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Salzburger Festspiele

1. bis 31. August 2020

Kritik - "Le nozze di Figaro" bei den Salzburger Festspielen Oper als TV-Serie mit spielstarkem Ensemble

Nur eine Rolle wurde neu besetzt: die Susanna. Anna Prohaska singt sie in diesem Jahr bei der Wiederaufnahme von Mozarts "Le nozze di Figaro" in Salzburg. Klingt vielversprechend! Aber in der Regie von Sven-Eric Bechtolf blieb gerade sie eher eine blasse Figur. Dienstagabend war Premiere.

Impressionen Mozartoper "Le nozze di figaro" bei den Salzburger Festspielen 2016 | Bildquelle: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Bildquelle: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Das Geheimnis einer guten Fernsehserie liegt nicht in einer spannenden Handlung, dem Plot, sondern in einem vielschichtigen Beziehungsgeflecht zwischen den Figuren. Das Bühnenbild des Salzburger "Figaro" gleicht einem Film-Set für einen Serien-Dreh. Der Zuschauer guckt wie bei einem Puppenhaus in die verschiedenen Räume und Stockwerke eines Gutshauses hinein. Und natürlich würde diese Oper mit ihrem verwucherten Beziehungsgeflecht genug Stoff für eine ganze Serienstaffel hergeben - wenn's reicht.

Sven-Eric Bechtolf spielt auf TV-Serie an

Ausstattung und Kostüm versetzen die Inszenierung an den Anfang des 20. Jahrhunderts - und erinnern stark an die erfolgreiche britische Fernsehserie "Downton Abbey". Dass das Absicht ist, wird spätestes zu Beginn des dritten Aktes klar, als statt Mozart zunächst ganz kurz die Filmmusik dieser Serie erklingt. Und dass das erkannt wird vom Salzburger Publikum, merkt man am allgemeinen Gekicher und Gemurmel.

Regisseur Sven-Eric Bechtolf schafft also eine Umgebung für seinen "Figaro", die nicht viel zu denken oder zu deuten gibt, stattdessen umso mehr zu entdecken - weil immer auch in den Räumen etwas passiert, in denen gerade nicht gesungen wird. Dass sich Auge und Ohr hierbei nicht ständig verlieren, liegt am starken Ensemble, das bis in die Nebenrollen hinein toll besetzt ist.

Sängerensemble - mehr als Schön-Klang

Alle Sänger sind mutige Gestalter und verlassen sich nicht aufs Schön-Klingen, auch wenn sie das natürlich ebenso drauf haben. Anett Fritsch gibt eine graziöse, aber nicht unnahbare Gräfin, deren Arien zugleich intim und souverän wirken. Adam Plachetkas Figaro ist manchmal kantig-rüpelhaft, seine Mimik übertrieben wie bei einer Comicfigur - und dann plötzlich leuchtet er mit wandelbarer Stimme großartig differenziert die vielen Gefühle des Liebenden, Hoffenden, Enttäuschten und Verzweifelten aus. Luca Pisaroni spielt hervorragend den Hörner aufsetzenden und gleichzeitig gehörnten Grafen. Wie ihm am Ende jegliche Gesichtszüge entgleiten, von aggresivster Wut zu schlimmster Scham - als hätte man die ganze Bühne plötzlich in anderem Licht beleuchtet.

Ungreifbar: Anna Prohaska als Susanna

Impressionen Mozartoper "Le nozze di figaro" bei den Salzburger Festspielen 2016 | Bildquelle: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz Anna Prohaska singt in diesem Jahr die Partie der Susanna in Mozarts "Figaro". | Bildquelle: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz Nur die Susanna wird an diesem Abend nicht greifbar. Wer ist diese Frau, was will sie? Anna Prohaska singt zuverlässig und, keine Frage: sehr gut - vom Ausdruck her bleibt sie jedoch hinter ihren Kollegen zurück. Nicht, dass Bechtolfs Regiekonzept darauf ausgelegt wäre, die Tiefen der Charaktere zu ergründen. Das wird besonders an Cherubino deutlich, der - verschmitzt-neckisch dargestellt von Margarita Gritskova - marionettenhaft durch die Szenen wackelt: everybody's Projektionsfläche.

Schmissige Klänge von den Wiener Philharmonikern

Neben den vielen Haupt- und Nebenfiguren gab es bei diesem "Figaro" noch einen, beim Schlussapplaus zurecht besonders bejubelten Akteur: das Orchester. Die Wiener Philharmoniker spielten unter Dan Ettinger schmissig und lustvoll, dynamisch und draufgängerisch. Meistens war die Musik Verstärker und nicht Kommentar des emotionalen Geschehens auf der Bühne. Wenn Cherubino zum Militär geschickt wird, donnert es gewaltig im Orchestergraben, wenn Figaro die Pantomime der Damen hinter des Grafen Rücken endlich richtig deutet, schwillt der Sound bekräftigend an - und mit der Lust am Klangmalen wird alles Pfeifen, Lachen und Wüten pointiert herausgearbeitet.

Starke Leistung von Sängern und Orchester

Das großartige Orchester, die schauspielerische Leistung des Sänger-Ensembles, aber auch die Entscheidung der Regie, die Grenzen der Komödie zum Klamauk nicht auszureizen, führen dazu, dass an diesem Fernsehserien-Set mit Sicherheit Besseres herauskommen würde als eine gefühlsduselige Telenovela, deren Dramaturgie sich ausschließlich aus Intrigen speist.

"Le nozze die Figaro" - Salzburger Festspiele

Mehr Informationen zu Besetzung und weiteren Aufführungsterminen finden Sie hier.

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