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21. Juni 1868 - Die Uraufführung der "Meistersinger von Nürnberg" Wagners größter Triumph

Aus ganz Europa sind sie in München eingetroffen, die Vertreter jener Spezies, die man schon bald "Wagnerianer" nennen wird. Ein Werk des Meisters wird uraufgeführt, ein Lustspiel!

Der Max-Josef-Platz in München mit der Residenz (links) und dem Nationaltheater (Mitte) | Bildquelle: © SZ Photo/Süddeutsche Zeitung Photo

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Was heute geschah zum Anhören

Dass es ein Meisterwerk wird, die deutsche Nationaloper schlechthin, steht für die angereisten Wagner-Jünger schon fest, bevor sich der Vorhang hebt. Doch nicht nur das: Das Stück soll auch heiter werden, ja kurzweilig! Das verspricht jedenfalls der Uraufführungs-Dirigent Hans von Bülow. Wenn auch nicht kurz. Mehr als viereinhalb Stunden dauert es, um genau zu sein.

Am Pult: der geprellte Ehemann

Der Meister selbst ist natürlich ebenfalls vor Ort, er hat die Proben im Münchner Nationaltheater überwacht. Als wäre die Uraufführung nicht schon Nervenprobe genug, wohnt Wagner in all den Tagen ausgerechnet bei seinem ergebenen Freund Hans von Bülow, dem er die Frau ausgespannt hat. Man muss sich das vorstellen: Bülow kämpft am Pult des widerspenstigen Königlichen Orchesters für Wagners Werk und bewirtet ihn bei sich zu Hause. Währenddessen hat seine Frau Cosima dem Meister schon längst zwei Kinder geboren, die Ehe hält sie nur noch zum Schein aufrecht.

Wahn, Wahn, überall Wahn.
Hans Sachs

Richard Wagner | Bildquelle: Archiv des Bayerischen Rundfunks Richard Wagner | Bildquelle: Archiv des Bayerischen Rundfunks Hans Sachs, die Hauptfigur der "Meistersinger von Nürnberg", spricht aus, was Wagner in diesen Jahren umtreibt: Abgründiges über die Verführbarkeit der Masse, Tiefsinniges über die Kunst, aber auch Deutschtümelei - all das findet sich im Textbuch. Wagner hat es wie immer selbst geschrieben. Wobei er sich an die historischen Quellen über den dichtenden Schuster aus Nürnberg nur lose anlehnt. Frei erfunden ist die Figur des Sixtus Beckmesser: Eine bitterböse Karikatur von Wagners Kritikern, mit der er vor allem auf seinen berühmtesten Gegner zielt, Eduard Hanslick. Der schreibt prompt, die Meistersinger seien "unschön und unmusikalisch", die Monologe des Hans Sachs "unaussprechlich langweilig". Andere Kritiker werden noch deutlicher: Man liest Wörter wie "Monstrum", "Katzenmusik", ja: Diese Oper sei eine "kolossale Ratte".

Triumph trotz Kritik

Das Publikum dagegen ist begeistert. Es ist Wagners größter Triumph. Stehend nimmt er in der Königsloge die Ovationen entgegen. Ja, er verbeugt sich, während der König im Hintergrund bleibt. Unerhört! Der Hofstaat ist schockiert. Doch König Ludwig II., sein Freund und Förderer, ist selig. Und Wagner selbst, verständlicherweise, sehr stolz: "Wer von früh bis Abend darauf sänne, wie er es anzufangen habe, recht viel Skandal von sich zu machen, der könnte es nicht um ein Haar besser anfangen; ich glaube, ich werde um mein Geschick hierfür sehr beneidet."

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