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Salzburger Festspiele

1. bis 31. August 2020

Kritik - Salzburger Festspiele "Die Liebe der Danae" von Richard Strauss

"Ich bin konservativ und stolz darauf": Das sagt der lettische Regisseur Alvis Hermanis. In Salzburg hat er bereits mehrfach inszeniert, heuer die vielleicht wichtigste Premiere der diesjährigen Festspiele: die selten gespielte Oper "Die Liebe der Danae" von Richard Strauss. In diesem Spätwerk geht es um Midas, den sagenhaft reichen König, der alles, was er berührt, in Gold verwandelt. Und es geht um die schöne Danae, die sich entscheiden muss zwischen Geld und Liebe. Kein ungeeigneter Stoff für das wohlhabende Premierenpublikum.

Szene aus "Liebe der Danae", Salzburger Festspiele 2016 | Bildquelle: Salzburger Festspiele / Forster

Bildquelle: Salzburger Festspiele / Forster

Salzburger Festspiele

"Die Liebe der Danae" von Richard Strauss

Sie haben kein gutes Image, die Spätwerke von Richard Strauss. Und es stimmt ja: Der alternde Klangzauberer beherrscht zwar wie eh und je sein magisches Handwerk, aber etwas wirklich Neues zieht er nicht mehr aus dem Zylinder. Die Inspiration ist keineswegs erloschen, strömt aber längst nicht mehr so vital wie in "Elektra" oder "Frau ohne Schatten". Vor allem fehlte dem alten Magier als Sparringspartner ein genialer Textdichter - Hofmannsthal tot, Stefan Zweig im Exil. Und dann die Zeiten! Als Präsident der Reichsmusikkammer muss Strauss 1935 zurücktreten. Die Nazis schlagen zwar Profit aus seinem Ruhm, denken aber nicht daran, ihn so zu hofieren, wie Strauss glaubt, hofiert werden zu müssen. Vor seiner grausamen Gegenwart verschließt er die Augen, soweit möglich. Weltkrieg? Judenverfolgung? Geradezu hermetisch dichtet Strauss seine Werke gegen die störende Wirklichkeit ab.

Strauss' "Heitere Mythologie"

Auch die "Liebe der Danae", entstanden von 1938 bis 1940, ist ein durch und durch eskapistisches Stück. Augen zu, raus aus der Gegenwart, Flucht in eine "heitere Mythologie" - so der Untertitel. Irgendwie ist und bleibt das unheimlich. Aber sobald die ersten Takte erklingen, bröckelt der innere Widerstand. Erst denkt man: unverschämt virtuos komponiert! Dann: verdammt gut gemacht. Spätestens im dritten Akt, wenn Jupiter, der alt gewordene Gott, Abschied nimmt von der schönen Danae, erliegt man dem Sog dieser sinnlich-melancholischen, hymnisch-weitgespannten Melodiebögen. Dann hat er uns wieder, der alte Rattenfänger.

In seiner Begeisterung für die unterschätzte Partitur will Dirigent Franz Welser-Möst auf Nummer sicher gehen, dass dem Hörer auch ja keins von ihren zahllosen Wundern entgeht. Mit kreisenden Bewegungen und weit ausgestreckten Armen hält er die raschen Tempi in Fluss. Welser-Möst setzt weniger auf klangliche Raffinesse als auf trennscharfe Details. Das klingt sehr direkt und angenehm unsentimental, nur leider tendenziell zu laut. Ständig drängt sich das Orchester in den Vordergrund, die Sänger müssen sich durch das dichte Gewebe der Instrumentalstimmen wie durch einen Vorhang durcharbeiten.

Märchenhaft bunte Ausstattung

Dabei bieten Regie und Bühnenbild eigentlich perfekte akustische Bedingungen: Es wird fast immer mit dem Rücken zur Wand gesungen. Regisseur Alvis Hermanis scheint unter Inszenierung vor allem Ausstattung zu verstehen. Und die ist märchenhaft. So bunt! So glitzernd! Einfach prachtvoll. Hermanis verlegt die Handlung aus der griechischen Antike in einen Phantasie-Orient mit Pluderhosen und bonbonfarbenen Riesenturbanen. Eine weiß gekachelte Wand mit einer Art Showtreppe wird zur Projektionsfläche für ein augenbetäubendes Schwelgen in Teppich-Mustern und Ornamenten. Ein kräftiger Schuss russische Folklore, viel Goldgrund à la Gustav Klimt und dann und wann ein weißer Riesenelephant runden die opulente Optik ab. Personenführung? Weitgehend Fehlanzeige. Man sitzt auf den Treppenstufen und singt ins Publikum – für wohltemperierte Aktion sorgt eine Art Fernsehballett. Hermanis bietet Revue statt Deutung, Figuren und Geschichte ersticken im Bombast der Ausstattung.

Exzellente Sänger

Gesungen wird dagegen exzellent. Tomasz Konieczny als alternder, erotisch aus dem Tritt geratener Götterchef Jupitur hat einen perfekt fokussierten, kraftvollen Bariton, der allerdings vom heftig aufspielenden Orchester ganz schön gefordert wird. Gerhard Siegel als König Midas kann sich mit seinem hellen, strahlkräftigen Tenor gut durchsetzen. Wirklich berührend singt Krassimira Stoyanova als Danae. Vor allem in der oberen Mittellage leuchtet ihre Stimme wie flüssiges Gold. Was bleibt? Gut drei Stunden komplexe, süffige, nervöse, in allen Farben schillernde Musik, die am Schluss auch emotional unter die Haut geht. Dieses Stück ist, entgegen allen Vorurteilen, leider gut.

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