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Bayreuther Festspiele

25. Juli - 28. August 2019

Bayreuther Festspiele: Drei Debüts im "Tannhäuser" Valery Gergiev, Tobias Kratzer und Lise Davidsen

Bayreuth ist für viele Künstler, die sich mit Wagner beschäftigen, das Mekka der Musikwelt. In diesem Jahr werden die Festspiele mit einer neuen "Tannhäuser"-Produktion eröffnet, bei der drei Künstler ihr Bayreuth-Debüt feiern: Dirigent Valery Gergiev, Regisseur Tobias Kratzer und die Sopranistin Lise Davidsen als Elisabeth. BR-KLASSIK hat mit allen dreien darüber gesprochen, was wir am 25. Juli auf dem Grünen Hügel erwarten dürfen.

Valery Gergiev | Bildquelle: Alexander Shapunov

Bildquelle: Alexander Shapunov

Dirigent Valery Gergiev

Der 66-Jährige gibt dieses Jahr sein Debüt bei den Bayreuther Festspielen – und stellt fest: Hier ist alles anders. Vor allem die Akustik in dem für das Publikum unsichtbaren Orchestergraben erfordert einiges an Umstellung. "In diesem Orchestergraben dirigiert man zwangsläufig anders als in anderen Opernhäusern", sagt Valery Gergiev während der Probenphase im BR-KLASSIK-Interview. "Die Herausforderung besteht darin, die Orchestrierung transparent zu machen und dabei trotzdem den warmen Klang zu erhalten." Gergiev weiß: Das braucht natürlich Zeit.

Mit Wagner bestens vertraut

Bayreuth sei natürlich ein historischer Ort, den man nicht mit anderen Opernhäusern vergleichen könne. "Ich dirigiere zwar regelmäßig Wagner-Opern, aber die Arbeit hier unterscheidet sich völlig von meinen doch sehr intensiven Erfahrungen mit Wagners Musik", so Gergiev. Am "Tannhäuser" schätzt der russische Dirigent ganz besonders den "jugendlichen Kompositionsstil" Richard Wagners.

Über Valery Gergiev

  • Der Russe ist einer der gefragtesten Dirigenten weltweit und gibt so viele Konzerte, wie kaum jemand sonst.
  • Ob an der Mailänder Scala, der New Yorker Metropolitan Opera oder der Wiener Staatsoper - auch in den Orchestergräben der wichtigsten Opernhäuser steht er regelmäßig.
  • Seit über zwanzig Jahren leitet er das Orchester des Mariinsky-Theaters in St. Petersburg.
  • Mit den Opern Richard Wagners ist Gergiev bestens vertraut: Schon 2003 dirigierte er mit dem Orchester die Tetralogie vom „Ring des Nibelungen“.
  • Seit der Saison 2015/2016 ist Gergiev außerdem fest in München verwurzelt: Bei den Münchner Philharmonikern wird er bis 2025 als Chefdirigent am Pult stehen.

Tipps von Thielemann

Vor 17 Jahren hat Valery Gergiev als Besucher eine Aufführung des "Tannhäuser" im Bayreuther Festspielhaus erlebt - mit Christian Thielemann am Pult. Der war damals noch relativ neu in Bayreuth und hat dort zum ersten Mal auch den "Tannhäuser" dirigiert. "Das war meine erste sehr eindrucksvolle Begegnung mit Bayreuth. Vor allem der Klang des Chores hat mich damals sofort beeindruckt," erinnert sich Gergiev. Jetzt wird er selbst "Tannhäuser" in Bayreuth dirigieren. Vor kurzem hat er sich intensiv mit Thielemann, der inzwischen Musikdirektor in Bayreuth ist, über die akustischen Besonderheiten ausgetauscht. Jeder Dirigent habe eine individuelle Vorstellung von dem Klang, den er erreichen will, so Gergiev: "Ich muss meine eigene Vorstellung erst noch entwickeln."

Man muss sehr auf die Artikulation und Präzision achten, damit die Rhythmik nicht verloren geht.
Valery Gergiev, Dirigent

Regisseur Tobias Kratzer

Tobias Kratzer | Bildquelle: privat Der Landshuter Regisseur Tobias Kratzer. | Bildquelle: privat Vier der zehn Wagner-Opern hat Tobias Kratzer schon inszeniert: "Lohengrin" in Weimar, "Tannhäuser" in Bremen sowie die "Meistersinger" und "Götterdämmerung" in Karlsruhe. Für letztere erhielt er 2018 vom Magazin "Die deutsche Bühne" die Auszeichnung "Opernregisseur des Jahres". Nun wird der 38-Jährige bei den Bayreuther Festspielen "Tannhäuser" inszenieren. Bayreuth selbst bezeichnet Kratzer in Anlehnung an "Jim Knopf" als "Scheinriesen". Im BR-KLASSIK-Interview erklärt er: "Je weiter man davon entfernt ist, umso größer und mächtiger erscheint es." Zwar unterscheide sich die Arbeit nicht wesentlich von der an anderen Opernhäusern, aber "alles, was man hier tut, strahlt nach außen nochmal in einer ganz anderen Dimension aus", sagt Kratzer. So erinnert er sich daran, dass er über Facebook etliche Freundschaftsanfragen von US-amerikanischen Wagnerianern bekam, als er für Bayreuth engagiert wurde.

Über Tobias Kratzer

  • Der Regisseur ist ein bayerisches Urgewächs: 1980 wurde er in Landshut geboren.
  • An der Bayerischen Theaterakademie August Everding studierte er Schauspiel- und Musiktheaterregie.
  • Seit Kratzer 2008 alle zu vergebenen Preise des Wettbewerbes für Regie und Bühnenbild „Ring Award Graz“ gewann, ist der Regisseur international gefragt.
  • Für seine Inszenierung von Wagners „Götterdämmerung“ am Badischen Staatstheater Karlsruhe erhielt er im vergangenen Jahr den Deutschen Theaterpreis „Der Faust“.
  • Nach einem gefeierten „Tannhäuser“ in Bremen 2011/12 wurde er vor fünf Jahren als Regisseur der diesjährigen Neuinszenierung in Bayreuth engagiert.

Experimente mit verschiedenen Welten und ausgefeilter Personenregie

In seinen Regiearbeiten sucht Kratzer immer einen konkreten Ansatzpunkt, den er zu Beginn einer neuen Produktion gemeinsam mit seinem langjährigen Bühnen- und Kostümbildner Rainer Sellmaier an verschiedenen Bühnenwelten ausprobiert. So ist es keine Besonderheit, wenn das Setting, das zum Beginn der Probe noch aktuell war, während des Entstehungsprozesses wieder komplett verworfen wird. "Im Verlauf einer Konzeptionsphase probieren wir sehr, sehr verschiedene Welten für die Stücke aus", erzählt Kratzer. Das Allerwichtigste für ihn sei Spontaneität bei der Probe. "Man muss herausfinden, welche Organik die Sänger haben, welche Tempi, was für Naturelle sie sind", erklärt Kratzer. "Wo kann man sie abholen, wo kann man sie mitreißen?" Als Regisseur achtet Kratzer nicht nur auf die Verbindung zwischen Text und Musik, sondern auch darauf, wie er sein Konzept mit der Spielfähigkeit der Sängerinnen und Sänger verknüpfen kann.

Wie wird der neue "Tannhäuser"?

Für sein Bayreuth-Debüt hat sich Tobias Kratzer vor allem eines vorgenommen: keine Regieideen aus den acht vorherigen "Tannhäuser"-Inszenierungen am Grünen Hügel zu wiederholen. "Ich werde einen etwas größeren Kunst-Diskurs aufmachen", verrät Kratzer. Auch seine eigenen Arbeiten wird er in Bayreuth nicht wiederholen. "Beim Tannhäuser war es eher schwierig, sich das Stück wieder ein bisschen fremd zu machen", sagt Kratzer. Schließlich hat er das Werk schon einmal komplett durchgearbeitet. Auch aus seinen anderen Wagner-Inszenierungen soll nichts in die neue Produktion miteinfließen. "Es ist die Gefahr, wenn man mal einen Schlüssel für ein Stück gefunden hat, zu glauben, man könnte das als Stilmittel für alle anderen Wagner-Opern einsetzen", warnt Kratzer.

Ein bisschen ist Bayreuth auch ein Scheinriese.
Tobias Kratzer, Regisseur

Sopranistin Lise Davidsen

Lise Davidsen | Bildquelle: Ray Burmiston / Decca Classics Die norwegische Sopranistin Lise Davidsen. | Bildquelle: Ray Burmiston / Decca Classics Für Lise Davidsen ist Bayreuth eine ganz neue Erfahrung. Doch schon während der Proben als Elisabeth im "Tannhäuser" ist die 32-jährige norwegische Sopranistin ganz begeistert von der besonderen Atmosphäre auf dem Grünen Hügel. "Ich liebe das Festspielgefühl", schwärmt sie. Viele Kollegen hätten so ein großes Wissen zu den Wagner-Opern, das sei faszinierend. Sie wird dieses Jahr die Elisabeth in Richard Wagners "Tannhäuser" übernehmen. Die Partie hat Lise Davidsen erst vor kurzem am Opernhaus Zürich und an der Bayerischen Staatsoper in München gesungen.

Die berühmte Hallen-Arie der Elisabeth spielt in Davidsens Leben schon fast eine schicksalhafte Rolle: Es war die erste Arie, die sie von ihrer Gesangslehrerin bekam - mit den Worten "In diesem Repertoire wirst du einmal ankommen". Lise Davidsen erinnert sich: "Ich war schon damals überwältigt."

Über Lise Davidsen

  • Die Sopranistin wurde 1987 in Norwegen geboren und studierte in Bergen und Kopenhagen Gesang.
  • 2015 erregte sie besonderes Aufsehen, als sie den von Placido Domingo ins Leben gerufenen „Operalia“-Gesangswettbewerb gewann.
  • Nicht nur in Bayreuth ist sie als Wagner-Sängerin gefragt: Das Royal Opera House in London hat sie in diesem Jahr gleich für drei Rollen engagiert: als Freia („Das Rheingold“), Ortlinde („Die Walküre“) und dritte Norn („Götterdämmerung“).
  • Erst Ende Mai dieses Jahres erschien ihre erste CD. Arien von Wagner und Strauss sind Vorboten ihres lyrisch-dramatischen Talents, das sie auf dem Grünen Hügel präsentieren kann.
  • Für die Sängerin ist es ein Jahr der Debüts: Im November wird sie als Lisa in Tschaikowsky’s „Pique Dame“ zum ersten Mal an der New Yorker Metropolitan Opera singen.

Elisabeth opfert sich nicht

Während Elisabeths freiwilliger Tod, mit dem sie Tannhäuser erlöst, allgemein als Opfer verstanden wird, hat Lise Davidsen ein ganz eigenes Verständnis der Rolle entwickelt: "Sie ist so verliebt und hat sich so intensiv dieser Beziehung verschrieben, dass sie es gar nicht als Opfer ansieht. Von außen betrachtet ist das vielleicht anders." Gerade in dieser Bayreuther Produktion von Tobias Kratzer werde man wohl mehr Dimensionen der Elisabeth erkennen können, verrät die Sopranistin. Sie selbst habe im Gespräch mit dem Regisseur ein wahres Aha-Erlebnis gehabt: "In jeder Beziehung will man möglichst gut sein. Aber wie finde ich heraus, was mein Partner braucht? Dabei durchlebt man viele Gefühlswelten – so wie Elisabeth, als Tannhäuser zurückkehrt."

Wenn dich die Tannhäuser-Ouvertüre kalt lässt, solltest du zum Psychiater gehen.
Lise Davidsen, Sopranistin

Wie bei der Pressekonferenz der Bayreuther Festspiele am 24. Juli bekannt wurde, wird Lise Davidsen im kommenden Jahr bei der neuen "Ring"-Produktion die Sieglinde singen.

Liveübertragung vom Grünen Hügel

BR-KLASSIK überträgt die Premiere von "Tannhäuser" am 25. Juli ab 16 Uhr live - im Radio und im Videolivestream. Eine Kritik sendet BR-KLASSIK am 26. Juli in Allegro.

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