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Reformation Blütezeit der Kirchenmusik

Die Reformation gilt als ein Wendepunkt in der deutschen Geistesgeschichte - doch wie war das eigentlich in Bezug auf die Kirchenmusik? Wurden auch da alle bestehenden Traditionen über den Haufen geworfen?

Luther-Denkmal vor dem Rathaus auf dem Marktplatz der Lutherstadt Wittenberg | Bildquelle: picture-alliance/dpa © Andreas Franke

Bildquelle: picture-alliance/dpa © Andreas Franke

"Ein Schlachtlied war jener trotzige Gesang, womit Martin Luther und seine Begleiter in Worms einzogen. Der alte Dom erzitterte bei diesen neuen Klängen und die Raben erschraken in ihren obskuren Turmnestern. Jenes Lied, die Marseiller Hymne der Reformation, hat bis auf unsere Tage seine begeisternde Kraft bewahrt."

So beschreibt Heinrich Heine 1830 Martin Luthers Einzug, als der 1521 vor den Reichstag in Worms zitiert wurde - mit einer gewissen poetischen Freiheit übrigens, denn der gemeinte Choral Ein feste Burg wurde vermutlich erst einige Jahre nach dem Reichstag überhaupt geschrieben. Was Heine hier aber klar erfasst hat, ist die Tatsache, dass Luthers deutschsprachige Choräle schon bald nach ihrer Entstehung nicht mehr nur als Kirchenlieder wahrgenommen, sondern auch zu Kampfliedern der frühbürgerlichen Revolution und der Bauernkrieger wurden. Was den Reformator selbst übrigens nicht immer freute. 

Luthers Verdienst

Denn das ist sicherlich Luthers augenfälligstes Verdienst um die Musik: Dass er auf deutschen Gemeindeliedern im Gottesdienst bestand, im Gegensatz zum Humanistenlatein der katholischen Kirche. Um die 40 hat er sogar selbst gedichtet, 23 auch vertont. Gotthold Schwarz, der als Leipziger Thomaskantor in einer ungebrochenen Tradition protestantischer Kirchenmusiker seit 1539 steht, betont eine Folge dieser Sprachrevolution:

Dass die Gemeinde den Gemeindegesang ganz bewusst wahrnimmt als Ausdruck ihres Glaubens und ihrer Überzeugung und dadurch natürlich entsprechend auch die Haltung sich dokumentiert, mit der man solche Lieder singt und solche Kompositionen dann interpretiert.

Dazu kommt, so Schwarz:

Der Gemeindgesang hat natürlich viele Komponisten seiner Zeit und auch danach zu wunderbaren Kompositionen angeregt.

Und initiierte damit eine Blütezeit der Kirchenmusik in den deuschen Landen, die in ganz Europa ihresgleichen suchte, mit Komponisten wie Walter, Schütz oder Schein - und natürlich Bach. Denn das war Luther sehr wichtig: Dass in der Messe auch weiterhin kunstvolle Figuralmusik erklingen möge, so mit den vorhandenen Kräften möglich. Wobei er natürlich damals an die frankoflämische Polyphonie dachte - auch gerne mit lateinischem Text. Thomaskantor Schwarz erläutert:

"Das ist eigentlich von Luther nie abgeschafft worden. Also wir feiern im evangelischen Gottesdienst bis heute die Messe und auch die lateinischen Kompositionen sind uns überhaupt nicht fremd. Und somit ist das für mich überhaupt kein Bruch, der entstanden ist, sondern eine kontinuierliche Entwicklung."

Sendungsthema aus "Tafel-Confect" vom 29. Oktober 2017, 12.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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