BR-KLASSIK

Inhalt

Wie Musiker ihr Gehör schützen Gehörschaden? Nein Danke!

"Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden." Dieses Wilhem Busch-Zitat wird in manchen Fällen zur bitteren Wahrheit. Nämlich dann, wenn Musik zu laut ist. Das kann das Ohr schädigen. Was können Musikliebhaber und Musiker tun, um sich davor zu schützen?

Das menschliche Ohr in einem medizinschen Querschnitt gezeichnet dargestellt. | Bildquelle: picture alliance / imageBROKER

Bildquelle: picture alliance / imageBROKER

Gefahren lauern überall: Ein Krankenwagen fährt vorbei. Die Sirene heult auf. Da hält man sich lieber schnell die Ohren zu. Das ist nur ein Beispiel für Umwelteinflüsse, die das Gehör schädigen können. Um sich dagegen abzuschirmen, aber auch um sich die Zeit zu vertreiben, hören viele Menschen unterwegs Musik über Kopfhörer. Um bei der großen Geräuschkulisse im Hintergrund noch alle Nuancen der Musik mitzubekommen, werden die Lautstärkepegel schon mal bis zum Maximum aufgedreht. Das kann tückisch sein. Man nimmt die reale Lautstärke nicht mehr wahr und beschallt sein Ohr mit Schallpegeln von über 85 Dezibel. Das sei die magische Grenze, ab der das Gehör potentiell Schaden nehmen kann, sagt Prof. Michael Fuchs, Musikmediziner und HNO-Arzt. Dieser Wert wird unter anderem im Orchestergraben oft überschritten. Welche Möglichkeiten gibt es, seine Ohren zu schützen?

Gehörschutz 1: Watte

Es mag lustig klingen, ist aber eine pragmatische Lösung für alle, die merken, dass es gerade einmal zu laut wird. Egal, ob für Besucher eines Konzertes oder für den Musiker selbst: Auch Klopapier ist erlaubt, um dem Ohr Entlastung zu verschaffen.

Gehörschutz 2: Ohropax

Wirkt wie Watte als Dämpfung und ist für extreme Lautstärken ein guter Schutz. Allerdings wird der natürliche Höreindruck stark gemindert - und so ist es nicht mehr möglich, kontrolliert zu musizieren.

Gehörschutz 3: Frequenzfilter

Besser schlafen: Ohrstöpsel im Test | Bildquelle: picture-alliance/dpa Bildquelle: picture-alliance/dpa Scheinen in der Tat im Moment am besten geeignet zu sein, noch ein lineares Hören zu ermöglichen. Sie werden vom Hörspezialisten individuell angepasst und auch von manchen Musikern im Orchester getragen. Der Cellist Alban Gerhardt spielt sogar ausschließlich mit Gehörschutz: "Ich höre besser als ohne! Denn wenn ich sie nicht trage, höre ich mich selber ja sehr laut. Die Ohrstöpsel dämpfen die Raumakustik weg, ich höre dann alles relativ trocken, sehr exakt und sehr genau. Auch die Intonation hört man noch präziser als ohne Ohrstöpsel."

Gehörschutz 4: In-Ear Monitoring

Ist ein aktiver Gehörschutz. Ein Knopf im Ohr, der die Lautstärke erst aktiv pegelt, wenn eine bestimmte Lautstärke erreicht ist. Sonst läuft das System im "Standby" passiv mit. In der Popmusik wird dieses System schon aktiv verwendet. Für die Klassik ist das System aber noch in der Entwicklung - und leider sehr teuer, weil das In-Ear Monitoring meist in Kombination mit einem Hörgerät zum Einsatz kommt.

Außer diesen individuellen Formen von Gehörschutz gibt es auch Kollektivmaßnahmen im Orchester.

Gehörschutz 5: Ruhe

Das Ohr liebt sie am meisten. Ausreichend Pausen zwischen den Orchesterproben sind wichtig. Das betont auch Prof. Michael Fuchs: "Wir brauchen einen sinnvollen arbeitsmedizinisch kontrollierten Stundenplan." So ein Plan könnte auch helfen, dass die Musiker nur begrenzt in sehr lauten Produktionen, wie etwa einer Wagner-Oper, eingesetzt werden. Mehr Bach - weniger Wagner.

Gehörschutz 6 und 7: Plexiglaswände und Podeste

Sollen den Schall auf der Bühne abschirmen und ihn über die Köpfe der Musiker in den vorderen Reihen schicken. "Das geht in einem Konzerthaus prima", sagt Michael Fuchs. "In der Oper aber, im Orchestergraben, ist das nicht sehr gut zu verwirklichen."

Fazit

Medizinische Zeichnung eines rechten Ohres | Bildquelle: picture-alliance / Mary Evans Picture Library Bildquelle: picture-alliance / Mary Evans Picture Library Die Angst eines Musikers vor einem Hörschaden ist nachvollziehbar. Trotzdem ist die Situation meistens nicht so aussichtslos, wie sie erscheint. Auch dann nicht, wenn man als Berufsmusiker über Jahrzehnte und viele Stunden am Tag beschallt wird. Dazu gehöre allerdings auch ein gewisses Vertrauen in den eigenen Körper, sagt Prof. Eckart Altenmüller, Musikermediziner und Hirnforscher aus Hannover: "Es ist ja nicht so, dass jemand der eine Hörsenke von 30 bis 40 Dezibel hat, deswegen berufsunfähig wird. Überhaupt nicht! Das wird kompensiert durch Kenntnisse, durch Erfahrungen und so weiter."
Das Gehirn übernimmt also viele Aufgaben des Ohres. Auch deshalb können viele Menschen trotz Altersschwerhörigkeit noch ohne Probleme musizieren. Denn das Training fürs Gehirn hat sich über die Jahre bezahlt gemacht, sagt Eckart Altenmüller: "Durch die Nachverarbeitung im Gehirn können alle wesentlichen Dinge genauso gut herausgehört werden, wie wenn das Gehör noch ganz fein ist."

Wie im Sport kann das "Hören" also trainiert werden. Dabei wird allerdings nicht das Ohr trainiert, sondern das Gehirn. Die Grundlagen dazu werden schon in der Kindheit gelegt, so Altenmüller. Entscheidend sei, sehr früh mit dem Musikmachen zu beginnen. "Da gibt es ganz tolle Studien. Die zeigen, dass man bis ins Greisenalter davon profitiert, weil man eine besser ausgebildete Mustererkennung hat", erklärt Altenmüller. Und für die Ohren gilt: Schützen und so oft es geht einfach mal die Stille genießen.

    AV-Player