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Bayreuther Festspiele

25. Juli - 28. August 2018

Bayreuther Festspiele - Barrie Kosky inszeniert Es geht nur um Wagners Ego

Barrie Kosky inszeniert Richard Wagners "Die Meistersinger von Nürnberg" - die Premiere eröffnet am 25. Juli die Festspiele auf dem Grünen Hügel in Bayreuth. Im Interview mit BR-KLASSIK spricht der Regisseur mit jüdischen Wurzeln über das schwierige Erbe des Stücks, das von den Nazis als Soundtrack zu ihren Reichsparteitagen missbraucht wurde - und beantwortet die Frage, warum er nach anfänglichem Widerstand doch noch dem Ruf nach Bayreuth gefolgt ist.

BR-KLASSIK: Barrie Kosky, sind Sie aufgeregt vor der Premiere?

Barrie Kosky: Ich bin aufgeregt. Aber nur, weil ich möchte, dass alles, was wir gemacht haben - technisch und künstlerisch - auch gut über die Bühne geht. Meine Nervosität geht in eine sehr praktische Richtung. Nicht so in der Art: "Oh mein Gott, was werden die Menschen denken?" Oder: "Was wird passieren?". Ich bin eigentlich nur nervös, weil ich möchte, dass unsere tolle Arbeit mit Virtuosität und großer Spielfreude auf die Bühne gebracht wird.

BR-KLASSIK: Sie haben 2012, als Sie zum ersten Mal hier in Bayreuth waren, gesagt, Sie möchten hier nicht inszenieren. Was hat den Sinneswandel bewirkt?

Barrie Kosky: Ich habe mich zunächst richtig gegen "Die Meistersinger" gesträubt. Katharina Wagner hat mir aber Zeit gegeben. Dann hatte ich ein paar Ideen und habe irgendwann gedacht: "Ich muss das jetzt machen." Manchmal muss man als Regisseur Stücke machen, von denen man erst gedacht hatte, die wären zu schwer oder die wären gar nichts für einen. Und jetzt bin ich sehr froh, dass ich Katharina Wagners Angebot angenommen habe.

Opernregisseur Barrie Kosky | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Bildquelle: picture-alliance/dpa

Das Interview in voller Länge zum Nachhören

BR-KLASSIK: Sie sind ein Regisseur, der gerne unkonventionelle Inszenierungen macht, der viel Spaß, viel Heiteres auf die Bühne bringt. Aber Sie sind auch ein Regisseur mit jüdischen Wurzeln. Ist das für Sie Verpflichtung, auch die nationalsozialistischen Verstrickungen rund um die "Meistersinger" anzugehen? Oder ist das für Sie sowieso der einzig gangbare Weg?

Barrie Kosky: Ich glaube, das Stück ist unmöglich von diesem Schatten zu befreien. Man muss irgendwo, irgendwie diese Themen auf die Bühne bringen. Ich glaube, das ist ein Teil des Stückes. Leider wurde das Stück im Dritten Reich fast schon als Soundtrack benutzt. Wir wissen, dass es der Soundtrack der Parteitage war. Goebbels hat viel geschrieben über dieses Stück…

BR-KLASSIK: …wofür Wagner ja nichts kann.

Barrie Kosky: Ja, aber Wagner hat auch selbst für Probleme gesorgt, was die Fragen "Was ist deutsch?" oder "Was ist eine Nationalität?" angeht. Wenn man diese Fragen beantwortet, öffnet man viele problematische Türen. Die Oper "Die Meistersinger" ist fünf Stunden lang und Wagner möchte darin Prophet und Messias zugleich sein. Wir wissen, dass Wagner sich tief mit der Rolle des Hans Sachs identifiziert hat. Er ist fast Wagners Alter Ego. Aber er hat sich auch tief identifiziert mit Walther. Er möchte Tradition sein und er möchte auch die Zukunft sein. Der Prophet schreit in der Wüste: "Deutschland! Es wird eines Tages ein Komponist kommen, und dieser Komponist wird den Faden von Bach, Mozart und Beethoven weiterspinnen." Und - Surprise: It's me! It's Richard!
Wagner möchte also Johannes und Christus sein - Prophet und Messias - und ich finde das natürlich sehr interessant. Ich kenne kein anderes Stück, in dem der Komponist die Themen "deutsche Kultur" und "deutsche Nationalität" verhandelt, eine Definition sucht, was deutsch und echt ist, aber eigentlich über sich selbst redet.

BR-KLASSIK: Es geht also ums Ego?

Barrie Kosky bei den Proben zu Meistersinger bei den Bayreuther Festspielen | Bildquelle: © Enrico Nawrath / Bayreuther Festspiele Bildquelle: © Enrico Nawrath / Bayreuther Festspiele Barrie Kosky: Man sieht es in meiner Inszenierung: Es geht nur ums Ego. Die ganze Welt dreht sich um ihn. Und deshalb glaube ich, dass man das Stück auch losgelöst davon betrachten kann, was im 20. Jahrhundert passiert ist. Das Stück ist Kunst, es ist Phantasie. Es sind Wagners Phantasien und Gedanken zu Nürnberg und zu deutscher Kultur. Und das bedeutet: Egal, was im 20. Jahrhundert passiert ist, das Stück ist kein dokumentarischer Text und auch keine Bewerbung für die deutsche Tourismusabteilung. Man kann sagen, dass viele Probleme in dem Stück eigentlich Wagners Probleme sind. Und mit seinen Ideen zu Nationalität oder zur Kunst hatte er nicht immer recht.

"Die Meistersinger von Nürnberg" auf BR-KLASSIK

Hans Sachs: Michael Volle
Walther von Stolzing: Klaus Florian Vogt
Sixtus Beckmesser: Johannes Martin Kränzle
Veit Pogner: Günther Groissböck
und weitere

Inszenierung: Barrie Kosky
Musikalische Leitung: Philippe Jordan
Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele

BR-KLASSIK überträgt die Eröffnungspremiere am 25. Juli 2017 live aus dem Bayreuther Festspielhaus - im Radio ab 15.57 Uhr und im Video-Stream ab 16.00 Uhr.

BR-KLASSIK: Wagner hat nicht nur sein Alter Ego in der Figur von Hans Sachs gesehen, sondern Wagner selbst taucht bei Ihnen in den unterschiedlichsten Figuren auf - auch in der Figur des Beckmesser, der ganz oft als Kleinbürger dargestellt wird. Im Deutschen gibt es ja die "Beckmesserei" als festen Begriff im Duden. Ich glaube, Ihre Sicht auf Beckmesser ist aber doch eine etwas andere.

Der Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper Berlin, Barrie Kosky, steht am 14.07.2017 in Bayreuth (Bayern) vor dem Festspielhaus. Der Australier führt bei den diesjährigen Bayreuther Festspielen Regie in einer Neuinszenierung der Richard-Wagner-Oper "Die Meistersinger von Nürnberg". (zu dpa-Themenpaket Bayreuther Festspiele: "Royaler Glanz und 'Meistersinger' zum Festspielauftakt in Bayreuth" vom 17.07.2017) Foto: Daniel Karmann/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Bildquelle: dpa-Bildfunk/Daniel Karmann Barrie Kosky in Bayreuth | Bildquelle: dpa-Bildfunk/Daniel Karmann Barrie Kosky: Beckmesser ist einer der interessantesten Charaktere in Wagners Opern. Martin Kränzle, der ihn in Bayreuth singt, macht mit dieser Rolle etwas, das ich noch nie auf der Bühne gesehen habe: Mal ist es eine sehr peinliche Komik, mal sehr berührend. Das gelingt nur, weil Martin sehr klug mit Klischees spielt - es ist eine große Kunst. Beckmesser hat eine interessante Geschichte: Man darf nicht vergessen, dass in Wagners erster Textfassung dieser Charakter Hans Lick hieß. Das war eine nicht sehr subtile Parodie auf den von Wagner meistgehassten Kritiker Eduard Hanslick. Also kommt Beckmessers DNA - egal, was später mit dieser Rolle passiert - von diesem Kritiker.

Wagner hat auch gedacht, dass Hanslick zum Teil Jude war. So entstand die Verbindung zwischen dieser Figur und den Juden – und vielleicht gleich allen Menschen, mit denen Wagner Probleme hatte. In der späteren Fassung ist Beckmesser fast schon eine Frankenstein-Kreatur, zusammengestellt aus allem, was Wagner gehasst hat: ein bisschen Französisch-Hass, ein bisschen Italienisch-Hass, ein bisschen Kritik-Hass, ein bisschen Judenhass. Und am Ende kommt dann diese Beckmesser-Figur raus.

BR-KLASSIK: Es gab ja einige jüdische Dirigenten, die Wagner dirigiert haben, auch in Bayreuth. Jetzt werden Sie immer wieder herausgehoben als der erste jüdische Regisseur, der Wagner in Bayreuth inszeniert. Aber ist das nicht auch schon wieder eine Art Ausgrenzung?  Oder wie empfinden Sie das?

Barrie Kosky: Das sehe ich genauso. Es ist hochproblematisch, wenn jemand sagt: "Du bist der erste jüdische Regisseur." Warum muss man es so hervorheben?  Ich fühle mich, als würde ein sehr unbequemer Stempel auf mir kleben. Als ob, wenn ich hier "Die Meistersinger" inszeniere, das dann alles koscher machen würde. OK, ich bin der erste jüdische Regisseur. Aber was das bedeutet  - da habe ich keine Ahnung. Ich bin hier als Regisseur engagiert, nicht als Jude.

Barrie Kosky über Wagner

Es ist kompliziert...

"Ich habe acht Mal in meinem Leben Wagner inszeniert, ich bin fertig mit dem Mann. Und dann soll ich als australischer Jude in Bayreuth das problematischste aller Wagner-Stücke machen - nein! Aber inzwischen traue ich mir das zu, und ich habe eine Idee, die zwar kritisch ist, aber auch neu."
"In den letzten drei Jahren habe ich gegen diese komplizierte Beziehung gekämpft und dann akzeptiert, dass sich dieses Problem nicht lösen wird."

Die "Meistersinger"...

"Es gibt viele Überraschungsmomente und man endet in diesem Werk nicht wie man anfängt. Die 'Meistersinger' sind für mich ein Werk mit vielen Themen und widersprüchlichen Fragen."

Koskys Wagner-Woche...

"
Montag: Was für eine geniale Musik.
Dienstag: Was ist das für ein blöder Text. Warum hatte er keinen besseren Autor?
Mittwoch: Das ist so eine kluge Szene.
Donnerstag: Ich hasse sie. Ich hasse ihn.
Freitag: …?"

Das Gespräch führte Falk Häfner für BR-KLASSIK. Es wurde für die Lesefassung gekürzt und an die Schriftsprache angepasst.

Sendung: Pausenzeichen, 25. Juli 2017 15.57 Uhr auf BR-KLASSIK.

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