Barbara studiert und auch bei Pierre Bernard in Frankreich. Deshalb war mein erster Gesangsunterricht mit Fauré, Schumann und Schubert. Die liebe Schwester hat gesagt: Ich habe gehört, dass du ein bisschen Deutsch gelernt hast in der Hochschule und sogar Weihnachtslieder gesungen hast. Weisst du, dass wirklich tolle Gedichte von einem Herrn Schubert und Schumann vertont wurden? Dann hat sie mir einen Stapel von Schumann- und Schubert-Noten in die Hand gedrückt und ein paar Aufnahmen von Gerhard Hüsch, Dietrich Fischer-Dieskau, Hermann Prey und Tom Krause. Und ich bin nach Hause gegangen und mein Hirn... Ich bin einfach explodiert - oder implodiert. Jedenfalls hat das mein Leben verändert.

Ich singe wahrscheinlich zu viel, aber ich singe nun mal gern.
Thomas Hampson

BR-KLASSIK: "A man has to know his limitations", hat Clint Eastwood mal in einem Western gesagt. Wo liegen Ihre Grenzen? Haben Sie sie schon gefunden?

Thomas Hampson: Meist gerate ich an die physischen Grenzen. Ich singe wahrscheinlich zu viel, aber ich singe nun mal gern. Ich liebe es, in verschiedenen Projekten unterwegs zu sein und bin einfach gern musikalisch dabei. Aber ich glaube, ich muss meine eigene Disziplin pflegen, was den Körper, Schlaf und Essen betrifft - je älter ich werde. Das sind so die Grenzen, derer ich mir bewusst bin. Grenzen von Gedanken hingegen sehe ich eher als Herausforderung: Grenzen einer neuen Musiksprache zu verstehen, ist für mich eine Erfüllung. Ich finde, es ist unsere Verantwortung als Musiker, sich darum zu bemühen, das hörbar zu machen. Ich stelle mein Leben als Künstler wirklich in den Dienst eines höheren Geistes - in der Musiksprache oder Gedichtform. Es hat weniger etwas mit mir zu tun als vielmehr damit, wie ich mein Ich zur Verfügung stellen kann. An Grenzen gerät man immer wieder.

ZUM KONZERT

16. und 17. Mai 2019, 20:00 Uhr
München, Herkulessaal

Ludwig van Beethoven
Symphonie Nr. 2 D-Dur

Kurt Weill
"Four Walt Whitman Songs"

Ottorino Respighi
"Pini di Roma"

Mariss Jansons, Dirigent
Thomas Hampson, Bariton
Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

Das Konzert am 17. Mai wird live auf BR-KLASSIK übertragen.

Sendung: Leporello am 16. Mai 2019, 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK.

    AV-Player