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ZUM 90. GEBURTSTAG VON JOE ZAWINUL DER GESCHICHTENERZÄHLER

Er war ein Erneuerer, zählt zu den Pionieren des elektrischen Jazz, zu den großen Klanggestaltern des 20. Jahrhunderts. Weilte er noch auf Erden, würde der große Keyboarder, Komponist und "Weather Report"-Mitbegründer Joe Zawinul am 7. Juli seinen 90. Geburtstag feiern.

Der Jazz-Pianist Joe Zawinul bei den Wiener Festwochen 2007 | Bildquelle: picture-alliance/ dpa | epa apa Guenter R. Artinger

Bildquelle: picture-alliance/ dpa | epa apa Guenter R. Artinger

Gäbe es Lexikon-Einträge für Begriffe wie "Innovation" oder "Selbstbewusstsein", sollten sie vielleicht mit Fotos von Joe Zawinul bebildert werden. Denn der Wiener hat an der Seite von Cannonball Aderley oder Miles Davis, als Solo-Künstler, als Frontmann von "Weather Report" oder "The Zawinul Syndicate" mit seiner Art des Musizierens, des elektronischen Orchestrierens, des Spielens mit Rhythmen und Voicings und seinem Soul unsere Musik-Wahrnehmung geprägt, vielleicht sogar nachhaltig verändert.

UNGETRÜBTES SELBSTBEWUSSTSEIN

Pianist, Keyboarder, Komponist und Bandleader Joe Zawinul | Bildquelle: Ssirus W. Pakzad Joe Zawinul | Bildquelle: Ssirus W. Pakzad Joe Zawinul hatte nie die geringsten Zweifel an dem was er da tat. Einst äußerte er einmal, er habe noch nie eine falsche Note gespielt. Als wir im September 1996 einander vorgestellt wurden, fiel noch während der Begrüßung der Begriff "Hip Hop". Darauf Joe Zawinul: "Hip Hop? Weißt Du, wer das erfunden hat? I woar des. Hör dir mal auf dem 'Weather Report'-Album 'Sweetnighter' den Titel '125th Street Congress' an und achte genau auf den Beat. An dem haben sich viele Rap-Künstler später orientiert und viele haben ihn gesampelt." Eine gute Stunde später wird Joe Zawinul während unseres Interviews folgende Einschätzung zu seinem ersten großen orchestralen Werk "Stories of  the Danube" abgeben: "Ich habe immer gefühlt, wenn ich eine Symphonie schreibe, kann ich das genauso gut wie ein Beethoven oder Mozart."
Als er merkte, dass ich ihn mit einer Mischung aus Skepsis und Belustigung anschaute, sagte er: "Woaßt – I bin kein Goschenaufreißer (Angeber), weil das, was ich da habe, geerbt ist. I'm a lucky guy. Verstehst? Und darauf kann ich nicht stolz sein. Stolz bin ich nur auf meine Arbeitsmoral. Und ich habe ein Talent: Ich kann Form improvisieren."

INNOVATION BEGINNT WO DAS RATIONELLE DENKEN AUFHÖRT

Dieser Josef Erich Zawinul war ein Bauchmensch, einer, der die Gefühle laufen ließ, aus dem die Ideen nur so heraussprudelten, war einer, der das Grübeln über Musik vermied wo er konnte. Im Interview von 1996 sagt er mir: "Die wahre Inspiration beginnt da wo das rationelle Denken aufhört." Oft entstand seine Musik aus spontanen Eingebungen, aus der Improvisation heraus. Hinterher kolorierte und orchestrierte er meist nur, was ihm sein Unterbewusstsein, seine Seele beim Spielen zuvor eingeflüstert hatten. Wichtig war ihm das Geschichtenerzählen beim Musizieren. "Das ist, was ich kann. Ich pfeife auf Töne und Akkorde – wenn es keine Story gibt, mache ich auch keine Musik. Tausend Noten spielen kann ein jeder."

AUF INS LAND DER UNBEGRENZTEN MÖGLICHKEITEN

Der Wiener Kosmopolit Joe Zawinul stammt aus einer Familie mit Wurzeln in Tschechien und Ungarn und verwies später auch immer wieder darauf, dass Sinti zu seinen Vorfahren zählten. Früh lernte er Geige und vor allem Akkordeon. Das Spiel auf der Ziehharmonika habe sein späteres Tun auf dem Klavier und den Keyboards beeinflusst, sagte er in unserem Interview.

Pianist Joe Zawinul | Bildquelle: Sepp Werkmeister Joe Zawinul am Flügel. | Bildquelle: Sepp Werkmeister Dass die Freiheit des Jazz seinem Naturell entsprach, merkte der junge Musikant schnell. War ja klar, dass es ihn in die Heimat dieser Musik zog. Also nahm er an einem Wettbewerb des amerikanischen Magazins "Down Beat" teil und ergatterte ein Stipendium für das berühmte Berklee College of Music in Boston. Diese Lehranstalt soll er laut des RoRoRo-Jazz Lexikons 1959 aber schon nach ein paar Tagen wieder verlassen haben, weil es dort nichts mehr für ihn zu lernen gab. Seine eigentliche Schule war, dass er die große Sängerin Dinah Washington begleiten durfte und dann ab 1961 für neun Jahre zum Stamm-Pianisten des legendären Altsaxofonisten Julian Cannonball Adderley wurde. Er dankte ihm dieses Vertrauen mit souligen Welthits wie "Mercy Mercy Mercy". Adderley wurde übrigens wegen der Wahl seines Klavierspielers manchmal hart angegangen. Warum hast du keinen schwarzen Pianisten engagiert? Joe Zawinul lacht, als er erzählt, was sein Bandleader antwortete: "Dann müsst ihr mir einen bringen, der so gut spielt wie er."

PIONIERARBEIT IN DEN 60ER JAHREN

Bereits in den 60ern zeigte sich übrigens, dass sich Joe Zawinul auf weit mehr als den Soul Jazz und Hardbop verstand, den er mit Cannonball spielte. Schon damals hatte er ein Klangbild im Kopf, das vieles vorwegnehmen sollte. Wer Zawinuls Solo-Alben aus dieser Zeit hört, darf sich zurecht fragen, wie stark des Tastenmanns Einfluss auf seinen späteren Arbeitgeber Miles Davis war und wie sein Anteil an bahnbrechenden Alben wie "In A Silent Way" und "Bitches Brew" eigentlich aussah.

WEATHER REPORT

Zur Ikone wurde Joe Zawinul spätestens mit der 1971 gegründeten Band "Weather Report", die sich zunächst als improvisierendes Kollektiv verstand, bis der Saxofonist Wayne Shorter und Joe Zawinul die Zügel übernahmen und einen "Signature Sound" entwickelten, der den Jazz fortan nachhaltig prägen sollten. Aus einer Vielzahl von Einflüssen aus aller Welt und Elementen ungezählter Genres schufen "Weather Report" ein ganz eigenes Klanguniversum, dessen Haupt-Schöpfer Joe Zawinul war. Mit dieser Band wollten er und seine Kollegen elektronische Musik schaffen, die akustisch klingt. Seine vielen Keyboards (einige Tasteninstrumente erfand er später selbst) setzte Joe in dieser Truppe vielschichtig, ja orchestral ein, seine Melodien und Rhythmen tänzelten unentwegt, Komplexes und Eingängiges reichten sich in seinen Kompositionen die Hand. Sein unverwechselbares Sounddesign und die Ideale von "Weather Report" fanden sich dann auch in seiner langlebigen Nachfolge-Band "The Zawinul Syndicate" wieder.

EINE UNÜBERSCHAUBARE VITA

Wer sich mit Joe Zawinul beschäftigt, dem öffnet sich eine stolze, fast unüberschaubare Vita: In der finden sich Orchesterstücke wie "Stories of The Danube", das Werk "Mauthausen",  das sich mit den Geschehnissen in dem gleichnamigen Konzentrationslager auseinandersetzt, lässt sich etwas über den Wiener Jazzclub "Birdland" lesen, den Zawinul in seinem letzten Lebensabschnitt gründete und wird auf viele Aufnahmen mit Ben Webster, Dinah Washington, Nancy Wilson, Yusef Lateef, Cannonball Adderley, Miles Davis, Weather Report und "The Zawinul Syndicate" verwiesen, ohne die die Jazzgeschichte ein ganzes Stück ärmer wäre.      

EIN GEBROCHENES HERZ

Am 11. September 2007 verließ Joe Zawinul in Wien unsere Welt. Den seltenen, eigentlich aber heilbaren Hautkrebs an dem er litt, hätte dieser so vitale Mensch unter günstigeren Voraussetzungen vielleicht überstanden – nur war die große Liebe seines Lebens, seine Frau Maxine, gerade erst vom Schöpfer abberufen worden, weshalb Freunde vermuten, Joe Zawinul sei nicht etwa an einem Karzinom, sondern an gebrochenem Herzen gestorben.

Sendung: Jazztime am 07. Juli 2022, ab 23.05 Uhr
Zum 90. Geburtstag von Joe Zawinul
Moderation und Auswahl: Ssirus W . Pakzad

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